Zwischen den Welten

Der neu gefallene Schnee knirschte beruhigend unter meinen Schritten. Die eiskalte Winterluft brannte stechend in meinen erhitzten Lungen und vermittelte mir das Gefühl von Stärke.
Ich liebte diese Nächte. Ein Mal pro Woche fuhr ich hinaus aufs Land und lief in einem nahe gelegenen Wäldchen meine späte Runde. Früher habe ich mit meiner Mutter hier in der Nähe gelebt. Doch irgendwann, im Kindesalter, verließen wir mein Heimatdorf und zogen in die Stadt - an den Grund dieses Umzuges konnte ich mich nicht mehr erinnern. Auf eine mir unerklärliche Art und Weise zog mich dieser Ort immer noch magisch an. Woche für Woche wiederholte ich diese Prozedur, die für mich schon seit beinahe fünf Jahren zu einem festen Ritual geworden war. Ich glaube, ich begann damit kurz nach dem Tod meiner Mutter.
Es freute mich immer wieder, der trostlosen Anonymität der grauen, schnelllebigen Wolkenkratzerschluchten zu entfliehen und hier, wo ich mich zu Hause fühle, Entspannung und Ruhe zu finden. Nach einer Stunde physischer Verausgabung und psychischer Gelöstheit kehrte ich mit neuer Kraft und Energie in die mir von der Gesellschaft auferlegten Fesseln zurück und konnte nur durch die Vorfreude auf das nächste Mal die folgenden sieben Tage ertragen.
Gerade heute hatte ich diese Erholung bitter nötig. Nach einer zwölfstündigen, nervenaufreibenden Verhandlung, bei der es um den Verkauf meiner kurz vor dem Bankrott stehenden Software-Firma ging, fühlte ich mich leer und ausgebrannt. Ich war deprimiert: Wir hatten keine der unserseits gestellten Forderungen durchsetzen können. Nicht dass meine Berater und ich unfähig waren, kompetent zu argumentieren, nein, schuld an der Niederlage waren einige unbenannte Exangestellte, die das Wissen um den Notstand der Gesellschaft nach außen trugen und so sämtliche Grundlagen für erfolgreiche Verhandlungen zunichte machten. Nun war das Unternehmen verloren und seine siebzehn Angestellten arbeitslos. Ich wusste nicht mehr weiter, der Betrieb war mein ganzes Leben. Außerdem verließ mich Gina, die Frau meiner Träume. Leider hatte sie mich in einem schwachen Moment in eindeutiger Pose mit meiner Sekretärin erwischt...

Nach einer halben Stunde schweißtreibendem Laufen, gönnte ich mir - wie immer - eine kurze Pause, holte meinen Trinkbeutel aus dem kleinen Rucksack und trank gierig das erfrischende Wasser. Ich lehnte mich erschöpft an einen Baumstamm und betrachtete gleichgültig die gewohnte Dunkelheit um mich herum. Ein Blick auf meine Rolex verriet mir die Uhrzeit, 23:59. Aufgrund des heutigen Meetings war ich diesmal zwei Stunden später als gewohnt gestartet. Ich sollte mich beeilen. Der halbleere Trinkbeutel war schnell verstaut und der Rucksack wieder aufgeschnallt.
Ich war im Begriff zu starten, als plötzlich ein schriller Schrei die zeitlose Waldruhe durchbrach. Ich hielt inne und lauschte angestrengt, doch nun blieb alles leise. Ich versuchte den Laut zu definieren, doch es gelang mir nicht. War es nur ein Tier, vielleicht eine Eule? Möglicherweise wurde der Schall durch unbekannte Störungen verzehrt? Oder beeinflusste der erschöpfte Zustand meine ermattete Wahrnehmung? Meine Gedanken überschlugen sich. Unter Umständen war es ein Mensch in Not, dennoch konnte ich nicht bestimmen, ob es sich hierbei um einen männlichen oder einen weiblichen Ausruf handelte. Mein Gehirn suchte eine rationale Erklärung für diesen Klageton, doch etwas, tief in mir drin, wusste es besser und reagierte mit Furcht, aber auch mit Neugierde.
Die Wissbegierde siegte. Ich beschloss nach der Quelle des Geräusches zu suchen, ortete die ungefähre Richtung und machte mich mit vorsichtigen Schritten auf den Weg. Der Vollmond am wolkenlosen Himmel leuchtete hell in dieser Nacht und ermöglichte mir ein problemloses Zurechtfinden im dichten Gehölz.
Einige Minuten folgte ich einem überwucherten Pfad. Dieser führte in etwa dieselbe Richtung, die ich einschlagen musste, um mein am Waldrand parkendes Auto zu erreichen. Aus diesem Grund machte ich mir keine Gedanken um die bei dieser Suche verschwendete Zeit - zur Not konnte ich gleich nachhause fahren, es war spät und ich hatte sowieso genug für heute.
Ich erreichte die Stelle, die ich als das Ziel meiner "Fahndung" einschätzte. Ich trat aus dem Wald und stand am Rande einer kleinen Lichtung. Der klinisch weiße Schnee warf das Mondlicht an die umstehenden Baumgiganten und tauchte diese in ein geheimnisvolles, silbriges Licht.
"Endlich bist du gekommen", flüsterte eine rasselnde Stimme an meinem linken Ohr.
Erschrocken fuhr ich herum und hob meine zu Fäusten geballten Hände kampfbereit vor mir in die Höhe. Doch neben mir stand niemand. War ich so überarbeitet, dass ich mir Dinge einbildete?
"Ich habe lange auf dich gewartet", sprach dieselbe Stimme wieder. Nun jedoch rechts von mir.
Ich drehte mich blitzschnell um, aber auch hier keine Menschenseele. Langsam breitete sich ein flaues Gefühl in der Magengegend aus. Ich sammelte meinen ganzen Mut und fragte halblaut in die Leere, "Ist da jemand?"
"Sag bloß, du hast mich schon vergessen?", ertönte es über mir.
Ein Blick nach oben bestätigte mir, dass ich auch diesmal keinen sehen würde.
"Warum bist du weggelaufen? Dachtest du, mir entkommen zu können?"
"Ich weiß nicht wovon Sie reden", entgegnete ich nun etwas gefasster. Hier schien es sich um ein vernunftbegabtes Wesen zu handeln und offenkundig hielt es mich für jemand anderen. Ich war mir sicher, mit Worten das Missverständnis aufklären zu können. Ich tadelte mich sofort für meine Gedanken: "Wesen?" - wie mystisch. Wahrscheinlich erlaubten sich einige Kinder einfach nur einen Spaß mit mir, es gab mit Sicherheit eine vernünftige Erklärung für diesen Vorfall.
"Du weißt nicht wovon ich rede?" Fast schien es so, als ob sich das Unsichtbare amüsierte. "Dann lass mich deinem Gedächtnis auf die Sprünge helfen", flüsterte es Unheil verkündend.
Im selben Augenblick lief ein heftiger Windstoß durch die umstehenden Bäume. Die Baumkronen begannen zu rascheln und gespenstisch zu knarren. Zuerst hielt ich es für Einbildung, doch je länger ich hin hörte, desto deutlicher wurde es, und schlussendlich konnte ich es nicht mehr leugnen: die Bäume klagten. Sie schrien. Sie brüllten mich an. Und wurden dabei immer lauter. Die knorrigen Äste streckten sich drohend in meine Richtung, als wollten sie mich durchbohren. Der eisige Boden um die mächtigen Wurzeln erschauderte, als wollten sich die gigantischen Kolosse der lästigen Erde entwinden, um sich in ihrer uralten Wut auf mich zu stürzen. Auf der Lichtung wurde es merklich dunkler. Ich sah gen Himmel und stellte erschrocken fest, dass sich plötzlich auftauchende Wolken langsam vor den hilflosen Mond schoben.
Die Furcht packte mich - wenn es wirklich ein Streich war, dann war dieser verdammt gut gelungen. Auch wenn "nur" Menschen sich für dieses Schauspiel verantwortlich zeigten, war es angesichts dieser beeindruckenden Leistung vielleicht doch klüger die Regisseure der Darbietung nicht näher kennen lernen zu wollen. Warum sollte jemand einen solchen Aufwand betreiben ohne folgenschwere Konsequenzen für den Betroffenen zu planen?
Wegrennen, schoss es mir durch den Kopf. Ich wirbelte herum und erstarrte. An der Stelle zwischen den Bäumen, durch die ich die Waldlichtung betreten hatte, war der Pfad verschwunden. Es schien, als ob sich die blattlosen Bäume und dornigen Büsche zusammen geschoben hatten, um mir den Fluchtweg zu versperren. Nichts deutete mehr darauf hin, dass sich hier jemals ein Durchgang befunden hätte.
Inzwischen wurde das schrille Gekreische unerträglich. Ich presste beide Hände krampfhaft an meine schmerzenden Ohren und versuchte die Stimmen aus meinen Gehörgängen zu verbannen. Mein Herz pochte rasendschnell. Mir wurde es schwindelig. Ich brach zusammen, kippte auf die Seite und blieb stöhnend auf dem verschneiten Waldboden liegen. Kraftlos flehte ich um Ruhe.
Und als ob meine Bitte erhört worden war, wurde es still auf der unheimlichen Lichtung.
Ich öffnete die Augen und wartete einige Momente in meiner fötusähnlichen Liegestellung. War es möglich, dass alles vorbei war? Schleppend stemmte ich mich in die Höhe und schaute argwöhnisch nach hinten. Erst beobachtete ich erleichtert die trügerisch friedlichen Bäume um mich herum, doch als mein Blick erneut auf die Mitte der von Bäumen umringten Fläche fiel, erschauderte ich aufs Neue.
Dort, wo einige Minuten zuvor noch alles leer war, ragte nun ein kleiner Hügel auf. Dieser schien aus säuberst angehäuftem Schnee zu bestehen und in seiner Form erinnerte er mich an ein kleines Grab. Doch nicht dieser Anblick erschreckte mich, sondern das blasse, fast durchscheinende Abbild eines kleinen Jungen. Dieser stand auf der Erhebung und schaute mich kalt an.
"Erkennst du mich nun?", seine Stimme klang dieses Mal unschuldig, wie die eines naiven Kindes.
"Nein! Du verwechselst mich...", begann ich und verwendete in Anbetracht des Jungen das "Du".
Doch das Kind schien mich nicht hören zu wollen und redete weiter.
"Denkst du noch oft an den Winter vor dreißig Jahren? Wir beide waren sechs? Du wolltest nach draußen, mit deinen Freunden spielen. Mich hat Mutter dir aufgezwungen, gegen deinen Willen. So war es immer. Ich war behindert, körperlich und geistig - dachtet ihr. Doch ich begriff alles, ich konnte es nur nicht zum Ausdruck bringen. Mein Verstand kämpfte mit ganzer Kraft, konnte aber die innere Blockade nicht brechen.
Ja, ich bekam alles mit: Die bedauernden Blicke der Erwachsenen, den gemeinen Spott der anderen Kinder, deine Abneigung mir gegenüber und sogar den Ekel unserer Mutter mich zu berühren.
Erinnerst du dich jetzt?"
Ich schüttelte entgeistert den Kopf. "Ich habe keine Ahnung wovon du redest. Was soll das Ganze?"
"Lass mich weiter erzählen und du wirst bald alles begreifen", fuhr das Kind unbeeindruckt fort. "Das verspreche ich dir." Es grinste verschlagen.
"Am besagten Morgen, seid ihr, obwohl Mutter es verboten hatte, in den Wald gegangen, ihr wolltet eine Schneeballschlacht abhalten. Ich torkelte hinterher - mir machte es nichts aus, die Zielscheibe eures Spotts zu sein. Ich wollte nur dazugehören, wollte normal behandelt werden, doch keiner von euch gab mir auch nur die geringste Chance.
Hier, auf dieser Lichtung, habt ihr beschlossen die "Schlacht" zu führen. Einer der Jungs kam auf die Idee "Jagd" zu spielen, mit mir als dem gehetzten Tier.
Willst du mitspielen, fragtest du mich.
Ich nickte natürlich.
Dann renn weg, sagtest du, und warfst den ersten Schneeball.
Ich ignorierte den Schmerz, den deine Attacke in meinem Gesicht hinterließ und wankte los. Ihr gabt mir einen kleinen Vorsprung, seid dann hinterher gerannt und habt mich ständig geschubst - weil ich nicht schnell genug für euch war. Wie eine Schar skrupelloser Bluthunde seid ihr auf mich gestürzt. Ihr habt mich zu Boden gerissen. Überall war kalter Schnee. Irgendjemand lag auf meinem Gesicht, ich konnte nicht mehr atmen. Ich wollte nicht mehr spielen.
Und dann schaffte ich es irgendwie mich zu befreien und rannte los - so schnell wie ich noch nie in meinem Leben gerannt war. Ich schaute mich nicht um.
Die Baumzweige peitschten in mein Gesicht und hinterließen blutige Kratzer, doch ich bemerkte nichts davon. Euer Getrampel und euer Geschrei trieben mich vorwärts. Blind vor Entsetzen hastete ich durch den dichten Wald, nur mit dem einen Wunsch meinen hartherzigen Verfolgern zu entkommen.
Plötzlich stolperte ich, kullerte eine kleine Böschung herunter und landete auf der jungen Eisschicht, die den Teich in der Mitte des Waldes bedeckte.
Ihr tratet gleich nach mir aus dem Forst und standet lachend auf dem kleinen Abhang.
Ihr habt beobachtet, wie das hauchdünne Eis unter mir sprang und ich in das eisige Wasser stürzte. Mit erbarmungslosen Anfeuerungsrufen habt ihr meinen Untergang begleitet. Keiner von euch versuchte mir zu helfen - auch du nicht - für euch alle war es nur Spaß.
Ich ruderte hilflos mit meinen müden Armen in dem trüben Grün, doch es war vergebens. Ich versuchte an kleinen Eisschollen Halt zu finden, doch diese brachen abermals auseinander und ließen das rettende Ufer sich immer weiter entfernen.
Und dann, ich weiß nicht ob es der plötzliche Schock oder die unmenschliche Anstrengung war, konnte ich auf einmal klar denken. Zwischen dem hastigen Japsen nach Luft und den schmerzlichen Beinkrämpfen konnte ich spüren wie die Barriere, die schon seit so vielen Jahren mein Denken und Handeln behinderte, sich löste und ich ohne Einschränkung agieren konnte. Ich schrie um Hilfe, nicht wie sonst: leise und stotternd, sondern laut und klar. Aber keiner schien den Unterschied zu bemerken. Nicht einmal du ahntest die Veränderung, die in mir zu diesem Zeitpunkt statt fand.
Ich bettelte um Errettung, aber du sahst mich weiterhin tatenlos an. Ich blickte dir in die Augen und konnte deine Gedanken lesen: Hoffentlich stirbt er bald, dann habe ich endlich meine Ruhe vor dieser Last. Keiner wird ihm nachtrauern. Gehe doch endlich unter, du lästige Kreatur.
Und dann begriff ich: es gab keinen auf dieser Welt, der mich vermissen würde, es gab niemanden der mich erwarten würde, wenn ich am Leben bliebe. Auch nicht wenn ich meine Behinderung überwunden hätte. Zu tief war die Abneigung mir gegenüber in den Herzen der Anderen verwurzelt. Ich gab den aussichtslosen Kampf auf und entspannte meine Glieder. Die letzten Luftblässchen verließen meinen kraftlosen Körper und ich glitt sanft in die ungewisse Finsternis."
"Aufhören!", schrie ich aus allen Leibeskräften.
Wie ein Wasserfall fielen die Erinnerungen über mir zusammen. Ich sah den betreffenden Wintermorgen und die unheilvolle Hetzjagd, erkannte das schmerzverzogene Gesicht meines zurückgebliebenen Zwillingsbruders, während er um sein Leben kämpfte, begriff ich warum meine Mutter in die Stadt zog, erinnerte mich auch an die Alpträume, die mich jahrelang heimsuchten und an die "erfolgreiche" psychiatrische Behandlung, die mich das Verdrängen lehrte. Doch nun gab es kein Entkommen aus meiner Schuld.
Warme Tränen liefen über mein Gesicht. Übelkeit stieg in mir auf. Ich rief das Kind an, mir zu vergeben und mich von dieser Last zu befreien.
Doch die Erscheinung fragte nur gefühllos, "Du flehst um Vergebung? Kannst du dich an meine letzten Worte erinnern? Hast du mir geholfen?"
Ich verstummte schuldbewusst.
"Hab keine Angst, mein Bruder, es dauert nicht mehr lange, dann sind wir beide wieder vereint. Ich habe so lange auf diesen Moment gewartet. Doch lass mich erst einmal die Geschichte zu Ende erzählen."
Während ich wie versteinert da stand, fuhr er fort.
"Früher liebte ich Erzählungen über das Leben nach dem Tod. Besonders haben mich die Beschreibungen der Engel im Himmel fasziniert. Als ich in der Tiefe des Weihers verschwand, freute ich mich auf ein neues Leben: frei und gleichberechtigt.
Doch es kam alles anders als ich dachte.
In meinem kurzen Leben hatte ich nie Liebe gekannt. Mitleid und Abneigung waren die einzigen Gefühle, die ich erfahren durfte. Der Himmel ist aber nur über den Weg der Liebe zu erreichen, so konnte ich den Himmel nicht betreten.
Für die Hölle war ich mit meinem Alter noch zu unschuldig. Auch dieser Weg blieb mir somit verwehrt.
Mein Geist schwebte zwischen den Welten und wusste nicht wohin, so kehrte ich an diesen Ort zurück - der einzige Ort, den ich erreichen konnte, der Ort meines Todes. Hier, in diesem Wald, stellte ich überrascht fest, dass ich nicht die einzige verlorene Seele war. Hier fand ich viele Freunde, Freunde, die mir zu Lebzeiten verwehrt blieben. Ich suchte einen Sinn in meinem endlosen Dasein. Ein Ziel, dessen Erreichung mich ausfüllen sollte, und schließlich fand ich dieses: meine Rache an dir sollte mich befriedigen.
Jahrelang suchte ich nach einem Weg dich zu erreichen. Telepathie, fand ich heraus, ist sehr stark zwischen Zwillingen. Je mehr ich mich auf dich konzentrierte, desto tiefer konnte ich in deine Gedanken eindringen. Das Einzige, was mir Probleme bereitete, war die enorme Distanz zwischen uns beiden. Da ich an diesen Ort gebunden war, musste ich dich herlocken. Dies erreichte ich, indem ich dein Unterbewusstsein behutsam mit falschen Informationen fütterte, um dich seelisch von diesem Wald abhängig zu machen. Wie du siehst funktionierte diese Strategie blendend.
Du fragst dich bestimmt, warum ich solange gewartet hatte, bevor ich mich zu erkennen gab?
Der Grund dafür war simpel: Langeweile.
Da ich an diesen Ort gebunden war, wurde mein Zeitvertreib nur durch deine Erlebnisse "finanziert". Ich lebte dein Leben durch deine Erinnerungen nach und füllte mich dadurch zuweilen wie ein richtiger Mensch - auch etwas, das mir zu Lebzeiten verwehrt blieb. Für dieses Gefühl stellte ich meine Rache gerne in den Hintergrund.
Doch nun hast du mir nichts mehr zu bieten, dein Leben liegt in Trümmern, dein Lebenswerk zerstört, du bist alleine. Du ödest mich an. Aus diesem Grund sollte ich mein Vorhaben nun vollenden.
Ich denke auch, dir kommt dieser Zeitpunkt nicht ungelegen, befindest du dich doch - genauso wie ich damals - in einem Zustand, in dem das Glück nicht ferner liegen könnte. Stimmst du mir dabei zu?"
Ich starrte schweigend auf den Boden vor meinen Füssen. Was ich gerade erfahren hatte, war so unvorstellbar, war so unglaublich, dass mich jeder, dem ich dieses erzählen würde, für verrückt halten würde. Und doch konnte ich wegen der Beweise vor mir und um mich herum, die Wahrheit nicht leugnen.
Ich wusste instinktiv, dass ich meines Bruders Entschluss nicht ändern konnte - an seiner Stelle hätte ich ebenso gehandelt. Ich dachte noch einmal an meine erneut gewonnene Erkenntnis aus unserer Kindheit. Alles, was der Geist in Bezug auf mich sagte, traf zu: ich hasste ihn früher, konnte diesen Störfaktor in meinem sonst sorgenfreien Leben nicht ertragen. Ich schämte mich für ihn vor der Verwandtschaft, vor den Erwachsenen im Dorf und am allermeisten vor meinen Freunden - und wünschte mir des Öfteren sein Verschwinden. Auch noch während seines Kampfes ums Überleben erhoffte ich mir seinen Tod. Als er aber aufhörte zu strampeln, sich mit einem Lächeln im Gesicht dem Schicksal ergab und unter dem messerscharfen Eis verschwand, starb ein Teil von mir mit ihm.
Ich war schuldig, gar keine Frage. Meine Gedanken und meine Taten sprachen gegen mich.
Auch was mein Leben angeht, hatte er Recht: Ich stand vor dem Nichts und musste von Neuem beginnen.
Aber war ich bereit zu sterben? Ich gestand mir ein, dass dies nicht der Fall sei. Mein Bruder bewies an der Kehrtwendung seines Lebens Mut und handelte entschlossen, ihm gehörte mein Respekt. Ich dagegen, stellte mich nun als Feigling heraus und war nicht bereit die Konsequenzen für mein Handeln zu tragen. Ich wollte leben. Ich wollte eine zweite Chance.
Und so fiel ich bettelnd auf die Knie und winselte erbärmlich um mein Leben.
Dies schien meinen Scharfrichter nicht zu berühren.
Wieder pfeifte der grauenhafte Wind durch die nackten Baumwipfel. Die Bäume schüttelten sich und streckten wiederholt ihre gierigen Greifer in meine Richtung. Das stöhnende Klagen setzte sich fort.
" Es gibt für dich kein Entkommen", sprach er ruhig und endgültig. "Ich durfte nie mit deinen Freunden mitspielen, vielleicht kommst du mit meinen Gefährten besser zu recht."
Ein schwaches Erdbeben erschütterte die Lichtung. Kleine Brocken gefrorener Erde wurden in die Höhe geschleudert, als an dutzenden Stellen der Lichtung der eisige Boden aufbrach. Aus diesen erdigen Löchern und lichterlosen Klüften erhoben sich ganz gemächlich und stark klappernd, modrige fleischlose Knochengerüste. Von Sekunde zur Sekunde wurden es mehr.
Ich war starr vor Angst und konnte weder schreien noch mich bewegen. Aber auch wenn ich schreien würde, wer sollte mir zu Hilfe eilen. Und wenn ich laufen könnte, wie sollte ich diesem teuflischen Ort entkommen? Und so blieb mir nichts anderes übrig, als hilflos da zu stehen und mit aufgerissenen Augen meinem Untergang entgegen zu starren.
Wie eine unaufhaltsame kreidebleiche Welle bewegten sich hunderte glutäugiger Skelette stumm, aber bestimmt, auf mich zu.
Die meisten dieser Gerippe waren tierischen Ursprungs: ich sah stolze Rehe, schlanke Wölfe und wuchtige Bärengestalten auf mich zu steuern. Zwischen den größeren Tieren konnte ich sogar winzige Skelette von Hasen und Eichhörnchen erkennen die nun überhaupt nicht mehr niedlich aussahen, sondern mordlüstern zu grinsen schienen. In einigen Kreaturen erkannte ich aber auch Menschen unterschiedlicher Lebensstadien. Vom kriechenden zierlichen Knochengerüst eines Kleinkindes, über die zweimetergroße breitschultrige Gestalt eines ausgewachsenen Mannes, bis zum gebückten verkrüppelten Greisen, war alles vertreten. Den meisten Untoten fehlten hier und dort einige Gliedmassen. An manchen Wesen hingen noch faulige Hautfetzen, schleimige Eingeweide quollen aus dem Inneren der Frischverstorbenen.
Ich hörte meinen Zwillingsbruder boshaft kichern und konnte beobachten wie seine Erscheinung flimmerte und sich veränderte: aus dem unschuldigen Kind wurde eine grässliche pechschwarze Kreatur. Ihr langer Schwanz peitschte drohend an die Seiten und der schlanke, haarlose Leib spannte sich zum Angriff.
Die ersten Bestien erreichten mich, griffen nach mir, zerrten blutgierig an meinem steifen Körper und warfen mich hart zu Boden.
Das Letzte was ich sah, bevor ich in der Menge aus kalten Knochen und grausamen Gebissen unterging, war die teuflische Gestalt meines Bruders, die blitzschnell zwischen den seelenlosen Soldaten seiner Armee, auf mich zu hechtete.

Ein bestialischer Schrei durchbrach die nächtliche Stille, schreckte unzählige Vögel aus dem tiefen Schlaf und ließ sie verärgert zwitschernd in das blutrote Morgengrauen steigen.

Am nächsten Tag erwachte ich unter einer zentimeterdicken Schneedecke. Mein geschundener Körper schmerzte und ich fror unmenschlich. Voller Panik befreite ich mich aus meinem Gefängnis und sah mich schlotternd um. Ich saß inmitten der gestrigen Winterlichtung. Es schien geschneit zu haben, denn alle Spuren der letzten Nacht waren wie weggewischt. Die Sonne schien sommerlich und der Himmel war strahlend blau.
Ich sah an mir herunter: Meine Kleider waren zerrissen, meine Haut zerkratzt und zerbissen. Geronnenes Blut verklebte mein Haar und der linke Arm hing schlaff an mir herunter. Wie in Trance schleppte ich mich zu meinem Auto.
Mit Erfrierungen und einem gebrochenen Arm kam ich in die Notaufnahme des städtischen Krankenhauses. Dort verbrachte ich zwei Wochen um mich zu regenerieren und von dem Schock zu erholen.
In der dritten Woche fuhr ich tagsüber und in Begleitung der Polizei zum Ort des Geschehens, zeigte die Lichtung und beschrieb erneut mein furchtbares Erlebnis.
Natürlich glaubte mir niemand. Die Spurensicherung fand keinerlei Beweise für das Erzählte. Die Ärzte meinten ich wäre überarbeitet gewesen - daher meine Fantastereien - und wurde nur von wilden Tieren angegriffen. Ich hätte Glück, dass die Biester wahrscheinlich von etwas erschreckt worden waren und ihre grausige Tat nicht beenden konnten.
Doch ich bestand auf meiner Version der Geschichte, erwachte jede Nacht schreiend und schweißgebadet aus meinen Alpträumen und erschrak auch tagsüber bei dem kleinsten Geräusch.
Der behandelnde Arzt riet mir, mich in psychiatrische Behandlung zu begeben. Doch ich weigerte mich, ich wollte nicht wie meine Mutter enden. Vor fünf Jahren erhängte sie sich in der geschlossenen Anstalt, nach dem sie wegen unzähliger Nervenzusammenbrüche dorthin eingeliefert wurde. War ihr dasselbe passiert wie mir? Hatte mein schrecklicher Bruder einen Weg gefunden auch sie um den Verstand zu bringen?
Nein, ich war nicht verrückt, ich kannte die Wahrheit: er lauerte immer noch irgendwo da draußen. Ich wusste genau, dass er mich mit Absicht am Leben gelassen hatte. Er hatte seine Rache noch nicht beendet, würde mich aber schon sehr bald zu sich holen - auf mich wartete noch etwas, das weitaus schlimmer war als der Tod: ein Leben zwischen den Welten.

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