Zurückhaltung

Damals war ich an einer verrufen Volksschule in unserem gettoähnlichem Stadtteil. Ich stand in der Pause halb verdeckt von Büschen an der hinteren Schulmauer und beobachtete wie so oft das bunte Geschehen auf dem überfüllten Schulhof. Dank den unzähligen Aussiedlerwohnheimen in diesem Stadtteil und dem überdurchschnittlich hohem Anteil an Armut, waren hier alle Nationalitäten vertreten. Nicht nur auf den Straßen schlossen sich die Zugehörigen eines Landes zu Gangs zusammen. Diese nationalen Gruppenbildungen kannte ich auch aus unserer Familie. Als Spätaussiedler kamen wir vor einigen Jahren nach Deutschland und wurden auch prompt hierher verfrachtet, zu den ganzen anderen geduldeten Ausländern aus der großen weiten Welt. An unserem ersten Tag wurden wir von unseren Landsleuten begrüßt und unter deren Fittiche genommen. Sie begleiteten uns bei Behördengängen, zeigten uns wo man kostenlos Nahrung und Klamotten abstauben konnte und nannten uns die Regeln, die es in diesem wilden Mix aus verschiedensten Kulturen zu beachten galt. Wir hatten Glück und gehörten als Russen zu einer der mächtigeren Gruppierungen dieser Gegend. Neben den Türken und Chinesen, waren wir die drittgrößte "Macht" im Viertel. Jede Nationalität blieb unter sich und wenn Kontakte mit den Anderen geschlossen wurden, dann waren diese ausschließlich geschäftlicher Natur.
Auch hier auf dem Pausenhof unserer Schule war es nicht anders. In kleineren Gruppen standen die Türken zusammen und pöbelten die Russen an, diese wiederum ließen ihren Frust an den Albanern aus und diese unterjochten die Polen. Doch alle hielten zusammen, wenn es gegen die Chinesen ging. In unseren Augen waren es komische Leute, die uns nicht geheuer waren. Der Zusammenhalt der Chinaleute war ungewöhnlich stark. Sie blieben immer unter sich, sprachen nicht mit den andersartigen und lachten nie. Auch im Unterricht hatten die Lehrer aufgegeben chinesische Kinder aufzurufen. Sie schrieben auch so die besten Schulnoten und das genügte der Schulleitung. Frühs brachte man sie zur Schule und auch abends wurden sie immer von den Eltern abgeholt. Wenn es mal Schlägereien gab, war dort nie einer von denen anzutreffen. Ich kann mich noch gut erinnern, als vor zirka einem Jahr einer der Albaner sich einen schmächtigen Chinesen schnappte, an der Kehle packte, ihn gegen die Wand drückte und nach seinem Pausengeld verlangte. Das Kind wehrte sich nicht. Es holte bereitwillig das Geld aus seiner Tasche und streckte es wortlos seinem Angreifer entgegen. Dieser schnelle Sieg befriedigte den Angreifer aber keineswegs, es musste mehr passieren damit er seine Überlegenheit dem ganzen Pausenhof präsentieren konnte. Also schleuderte er den Jungen auf den Boden und trat ihm - obwohl sich dieser nicht wehrte - in den Bauch. Das Chinesenkind lag zusammen gekauert wie ein Fötus auf dem schmutzigen Boden und tat nichts um der Pein zu entkommen. Auch die anderen Chinesen rührten sich nicht. Sie standen nur da und schauten stumm zu. Der Junge auf dem Boden gab keinen Mucks von sich, er weinte nicht und bettelte nicht. Doch genau das machte den Schläger wütender und er trat immer heftiger zu. Ich schaute mich nach allen Seiten um, doch kein Lehrer war in der Nähe und es machte sich auch niemand die Mühe einen zu rufen. Inzwischen drehte der Albaner vollkommen durch. Er schimpfte in seiner abgehackten Sprache und wurde noch brutaler. Bis schließlich seine Leute reagierten und ihn zu dritt zu beruhigen versuchten. Als das nicht klappte, zogen sie ihn mit aller Gewalt von dem blutenden Opfer weg. Der kleine Chinese lag mit zerrissenen Kleidern blutüberströmt dar und es schien, als hatte er sich heftig erbrochen. Als der schreiende Albaner verschwunden war, setzte sich die Chinafraktion in Bewegung. Sie nahmen den halbtoten Jungen unter die Arme und verschwanden stillschweigend im Seiteneingang des Schulgebäudes. Kein Lehrer sprach je diesen Vorfall an, nicht an diesem Tag, noch an den folgenden. Der arme Junge kam am nächsten Tag wieder zur Schule und außer an seinem leicht gekrümmten Gang, gab es keine Anzeichen auf die gestrige Misshandlung. Der albanische Junge jedoch tauchte sei dem Vorfall nicht mehr auf. Zuerst dachten wir, er schäme sich seines Ausbruches. Doch als zwei Tage später die Polizei an der Schule auftauchte und Lehrer und Schüler nach dem Jungen befragte, wussten wir, dass da etwas nicht stimmte. Wie immer sprach keiner von oder mit den Chinesen.
Doch immer wenn wir in der Pause an ihnen vorbei liefen, bildete ich mir seit dem ein, etwas wie Spott oder Triumph in deren Augen zu sehen. Die offizielle Begründung für das Verschwinden des Jungen bekamen wir von unserer Klassenlehrer vorgetragen: die Polizei vermutete, der Junge wäre aufgrund seiner familiärer Verhältnisse von zuhause ausgerissen. Doch wir Schüler hatten da so unsere eigene Theorie. Seit diesem Vorfall wurden die Chinesen endgültig in Ruhe gelassen. Einmal hörte ich jemanden auf der Strasse sagen: "Die Chinesen sind die Juden von Heute." Damals wusste ich nicht, was derjenige damit meinte, doch heute verstehe ich worauf er hinaus wollte.

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