Leichenstarre

Die Leute würden sagen Lina Amsen wäre eine erfolgreiche Geschäftsfrau - und mit dieser Aussage hätten sie absolut recht. Den mit ihren fünfunddreißig Jahren leitete Lina eine eigene Bankfiliale und "befehligte" eine Truppe von gut einem Dutzend Angestellter. In ihren Kontaktdatenbanken befanden sich abertausende Daten von zahlungskräftigen Kunden und einflußreichen Geschäftspartnern. Viele dieser Kontakte waren bekannte Persönlichkeiten und unterstützten Lina auf ihrem Weg nach oben. Andere wiederum waren nur flüchtige Bekanntschaften, die kaum eine Auswirkung auf ihren beruflichen Werdegang hatten. Doch auch wenn sie all diese Leute kannte, beschränkten sich diese Kontakte ausschließlich auf das rein Geschäftliche - an dieser Stelle vermochte Lina strikt zu trennen. Linas Privatleben, wenn man ihr Privatleben überhaupt als solches bezeichnen durfte, war eher von bescheidenen Freundesbeständen geprägt. Elf bis zwölf Stunden täglicher Arbeit forderten Linas ganze Energie und so war an Freizeit gar nicht zu denken. Auch die Wochenenden waren regelmäßig mit geschäftlichen Verpflichtungen ausgefüllt.
Doch egal was kam, ein persönliches Wochenende pro Monat gestand sich Lina immer zu. Diese Wochenenden hatten fast immer den gleichen Ablauf. Freitag abends machte sie sich chic und ging aus. Meistens alleine. Sie trank Cocktails, tanzte bis zum Morgengrauen und genoss das Nachtleben bis zur Ekstase. Eine Ekstase, welche nicht selten durch eine flüchtige männliche Bekanntschaft unterstützt wurde. Doch am nächsten Mittag wurde die nächtliche Eroberung ohne Wiederrede und auf Nimmerwiedersehn nach hause geschickt. Jeder hatte seinen Spaß und bekam das was er wollte. In Linas Augen gab es hier keinen Raum für Skrupel oder altmodische Ansichten. Damit war der anstrengende Teil des Wochenendes herum. Dann hatte Lina noch den halben Samstag und den ganzen Sonntag Zeit um zu lesen, Sport zu treiben und sich von denn allgemeinen und speziellen Strapazen der vergangenen Wochen zu erholen.
Auch heute war so ein Wochenende. Genauer gesagt war es Samstag morgen und Lina erwachte früher als sie es sonst tat. Die Uhr zeigte 08:22 und neben ihr schlief ein muskulöser männlicher Körper. Lina schüttelte den Kopf um die Müdigkeit zu vertreiben und ließ die letzte Nacht Revue passieren. Sie konnte sich nur sehr bruchstückhaft an die Geschehnisse der vergangenen Stunden erinnern. Wie es schien, hatte sie es mit dem Alkohol mal wieder übertrieben, denn sie wußte nicht wann und wie sie herkam. Apropos herkommen, wo war "Hier"? Ihre Wohnung war das hier jedenfalls nicht, also mußte es seine Wohnung sein. Sie sah sich um. Das Schlafzimmer war sehr geräumig und die Möbel machten einen teuren Eindruck. Die Einrichtung war zwar minimalistisch, aber sehr niveauvoll arrangiert. Ein Mann mit Geld und Geschmack, ein seltener Fall, dachte sich Lina. Nur über das Raumparfüm, einem sehr schwachen, aber dennoch aufdringlichen Duft, konnte man geteilter Meinung sein.
Sie blickte nach Rechts. Dort lag er, der mysteriöse Fremde. Sie sah ihn genauer an. Er schien einige Jahre jünger zu sein als sie. Sie schätzte sein Alter auf Mitte, Ende dreißig. Er hatte langes gelocktes Haar und ein markantes Gesicht. Der Körper war schlank und perfekt durchtrainiert, er konnte problemlos mit den Abbildungen griechischer Jünglinge aus dem antiken Athen konkurrieren.
Nicht schlecht Lina, dachte sie und lächelte über das Eigenlob. Der schöne Unbekannte murmelte etwas unverständliches und drehte sich im Schlaf herum. Ein Stündchen könnte sie das hier noch genießen - sie umarmte den Fremden von hinten und schmiegte sich an den wohlgeformten Körper.
Einige Minuten vergingen, in denen sie mit sich selbst kämpfte. Sollt sie den Typen aufwecken um vor dem Gehen noch etwas Spaß zu haben oder sollte sie sich klammheimlich aus der Wohnung herausschleichen und die letzte Nacht ad acta legen?
Diese Entscheidung wurde ihr jedoch abgenommen, als es ihr plötzlich schwarz vor den Augen wurde und das Zimmer um sie herum sich zu drehen begann. So plötzlich der Anfall kam, so schnell verschwand er auch wieder. Sie lag noch einige Minuten im Bett und wartete auf eine Wiederholung der Übelkeit. Doch es folgte nichts. Wahrscheinlich war sie nur etwas übermüdet, was bei ihrer Arbeitsbereitschaft kein Wunder war. Den Rest dieses Wochenendes würde sie ausschließlich der Entspannung und dem Schlaf widmen. Und sie würde sofort damit anfangen. Um den Unbekannten nicht zu wecken, stand sie ganz vorsichtig auf und zog sich leise an. Sie vergewisserte sich nichts vergessen zu haben und spielte kurzzeitig mit dem Gedanken dem Schlaffenden eine Notiz zu hinterlassen. Doch was sollte sie drauf schreiben, wenn sie sich weder an seinen Namen, noch an die letzte Nacht erinnern konnte. Sie verwarf die Idee und verließ die fremde Wohnung.

Der Samstag verlief nicht annähernd so, wie sie es geplant hatte. Die Anfälle wiederholten sich in immer kürzer werdenden Abständen. Zusätzlich kam am Sonntag noch ein sonderbarer Ausschlag dazu, den sie gleich nach dem Aufwachen entdeckte. Rote Flecken und eitrige Pusteln bedeckten ihren ganzen Körper. Auch füllte sie sich fiebrig und der Thermometer bestätigte ihre Vermutung mit einer deutlich erhöhten Körpertemperatur.

Als am Montag keine Besserung eintrat, hatte sie sich in der Bank krank gemeldet und ging zu ihrem Hausarzt.
Der Arzt war absolut ratlos. Er meinte solche, sich zum Teil widersprechenden Symptome noch nie gesehen zu haben und schickte Lina zu einem Kollegen, dem Experten auf dem Gebiet der Hautkrankheiten.
Der Spezialist hatte sofort eine Diagnose stellen können, war sich aber nicht sicher, wie er diese Diagnose mit Linas Lebenswandel in Verbindung bringen sollte. Er fragte, ob sie in den letzten Tagen bei einer Beerdigung gewesen wäre oder ob sie sonst irgendwie mit Toten in Berührung gekommen war. Und ob ihr Beruf in einer Art und Weise mit dem Tod zu tun hätte. All das verneinte Lina und fragte den Arzt nach dem Grund seiner Befragung. Die Symptome, wie sie Lina aufwies - meinte er - können eindeutig einer Allergie zugeordnet werden, mit der Leichenbestatter und Totengräber oft zu kämpfen haben. Nach dem Tod, entstehen im Zuge der Verwesung im Innere einer Leiche verschiedene giftige Substanzen, auf die manche Menschen mit allergischen Reaktionen verschiedener Art reagieren. Doch weder der Arzt, noch Lina konnten es sich unter den gegebenen Umständen erklären, wie sie zu diesem Problem kam. Der Arzt verschrieb ihr Medikamente und empfahl viel Bettruhe. Er beruhigte Lina und meinte, dass es ihr in wenigen Tagen wieder gutgehen werde und sie sich keine Sorgen zu machen brauchte.

Vier Tage vergingen und die Ausschläge verschwanden tatsächlich fast vollständig. Die Schwindelanfälle hörten auf und auch das Fieber klang ab. Die körperliche Regeneration schien bald abgeschlossen zu sein, doch seelisch erging es Lina gar nicht gut. Sie war eine Frau, die stets alles unter Kontrolle hatte. Ihrer Meinung nach, gab es für alles eine rationale Erklärung. Doch in diesem Fall blieb eine wichtige Frage offen: wo kam sie mit dem Tod in Berührung. In Gedanken ging sie immer und immer wieder die letzten Wochen durch, fand aber keine plaubible Erklärung. Was hatte sie die letzten Tage gemacht, das sich von ihrem bisherigen Leben unterschied? Das Einzige was ihr immer wieder auffiel, war ihre namenlose Bekanntschaft vom Wochenende. Doch diese Bekanntschaft war alles andere als tot. Im Gegenteil, Lina erinnerte sich zwar immer noch nicht vollständig, doch einiges aus dieser Nacht fand nach und nach den Weg aus dem Nebel des Vergessens und heiße Liebesszenen voller wilder Leidenschaft und wohltuender Befriedigung tauchten vor ihrem inneren Auge auf. Nein, dachte sie mit einem schelmischen Lächeln im Gesicht, dieser Mann war ungeheuer lebendig. Doch plötzlich durchkreuzte ein entsetzlicher Gedanke ihren Erinnerungen und das Lächeln gefror auf ihrem Gesicht. Sie vergewisserte sich der Uhrzeit, griff zum Telefonhörer und wählte die Nummer einer Arztpraxis. Es klickte und eine weibliche Stimme meldete sich. Lina verlangte nach dem Arzt. Nach einer kurzen Pause meldete sich die bekannte Stimme des Hautarztes. Ohne umschweife platzte Lina mit ihrer Frage heraus. Der Arzt überlegte kurz und bestätigte Linas Vermutung - ja, es war möglich die Toxide von einem Menschen, der in Berührung mit einer Leiche kam, auf einen anderen Menschen zu übertragen. Manche waren vollkommen unempfindlich gegen diese giftigen Substanzen, anderen wiederum reichte auch schon der kleinste Kontakt um heftige allergische Reaktionen zu bekommen. Worauf sie hinaus wollte, fragte sie der Doktor. Doch am anderen Ende der Leitung wurde schon aufgelegt und hastig eine neue Nummer gewählt. Es klickte erneut und eine andere weibliche Stimme meldete sich: Polizeidirektion Würzburg, wie kann ich ihnen helfen?

Es viel Lina nicht schwer das Haus wieder zu finden, in dem sie die eine Nacht mit dem Unbekannten verbracht hatte. Sie wurde von zwei Polizeikommissaren vom Morddezernat begleitet. Zusätzlich wurden sie von acht weiteren Beamten einer Spezialeinheit unterstützt, die ihnen in einem schwer gepanzerten Fahrzeugen folgten...

Epilog
"... schreckliche Entdeckung haben Polizeibeamte gestern Abend gemacht, als sie aufgrund eines Hinweises aus der Bevölkerung die Wohnung eines Unbekannten stürmten. Zu ihrem Entsetzen entdeckten sie dort mehrere zerstückelte Leichen. Allem Anschein nach handelte es sich bei den Opfern um mehrere junge Frauen, die seit einigen Wochen als vermisst galten. Gegen Mittag ist eine Pressekonferenz der lokalen Polizei angesetzt, bei der weitere Einzelheiten bekannt gegeben werden. Wir halten sie auf dem Laufenden. Und nun wie immer, die besten Schlager aus den letzten drei Jahrzehnten. Ihr Hit-Radio..."

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