Fucking days like today

Kapitel 1

Er lag auf seiner alten verschlissenen Couch und masturbierte routiniert. Auf der linken Seite mit angewinkelten Beinen liegend bekam er seit seiner Kindheit den geilsten Orgasmus. Doch heute klappte es irgendwie nicht. Vielleicht sollte er eine andere "Taktik" versuchen. War es abartig sich immer wieder in der selben Haltung einen zu wedeln? Es käme wohl auf den Vergleich an, dachte er. Es selber hatte zwar nie Männergespräche über sexuelle Vorlieben geführt, doch seine Ex, ein paar Jahre älter und überdurchschnittlich reich an Fickerfahrung, hatte ihn sehr gerne an ihrer Vergangenheit teilhaben lassen. Jedes Mal wenn beide nach einer ausgedehnten Nummer schweißgebadet im durchwühlten Bett lagen, sprach sie überaus offen von ihren früheren Stechern. Vielleicht dachte sie, er solle etwas aus ihren Geschichten lernen. Vielleicht sollten ihn ihre plumpen Vergleiche animieren sich beim nächsten Mal mehr anzustrengen. Womöglich bildete er sich diese Andeutungen auch nur ein. So oder so, es war ihm egal. Er ging nie auf Themen ein, bei denen sogar der größte Trottel einen Streit vorhersehen konnte. In solchen Momenten gab er sich alle Mühe von dem unerwünschten Thema abzulenken und spielte anrüchig grinsend zwischen ihren Beinen herum. Oder zwischen seinen eigenen Beinen. Beides lief aufs Gleiche hinaus.
Es störte ihn nicht im Geringsten, dass sie über andere Männer redete. Ihre Beziehung begrenzte sich auf das rein Sexuelle. Zwei bis drei Mal die Woche trafen sie sich und rammelten voller Leidenschaft bis der Schmerz kam. Meistens war er derjenige, der den Kampf verlor, doch mit dem bewährten Gleitgel und etwas Handarbeit reichte es immer noch für ein Paar weitere Ficks. Ob er Gefühle für sie empfand? Außer Geilheit? Inzwischen nur noch Gleichgültigkeit. Wenn sie es nicht wäre, dann wäre es eine andere. Bei Nacht sind die Straßen voll von notgeilen Nymphomaninnen, missverstandenen Ehefrauen und unerfahren Teenies. Eine zu finden ist keine Kunst. Schwer wird es dann diese am nächsten Morgen aus der Wohnung zu bekommen. Aber Übung macht ja bekanntlich den Meister.
Bei Eva war es anfangs ganz anders. Sie hat ihn noch in der selben Nacht, gleich nach dem er sie beglückt hatte, aus ihrer Wohnung geworfen. Das hatte ihm imponiert. Er traf sie wieder. Und wieder. Irgendwann gewöhnte sich an dieses unkomplizierte Beisammensein. Er ging immer seltener auf die Pirsch. Wurde träge und als Eva nach drei Monaten verkündete sie habe gestern ihren Traummann kennengelernt, den zukünftigen Vater ihrer Kinder, warf er ihre Klamotten aus dem Fenster, knallte er ihr die Haustür vor der Nase zu und lies sich von seiner Rechten trösten.
Seit dieser Zeit, circa ein Jahr war vergangen, hat er sich aufs Onanieren spezialisiert. Schnell, bequem und hundertprozentig frei von Tripper, Gonorrhöe und Aids. Kein stundenlanges Blabla, keine Spaß bremsenden Verhüterlis und das Beste: keine Probleme mit dem Rausschmiss am nächsten Morgen. Vielleicht sollte er auf dieser Erkenntnis eine Religion gründen und hinaus in die trostlose Welt marschieren um den einzig wahren Glauben zu verkünden. Diesen Gedanken sollte er bei Gelegenheit weiterverfolgen. Im Moment war nicht die richtige Zeit dafür. Ein Schwall warmen Spermas schoss aus seinem malträtierten Schwanz, traf die Couchlehne und lief auf der Innenseite gemütlich herunter. Er fluchte und griff nach dem bereitgelegten Taschentuch. Schon wieder zu spät. Den Höhepunkt verpasst und die Couch eingesaut - das Leben kann so grausam sein. Er wischte lieblos über die Couchlehne, stand auf und ging ins Bad. Heute würde mit Sicherheit nicht sein Tag sein. Die Sonne ging auf. Der Wecker klingelte. In einer halben Stunde sollte er im Büro sein.


Kapitel 2

Und er sollte recht behalten, das war mit Sicherheit nun ganz und gar nicht sein Tag. Irgendwelche Arschgesichter haben zwei der Reifen an seinem Kombi zerstochen und die Scheibe an der Fahrertür eingeschlagen. Er musste nicht einmal ins Auto schauen um zu bemerken, dass wahrscheinlich genau dieselben Fixer ihre Notdurft im Inneren des Wagen verrichtet hatten. Den Geruch, denn seine kuhfellbemusterten Sitzbezüge ausströmten, nahm man auch aus einigen Metern Entfernung problemlos wahr. Es ließ ihn kalt. Die Karre hatte diese Welt schon einige Jahrzehnte mehr als es sich für ein Auto gehört befahren und sah dementsprechend aus. Die letzten Wochen zickte es immer mehr und hätte den nächsten Tüv unter Garantie nicht bestanden. Im Vorbeigehen trat er mit halber Kraft gegen die verdellte Fahrertür. Ein großer Brocken Spachtel löste sich aus der Karosse und fiel auf den mit Zigarettenstummeln übersäten Boden. Das Geräusch ging im Lärm eines vorbei rasenden Achtzylinders unter. Wie passend dachte er sich, ein stiller und unauffälliger Tod für etwas Stummes und Ungeliebtes. Ruhe in Frieden, dachte er in einem kurzen Anflug von Anteilnahme und machte sich auf den Weg zu dem nahe gelegenen Taxistand. Vergiss heute Abend nicht die Nummernschilder abzuschrauben, irgendeiner wird sich schon um den Schrott kümmern – waren seine letzten Gedanken an seinen langjährigen Begleiter.

Er stand im Stau. Ein Auffahrunfall von mehreren Fahrzeugen hatte die dreispurige Straße mit einem Schlag dicht gemacht. Trotz der schnellen Reaktion seitens der Polizei, war man dem Strom des allmorgendlichen Berufsverkehrs in das Innere der Stadt nicht gewachsen. Weitere Unfälle in der unmittelbaren Nähe des ersten Unglücks folgten und schon bald waren auch die meisten Seiten- und Umleitungsstraßen dicht. Als sein Taxi im Schritttempo an der Unfallstelle vorbei rollte, sah er wie die Verletzten und die Toten per Hubschrauber vom Ort des Unglücks abtransportiert wurden. Mehrere Unfallbeteiligte standen verloren herum oder wurden medizinisch versorgt. Manche schrien und weinten, andere befanden sich in einem schockähnlichen Zustand und bekamen von den Ereignissen um sie herum nicht viel mit. Metallklumpen, vormals in Form eines Autos, lagen brennend und rauchend herum. Trocknendes Blut malte bizarre Gebilde auf den erhitzten Asphalt. Die Gaffer drängelten sich an den Rand des Geschehens. Und die Sonne brannte heiter und unbekümmert auf dieses schaurige Schauspiel.
Auch ihn berühre die Szenerie in keinster Weise. Er wusste welche Gefühle in solchen Situationen angebracht wären. Doch diese Gefühle waren einfach nicht da. Kein Mitleid mit den Toten, keine Anteilnahme an dem Leid der Überlebenden, einfach gar nichts. Es war als liefe ein Film, den er nur ganz nebenbei anschaute. Nicht genug um Nähe zu den Protagonisten zu entwickeln. Folglich auch keine Gefühlsregung wenn es den Darstellern schlecht erging. Doch das hier war das wirkliche Leben. Hier ging es um echte Menschen und um wahre Schicksale.
Polizisten, Sanitäter und Feuerwehrmänner eilten immer noch hin und her. Jeder kannte seine Aufgabe und reagierte eingespielt auf seinem Gegenüber. Er schloss die Augen und rief sich Mozarts 5. Symphonie ins Gedächtnis. Als er die Augen wieder öffnete, stellte er sich vor wie die Menschen um ihn herum tanzten. Er lächelte kurz und freudlos. Leider genügte diese Vorstellung nicht um die innere Leere zu vertreiben. Er lies sich zurück auf die Rücksitzbank fallen und der Verkehr kroch langsam weiter.

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