Red Woods

Sie ging lautlos durch die absolute Finsternis. Das einzige, das ihr den Weg durch das pechschwarze Labyrinth wies, waren ihre Hände, die am rauen Gestein der Felswand entlang fuhren. Beide Handflächen bluteten und hinterließen feuchte Streifen am nackten Fels. Sie hielt einen Moment inne und lauschte nach Geräuschen hinter sich. Nichts. Noch schien man ihre Abwesenheit nicht bemerkt zu haben. Sie konzentrierte sich und spürte ihn wieder - den leichten Luftzug, der sie in eine andere Welt rief. Einen schwachen Luftzug zwar, dass war wohl wahr, für die meisten Menschen mit Sicherheit nicht genügend um Hoffnung und Verlangen zu nähren, ihr reichte dies aber vollkommen aus. Die frische Luft, mit unzähligen ihr unbekannten würzigen Düften angereichert, verhieß etwas Wunderbares, etwas Geheimnisvolles, etwas Fremdes; und doch war es auf eine unerklärliche Art und Weise bekannt und vertraut. Etwas, das ihr schon das ganze Leben lang fehlte. Die Sehnsüchte waren geweckt und nun gab es nur einen Weg diese zu stillen.
Sie lief noch weiter. Bald gelangte sie an eine Stelle, an der sich der Gang gabelte. Sie sog tief die Luft ein und es gab keinen Zweifel - der richtige Weg führte sie nach links. Weit kann es nicht mehr sein, dies roch sie ganz deutlich. Ihr ganzer Körper spannte sich in freudiger Erwartung, als sie plötzlich schwache Echos hinter sich vernahm.
Sie bleib stehen und lauschte, jetzt hörte sie ganz deutlich abgehacktes Geschrei und beängstigendes Gebell hinter sich. Und beides näherte sich in einer unbarmherziges Geschwindigkeit.
Nein, schrie sie innerlich auf, nicht jetzt! Nicht so kurz vor dem Ziel! Sie rannte weiter. Sie stolperte mehrfach, schaffte es aber glücklicherweise sich immer wieder aufzufangen. Nun mischten sich zu den fremdartigen Gerüchen vor ihr auch unbekannte Geräusche hinzu und beides schien sie zu rufen. Sie ließ sich von diesem Ruf leiten und stieß mit ihrem Unterleib plötzlich an einen harten Widerstand. Sie taste hastig ihre Umgebung ab. Erhöhte Felsen und weiches Moos. Knapp auf der Höhe ihres Halses schien der Weg weiter zu gehen. Sie griff nach oben, wühlte einige Sekunden lang durch undefinierbares Zeugs, fand aber schließlich festen Halt und zog sich mühsam hoch. Keinen Moment zu früh, denn schreckliches Gebell besetzte augenblicklich die Stelle, an der sie sich wenige Augenblicke zuvor befunden hatte.
Oben war der Durchgang so niedrig, dass sie sich nur auf allen Vieren fortbewegen konnten. Doch sie war ihrem Ziel schon sehr nah, das spürte sie ganz deutlich. Sie hastete weiter, so schnell es ihr ihre Haltung erlaubte. Noch drei, zwei, ein Meter und sie schoss förmlich aus dem kleinen Tunnel und purzelte eine steile Böschung herunter. Nach all der Pein, die sie hinter sich ließ, waren die kleinen Blessuren, die sie bei diesem Sturz davon trug kaum der Rede wert. Sie erhob sich und schluchzte vor Freude - sie hatte es geschafft. Dies war die Oberwelt, von der sie unten soviel gehört hatte. Dies schien die Tageszeit mit dem Namen Nacht zu sein. Denn es war kaum heller als dort, wo sie ihr ganzes Leben verbracht hatte. Doch sie war sich sicher, dass sie hier richtig war. Eine leuchtende gelbe Scheibe hoch oben, auf der schwarzen Decke war nur der schwache Bote des mächtigen Lichtes, welches der Nacht in einem immer währenden Zyklus folgen musste.
Aber noch war sie nicht in Sicherheit. Sie musste weit weg von hier und sich irgendwo verstecken, damit die Schatten ihrer Vergangenheit, die sie vor wenigen Augenblicken hinter sich gelassen hatte, sie nicht einholten und ihr keine Schmerzen mehr zufügen können. Wie aufs Stichwort hörte sie weit über sich das beängstigendes Knurren ihrer Verfolger. Sie stürmte weiter. Sie rannte durch die Büsche und Farne des dichten Waldes und wurde beinahe wahnsinnig vor Angst und dem Gedanken, dass sie so kurz vor ihrem Ziel immer noch eingeholt und von ihren Verfolgern zurück in das kalte finstere Grab gezogen werden würde.

Auf der einsamen holprigen Waldstraße kämpfte ein kleiner alter Geländewagen gegen die Schlaglöcher der dürftig asphaltierten Fahrbahn. Dröhnende Musik und lautes Gelächter drangen aus dem Inneren des Fahrzeugs.
"Gib mal her!", schrie Jason gegen die Beats an und streckte seine Hand nach dem rauchenden Joint aus. Er war ein blonder bulliger junger Mann von beinahe neunzehn Jahren. Sein Äußeres und sein Auftreten konnte machen Leuten durchaus Angst einjagen und nicht wenige schätzten ihn als einen Gewalt liebenden Schlägertypen ein. In gewisser Weise hatte diese Leute such recht; Jason war für jeden körperlichen Schlagaustausch zu haben. Vor allen wenn er irgendwo Ungerechtigkeit mitbekam, war er nicht mehr zu halten. Doch im Grunde genommen war er ein fröhlicher junger Mann, der doch größtenteils friedliebend und umgänglich war. Neben ihm auf dem Rücksitz saß Jenny, seine Freundin. Optisch gesehen, war sie das genaue Gegenteil von ihm. Sie war einen Kopf kleiner, dunkelhaarig und sehr zierlich. In allen anderen Belangen stand sie Jason aber in nichts nach. Sie war laut, gesprächig, lebensfroh und keinem Disput - weder auf der verbalen, noch der physischen Ebene abgeneigt. Die beiden waren erst einige Wochen ein Paar, doch sie passten so gut zu einander, dass sie nach Außen wirkten, als ob sie schon Jahre lang zusammen wären. Jenny nahm noch einen letzten tiefen Zug. Während sie ganz langsam und verführerisch den Rauch zwischen ihren Lippen entweichen ließ, reichte sie, spielerisch kokett mit den Augen blinzelnd, Jason den Selbstgedrehten. Er zog langsam und genüsslich ein und lehnte sich zurück.
"Genau so stelle ich mir das Leben vor. Keine Verpflichtungen, einfach unterwegs sein. In der Hand ein Gedrehter, im Gepäck genug Nachschub und auf dem Schoss das schönste Mädel der Welt."
Er schaute zu Jenny herüber und grinste schelmisch. "Magst du nicht etwas näher kommen, oh du schönste aller Frauen. Sie ließ sich nicht lange bitten, rutschte näher an ihn heran und legte ihre Hand auf seinen hervorstehenden Bauch.
"Was kann ich für dich tun, mein Hengst?", fragte sie zweideutig und ließ ihre Hand langsam nach unten gleiten.
George saß am Steuer des Fahrzeugs. Er sah in den Rückspiegel, schüttelte mit einem lächelnden Gesicht seinen Kopf und schaute wieder auf die Straße. Er war genau so alt wie Jason und ein ruhiger besonnener Mensch. Früher, als er noch seine Brille getragen hatte, sah er wie ein typischer Streber aus: lang, dürr und intelligent. Doch das war lange her, in einem anderen Leben. Soweit man bei seinem Alter schon von einem "anderen Leben" reden könnte. Damals war er ein willkommenes Opfer für irgendwelche Schulrowdys. Damals hatte er noch einen Beschützer nötig gehabt. Da kam Jason ins Spiel und übernahm selbstlos diese Rolle. Jahre sind seit dem vergangen. Und George hat sich äußerlich sehr verändert. Er hatte seine Brille gegen Kontaktlinsen eingetauscht, hatte durch Sport seinen Körper in Form gebracht und mit Unterstützung von Freuden wie Jason sein Selbstbewusstsein aufgebaut. Nun war er ein neuer Mensch und dies blieb nicht unbemerkt. Die Mädchen, die ihn früher ausgelacht hatten, schaut ihm nun im Geheimen nach und machtenn des Öfteren erfolglose Annäherungsversuche. Erfolglos deswegen, weil George durch seine Erfahrungen in den letzten Jahren die Messlatte an eine Freundin sehr hoch gesetzt hatte. Er war kein Freund von schnellen Nummer und dummen Cheerleadern. Doch eine intelligente und gut aussehendes Mädel an der Highschool finden zu wollen, war seiner Meinung ein sinnloses Unterfangen.
George war so in seine Gedanken versunken, dass er die Gestalt auf der Straße vor ihm nicht bemerkte. Er trat mit aller Kraft auf das Bremspedal, das Auto brach aus und schlitterte den rutschigen Weg entlang. Weit hinter sich hörte er Jenny schreien und Jason rufen, doch er verstand das Gesagte nicht, alles worauf er sich konzentrierte, was es das Auto unter Kontrolle zu bekommen bevor es die Person auf der Straße rammte. Leider waren seine Versuche erfolglos. Der Wagen rutschte unbarmherzig seitlich weiter, fegte die erschrockene Person beiseite und knallte mit einem ohrenbetäubenden Krach in eine mächtige Eiche.
"Seit ihr in Ordnung?". fragte George, der sich als erster vom Aufprall erholte aber immer noch das Lenkrad fest umklammert hielt und mit beiden Augen nach vorne starrte. Hinter sich hörte er ein Stöhnen. Er drehte sich um und sah voller Erleichterung in die munteren Gesichter seiner beiden Freunde. Die zwar eindeutig lädiert aussahen, denen es aber unter den Umständen gut zu gehen schien.
"Da schnallt man sich einmal an und was kommt, ein Unfall...", Jenny lächelte müde und versuchte mit zittrigen Fingern die Gurtschnalle zu öffnen.
Auch George löste ganz langsam seine Hände vom Steuer und brachte mit ruhiger Atmung sein rasendes Herz unter Kontrolle. Als er aus dem Wagen ausstieg, standen die anderen schon draußen und begutachteten den Schaden.
"Puh!", meinte Jason, "Wie willst du das deinem Vater erklären?"
"Was war den los?", fragte Jenny.
Jetzt erst erinnerte sich George und sah sich suchend um: "Habt ihr es nicht gesehen?"
"Was gesehen?", Jenny sah ihn fragend an.
Doch Georg reagierte nicht und suchte weiter.
"War bestimmt irgend ein Kleintier.", mutmaßte Jason und wartete auf George' Bestätigung.
"Nein, ich meine das Mädchen."
"Mädchen?", Jennys Stimme wurde schlagartig ernst. Sie folgte George Beispiel und sah sich auf dem Unfallort um.
"Ich glaube, ich habe sie erwischt.", flüsterte George vor sich hin. "Doch es ging alles so schnell - ich konnte gar nichts machen. "Er spürt wie die vom Schock hervorgerufene geistige Lähmung sein Gehirn freigab und der Schrecken diesen Platz einnahm.
Jenny legte George den Arm um die Schulter und versuchte ihn zum beruhigen.

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