Sherlock und der dunkle Mond

Mr. Sheik und Mr. Trelony waren zwei Herren von fortgeschrittenem Alter und altem Schlag. Eigentlich hießen sie Peter Müller und Herbert Schneider, doch da beide Fans von allgemeiner englischer Literatur und im Speziellen verrückt nach Kriminalromanen und Helden dieses Genres von der Insel waren, haben sie sich kurzerhand gegenseitig Namen gegeben, die ihrer inneren Persönlichkeit besser entsprechen, als die unpassenden Vornamen, die Ihre Eltern sich ausgedacht hatte. Auch der Familienstolz auf Ihre Nachnamen war beiden fremd.
Die beiden Freunde kannten sich bereits seit ihrer Kindheit und waren seit jeher Nachbarn. Sie spielten im selben Sandkasten. Besuchten denselben Kindergarten. Auch die folgenden Schuljahre wichen sich die beiden nicht von der Seite. Unnötig zu erwähnen, dass sie sich ebenfalls in das selben Mädchen verliebten, welches sich mal dem einen, mal dem anderen zugeneigt füllte. Dieser Umstand bewirkte nur eine kurzzeitige Entzweiung der beiden Freunde, denn dank dem sprunghaften Wesen der begehrten Dame, gab es bald einen dritten Bewerber, welcher in einem kurzen, aber heftigem Kampf den Krieg für sich entschied und mit seiner romantischen Beute von dannen zog.
Der Rest der Vergangenheit ist schnell erzählt. Die beiden Freunde heirateten recht früh und verloren im Lauf der Jahre ihre Eltern und die Ehefrauen teils in unglücklichen schicksalhaften Ereignissen, teils unabwendbar und krankheitsbedingt. Der Kindersegen hat sich bei beiden nicht eingestellt und so blieben von den vergangenen Jahrzehnten nur Erinnerungen an die gemeinsamen Angeltage und, natürlich, das ungebrochene Interesse an britischen Detektivgeschichten.
Was für die einen die Bibel war – sie lebten in einem kleinen katholischen Dorf unweit vom unterfränkischen Würzburg – waren für die beiden Büchern von Edgar Wallace, Agatha Christie und Sir Arthur Conan Doyle. Wie ein Priester Ferse aus dem Heiligen Buch zitieren konnte, waren die Freunde in der Lage Passagen, ja sogar ganze Kapitel, aus diesen zeitlosen Klassikern vorzutragen. Ihre gemeinsamen Gespräche drehten sich um die die Fälle der berühmten Ermittler, ob real oder fiktiv, spielte dabei keine Rolle. Immer wieder gingen sie kritisch die Indizien durch und diskutierten detailliert die Entwicklungen und die Umstände eines Falls, die zur Ergreifung des Schuldigen führten.
Nun waren beide 64 Jahre alt und seit längerem in Rente. Die Tage und Abende verbrachten sie entweder auf der Terrasse des einen oder auf der Terrasse des anderen – Schafkopf-spielend. Beide waren sich genug und die Welt um sie herum tangierte sie ebenso wenig wie die Ereignisse auf dem 57sten Mond des Jupiters. Diese Einstellung war verständlich, machte jedoch die Vorgänge, die sich zur selben Zeit auf dem 57sten Mond des Jupiters abspielten nicht weniger interessant. Doch dies war eine andere Geschichte. Oder vielleicht doch nicht? Lassen wir doch ausnahmsweise beide Erzählstränge zusammenlaufen…

In der Zwischenzeit auf dem 57sten Mond des Jupiters…
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