Die heilige Unbekannte

Es begann alles an einem sonnigem, wie zur Arbeit geschaffenem Herbsttag. Bruder Jakob und ich waren gerade dabei die Früchte unseres eigenen, kleines Gartens an der hinteren Klostermauer, einzuholen. Abt Wanderstein stand über unseren Häuptern, am Fenster seiner Arbeitskammer und führte eine angeregte Unterhaltung mit Bruder Daras, der seiner, in letzter Zeit immer öfter vorkommenden Lieblingsbeschäftigung, dem Nichtstun, nachging. Mehrere Male hat unser Klosterleiter Bruder Daras schon ermahnt, er solle sich doch endlich mal der körperlichen Arbeit widmen, wie jedes gottesfürchtige Wesen. Doch Bruder Daras schnaubte nur und weigerte sich entschieden, irgend eine Art von Arbeit aufzunehmen, bevor die Frage, welchem Gott unser kleines Abtei wohl diene, nicht geklärt wurde.
Nun ja, schon wieder diese nervenaufreibende Frage. Ich denke Ihr wißt nicht worüber ich spreche, oder? Nun gut, dann muß ich wohl etwas weiter ausholen. Also, wo fange ich denn am besten an ...

Vor zwei Wochen, kam ein reicher Kaufmann mit seine beiden Töchtern vorbei. Begleiten von mehreren schwer bewaffneten Söldner, war die Gruppe auf der Durchreise zu ihrem Zielort, ich glaube es waren die heiligen vereisten Kristallhöhlen von Holkim, ein immer gern besuchter Ort für Pilger. Oder waren es Logrims Feuerseen, die inmitten eines Eisgletschers existierten. Entschuldigt mich, mein Gedächtnis läßt nach, ich bin nicht mehr der jüngste, doch es steht fest, das die Karawane ihren Weg nach Norden beschritt. Also kamen diese Leute in der Dunkelheit an unsere Tore und baten um eine Übernachtungsmöglichkeit. Da es uns wohlbekannt war, das eine Nacht in der Wildnis eine unzumutbare Gefahr für Leib und Seele darstellte, vor allem da die Orks in dieser Region wieder einmal Radau machten, ließen wir die Reisenden in Gottes Mauern und luden sie zum Abendmahl ein.
Nach der Mahlzeit, bei der unsere einfache Nahrung mit allerlei Leckereien aus dem Essensvorrat des Händlers angereichert wurde, begaben sich die Klosterbrüder auf den Weg in unsere kleine und angenehm schlicht gehaltene Kapelle, um vor dem Schlafengehen noch ein letztes Gebet an Gott zu wenden. Der Kaufmann wünschte sich an unserer Messe teilzunehmen und begleitet von seine beiden Töchtern führten wir den Gottesdienst durch. Nach der Andacht trat die jüngere seiner Töchter, vielleicht ein Kind von sieben Jahren an mich heran, zupfte an meiner Kutte und stellte eine einfache, doch alles verändernde Frage: "Welchem Gott dient euer Orden denn, Vater?"
Mit großen Augen starte mich die Kleine an und wartete gespannt auf meine Antwort. Doch ich, wie vom einem Zauberspruch gelähmt, stand nur da ohne zu etwas erwidern zu können und ließ mir den Satz durch den Kopf gehen: Welcher Gottheit dienen wir denn eigentlich? Fragend richtete ich meinen Blick auf unseren Abt und verstand, das diesem das gleiche wie mir durch den Kopf ging. Auch das dümmliche Dreinblicken meiner restlichen Mitbrüder ließ keine Freude aufkommen.
Mit einer leise gemurmelten Entschuldigung, in der Abt Wanderstein etwas von Kopfschmerzen murmelte, verabschiedete sich dieser und begab sich auf seine Kammer. Auch wir, die restlichen "Gottesdiener" schafften es, uns nach und nach verlegen zurückzuziehen. Das Letzte, was meine Ohren in der Kapelle vernahmen, war es wie der Kaufmann seine Tochter beschimpfte, sie solle Erwachsenen doch keine so dumme Fragen stellen.
An nächsten morgen - dicke Ringe um die Augen bewiesen mir, das ich nicht der Einzige war, der die ganze Nacht über nicht schlafen konnte - verabschiedeten wir die Familie mit ihren Begleitern und wünschten diesen eine angenehme Weiterreise.
Nun beinhaltete das Klostergemäuer, wie schon Jahre zuvor, nur noch seine angestammte Bewohner. Doch etwas neues ist dazu gekommen, keine Person, nichts materielles, sondern ein Gefühl der Leere, basierend auch einer einfachen Frage: Welchem Gott dient denn unser Orden?

Nun, aufgrund meines Berichtes nehme ich an, das Ihr nun versteht, welches Dilemma sich in unserem kleinem Orden abspielt. Jahrhunderte lang stehen schon die uralten Mauern auf diesem Berg, erbaut um einem Gott zu huldigen. Doch wie es scheint, ging im Laufe der Jahre dessen Name verloren. Wir suchten alle sich in der Bibliothek befindlichen Bücher durch. Abt Wanderstein laß die geheimen Aufzeichnungen, die nur vom Klosteroberhaupt zum Klosteroberhaupt weitergegeben werden, doch ohne jeden Erfolg. Nach wochenlangen fruchtlosen Nachforschungen übernahm die Verzagtheit unser Handeln und wir waren nur noch Schatten unser früheren Persönlichkeiten. Melancholisch schlichen wir, mit niedergeschlagenem Gemüt, durch das Anwesen und hatten keinen Lichtpunkt, der uns dazu veranlaßte unserer täglichen Arbeit nachzugehen und in die Zukunft zu blicken . Nun schaffte Abt Wanderstein es doch tatsächlich, einige soweit aufzubauen, das sich diese besser fühlten mit der Folge, deren gewöhnlichen Tagesablauf wieder einigermaßen folgen können.

Nun denn, wo war ich stehen geblieben ... Oh ja, jetzt hab ich den Faden wieder gefunden. Also versuchte Abt Wanderstein Daras davon zu überzeugen, das dieser seine Arbeit doch wieder aufnehmen solle, dieser weigerte sich aber strickt, den Anweisungen Folge zu leisten. Genau in diesem Augenblick - beim meiner Priesterehre, das folgende Geschehen ereignete sich wirklich und war keine Einbildung, mehrerer auf ein Wunder hoffender Menschen – fand das wunderbarste Ereignis statt, dem ich während meiner vierundachtzig Jahre, die ich auf dieser Welt weile, innewohnen durfte.
Plötzlich wurde die Mitte des Hinterhofs in ein grelles Licht getaucht. Meine Augen wurden dabei dermaßen stark geblendet, das ich einen Moment lang die Befürchtung hatte für immer zu erblinden. Doch nach einiger Zeit, als sich mein Sehvermögen an die anfangs schmerzende Helligkeit gewöhnt hatten, konnte ich zwischen meinen, leicht gespreizten Fingern die Quelle des Leuchtens im Mittelpunkt dieser Erscheinung, näher betrachten. Mein Atem stockte, als sich in der Lichtflut langsam Konturen bildeten und schlußendlich das Bildnis eines weiblichen Gestalt formten. Und bei meiner Seele, ihr könnt euch gar nicht vorstellen welch wunderschönes Wesen der Ursprung dieser Erscheinung war. Perfekt in allen Formen und Rundungen, makellos bis ins winzigste Detail und schöner, als alles was ich bis dato kannte, schwebte das Wesen in der Mitte der Lichtkugel, selbst ein Teil des Lichtes und schaute uns mit einem entzückenden Lächeln an.
Aus den Augenwinkeln sah ich Daras rückwärts taumelte, wie vom Hammer eines Bergriesen getroffen. Er blieb mit dem Fuß an einem Stein hängen, fiel auf den Hosenboden, schien es aber gar nicht zu bemerken, den er starrte weiterhin, wie auch der Rest von uns auf das zauberhafte Geschöpf.
Trotz der Gefahr, es könne sich hier um einen bösen Zauber, oder gar um einen Dämonen aus den dunklen Welten des Unterreiches, handeln, getarnt durch unschuldige Schönheit, wagte es keiner der Anwesenden die Ehrlichkeit und Reinheit dieses Wesens in Frage zu stellen.
Auch wagte es keiner das Geschöpf anzureden, wir warteten unentschlossen und schoben stillschweigend die Verantwortung dieser Situation auf Abt Wanderstein. Doch diesem wurde diese schwierige Aufgabe abgenommen, als das Wesen leise und doch für alle verständlich, zu sprechen begann: "Ich grüße Euch, o ehrwürdigen Väter dieser heiligen Stätte."
Eine lieblich betörende Stimme umschmeichelte unsere Ohren, als wir uns dem Klang entgegen reckten, in der Hoffnung er würde niemals verstummen. Die Erscheinung fuhr fort. "Ihr braucht euch nicht zu fürchten, ich führe nichts böses im Schilde. Ich bin auf eurem eigenen Wunsch hier. Ihr habt mir das Leben geschenkt und ich möchte euch allen", sie schaute jeden von uns liebreizend an, "ich möchte euch allen für meine Geburt danken."
Ein dezentes Räuspern und der fragende Gesichtsausdruck seitens Abt Wanderstein, veranlaßte die schone Gestalt zu einem Lächeln.
"Ihr versteht nicht was ich meine?" stellte sie fest. "Es ist schade, das das Wissen bei den Sterblichen so schnell verloren geht." Sie machte eine bedauernde Geste und fuhr fort: "Ich werde euch alles erklären, doch zu diesem Zwecke würde ich gerne jeden von euch alleine, unter vier Auge sprechen." Die Gestalt blickte zum Fenster empor, in dem sich unser Abt befand und dieser schluckte schwer als das Wesen sich vor ihm verbeugte und sprach: "Euch, Abt Wanderstein, als Oberhaupt dieses euren Reiches möchte ich als erstes meine Worte widmen." Ein etwas dümmlich wirkendes, hastige Nicken ließ darauf schließen, das dieser nichts einzuwenden hatte.
"Nun denn", äußerte sich die Gestalt weiter, "möge ein neuer Glaube geboren werden." Mit diesen Worten schwebte das weibliche Wesen Richtung Abt Wandersteins Fenster.
"Halt!" eine etwas zaghaft ausgesprochene Bitte ließ das Geschöpf für einen Augenblick inne halten. Sie sah sich um und wir folgten ihrem Blick und sahen alle auf Bruder Daras, als dieser - immer noch auf der Erde sitzend – erschrocken weiter stammelte: "Ich kenne euch,... ihr kommt aus meinen Träumen .... Wer seid ihr."
Das Lächeln auf ihrem schönem Gesicht wurde noch liebenswürdiger, als sie zustimmend nickte und erklärte: "Ihr habt recht, mein teurer Freund, ich komme aus euren Träumen. Jeder von euch, der an diesem heiligen Ort anwesend ist, trug zu meiner Erschaffung bei."
Sie zuckte selbstverständlich mit den Schultern und faßte sich kurz: "Ich bin eine Göttin." Mit diesen Worten setzte sie ihren Weg fort und ließ uns konfus zurück.

Ich wurde als nächster, mehrere Stunden nach Abt Wanderstein, besucht. Das Wesen klopfte manierlich an meine Kammertür und trat ein. Nun hatte ich die Gelegenheit, die Person genauer zu betrachten. Sie war nicht groß, vielleicht drei Fuß. Das perfekt geschnittene Gesicht, umrahmt von einer langen, goldenen Haarmähne. Ihr Körper war mit einem, mir unbekanntem, schimmernden Stoff bedeckt, ließ aber die Formen ihres Leibes sichtbar. Ich weiß, als Priester und einer etwas in die Jahre gekommener alter Mann, sollte ich für die Schönheit der weiblichen Anatomie keinen Blick haben, doch in diesem Falle kam man einfach nicht umhin dieses zu bemerken.
Ich besann mich der guten Sitten, stammelte eine Entschuldigung und wand mit größter Mühe meinen Blick von diesem vollendeten Geschöpf ab. Dem guten Benehmen folgend, bat ich ihr einen Stuhl an, den sie dankend annahm.
"Ich kann mir vorstellen, daß ihr eine Menge Fragen an mich habt.", stellte die Gottheit fest. Ich bestätigte ihr dieses, wußte aber anderseits nicht wo ich anfangen solle. Das Wesen bemerkte meine Not und half mir weiter: "Dann beginne ich wohl am besten mit der Alten Ordnung, die - ich nehme an - euch nicht mehr bekannt sein sollten." Mein unkundiges Schweigen deutete sie als Zustimmung und fuhr freundlich fort.
"Der Ursprung des Ganzen, der Anfang der Welten, liegt so weit zurück, das sogar wir, die Götter nicht wissen wie alles begann. Doch die Alte Ordnung ist jedem unserer Art bekannt, als seien diese unauslöschlich in unser Wesen eingebrannt. Die Regeln sind schlicht und einfach gehalten und doch werden diese oft nicht eingehalten und gebrochen. Der Inhalt der Alten Ordnung, beschreibt die Rangfolge, in der das Verhältnis der Sterblichen und der Unsterblichen, wie man die Götter unzutreffender Weiße nennt, festgelegt wird. In vielen Religionen wird der Gottheit gehuldigt, diese verehrt oder gar Opfer dargebracht. Doch dieses Verhalten ist falsch, wenn gar nicht blasphemisch und wird von den wenigen Sterblichen, die sich des alten Wissens rühmen dürfen, häufig mißbraucht um Macht und Reichtum zu erlangen." Die Göttin machte eine kurze Pause und vergewisserte sich, ob ich ihr noch folgen könnte. Da ich zu diesem Zeitpunkt keine spezifischen Fragen hatte, fuhr sie fort.
"Ich nehme an, der Name Phorados ist euch geläufig?", fragte sie mich. Und ich nickte, da wohl jedem auf unserer Welt, dieser Name, der Name des bösartigsten aller Götter und seines skrupellosen Volkes, bekannt war.
"Nun, dann, mein geehrter Freund, in ihm habt Ihr ein hervorragendes Beispiel für die Falschheit eines Gottes." Sie legte eine theatralische Pause ein um die Aussage zu dramatisieren.
"Eine Gottheit, wird aus der wahrhaftigen Überzeugung derer erschaffen, die an sie glauben. Je mehr sich zu ihr bekennen, desto mehr Macht und Wachstum verzeichnet diese. Ursprünglich sollte die Gottheit also – wenn man bedenkt woher sie ihre Lebenskraft bezieht – ihre Anhänger achten, ja ich würde sogar sagen, sie sollte ihren Jüngern dienen." Sie sah mich fragend an und ich war, infolge dieser logischen und einleuchtenden Aussage, sprachlos. Ihre Behauptung war stichhaltig und sollte keine Fragen offenlassen. Außer vielleicht einer, wenn dies wahr wäre, wieso hat sich die verkehrte Lehre so weit verbreitet? Ich dachte angestrengt nach, konnte jedoch keine religiöse Weltanschauung finden, in der der Gläubige die Meisterrolle und die Gottheit die Funktion eines Dieners übernahm. Und als ob das Wesen meine Gedanken lesen konnte, verengten sich ihre Augen, sie blickte tief in meine eigenen und gab mir, mit einer tief gesenkten Stimme, die erklärende Anwort: "Furcht! Durch Angst kann jeder seine Gefolgschaft steuern. Eine entsetzliche Erscheinung da, eine abscheuliche Bestrafung dort, und das alles vor den Augen vieler Zuschauer. Durch die sinnlose Demonstration der Gewalt, festigt man die Treue seine Gefolgsleute und wirbt nebenbei neue Gemeindemitglieder an. Auch wenn diese anfangs nicht den wahren Glauben beweisen, können sie nach mehreren solcher - wie sagt ihr dazu, Wunder - die Macht der Gottheit nicht leugnen und sind somit der Überzeugung sich unterwerfen zu müssen."
Die Gottheit wurde immer lauter und immer schneller als sie ihrer Empörung freien Lauf ließ, sie steigerte sich fast in die Raserei, doch als sie bemerkte wie ich langsam angsterfüllt weiter in meinen Sessel hineinrutschte, hörte sie abrupt auf.
"Es tut mir leid. Ich wollte euch nicht erschrecken." entschuldigte sie sich. "Es mach mich nur unendlich wütend wenn ich sehe, wie manche der Unserer ihre Macht missbrauchen." Ich deutete an, das ich sie verstehe und ließ die Göttin fortfahren.
"Ich behaupte nicht, das alle Götter so sind. Die meisten spiegeln den Charakter ihrer Untergebenen wieder. Doch viele verfolgen ihre eigenen Ziele, die mit den Wünschen ihres Volkes nichts mehr gemeinsam haben. Manche sind auch zu bequem, ihren Erschaffern zu helfen, gelinde gesagt, sind sie zu faul um sich um ihre "Gefolgschaft" zu kümmern. Deswegen habe ich nicht das geringste Mitleid mit diesen Göttern, wenn der Glauben an sie immer mehr schwindet, sie immer mehr in Vergessenheit geraten, bis sie schließlich nicht genügend Macht besitzen, etwas dagegen zu unternehmen und für immer verschwinden."
"Genau wie unser ... alter Gott." Warf ich zögernd ein, erfreut endlich etwas zu diesem Gespräch beitragen zu können.
"Genau wie euer alter Gott." Stimmte mir das Geschöpf zu und lächelte verschmilzt.
Einige Augenblicke saßen wir still dar. Ich brauchte etwas Zeit um das Unglaubliche, das ich gerade erfahren durfte zu verarbeiten. Glücklicherweise bekam ich diese auch, da die Gottheit inne hielt und geduldig wartete.
"Also, bezieht ihr eure Stärke aus den Gebeten der Glaubensanhänger.", wollte ich noch mal bestätigt wissen. Sie nickte stumm. Allmählich verlor ich meine Zurückhaltung und ließ mich von ihrer unbefangen Art anstecken.
"Und wir, also meine Mitbrüder und ich, waren diejenigen, die euch erschufen.", bohrte ich etwas zweifelnd nach.
"Ja, genau.", pflichtete mit die Gottheit bei. "Ihr wart es, aus deren Glauben ich auferstand." Sie musterte meinen skeptischen Blick und versuchte mich vollends zu überzeugen.
"Ihr zweifelt zu unrecht an der Stärke eines Gläubigen. Das ist nur zu typisch für die Menschen," sie lächelte verschlagen, "entweder überschätzt ihr euch und denkt ihr seid allmächtig und unbesiegbar, oder ihr unterschätzt euch derart, das ihr in Selbstzweifeln verloren geht. Doch nur die wenigsten von euch schaffen es soweit, das sie den wahren Wert erkennen und genau wissen, was zumutbar ist."
Aus irgendeinem Grund schämte ich mich für die Menschheit und konnte nichts erwidern. Sie fuhr aber besänftigend fort: "Aus weiter Ferne hörte ich die Gebete und euer Flehen. Erst waren sie leise und kaum zu vernehmen, doch in letzten Tagen wurden sie lauter und ein tiefes Kummer war deutlich raus zu hören. Ihr batet um ein Zeichen seitens eures Gottes, ihr wolltet einen Beweis für seine Existenz, doch dieser konnte nicht antworten – denn er war schon vor Jahrzehnten, als Folge einer sterbenden Religion, verschwunden. Euer Orden war bereit zu glauben und wollte Vertrauen in ein höheres Wesen investieren, um einen Sinn im Leben zu sehen." Das wunderschöne Lächeln stahl sich wieder auf ihr Antlitz.
"Darum bin ich hier. Ich bin gekommen um dehnen, glauben zu helfen."
"Doch wie kommt es, das ihr weiblich seid und nicht männlich wie viele der anderen Götter." Sprach ich eine der hundert Fragen aus, die sich aus dem neuen Wissen ergaben. "Wenn es wirklich der Tatsache entspricht," ich versuchte meine Zweifeln raushören zu lassen, "das die Götter ihre Anhänger widerspiegeln, dann müßt ihr uns als Mann, oder wenigstens als eine, etwas in die Jahre gekommene, ältere Dame erscheinen." Ich dachte dabei an die Druidin Sellana, die nicht allzu weit entfernt von unserem Kloster, in einer Waldhütte lebte. "Denn hier befinden sich keine, eurem Anblick gleichende Frauen."
Stolz in der Zuversicht eine Ungereimtheit in der Erzählung dieses Wesens zu finden, lehnte ich mich zurück und wartete gespannt auf die Antwort. Es war nicht so, das ich im Allgemeinen ungläubig war – schließlich wurde ich Priester – doch im blinden Vertrauen, meinen Glauben zu verschwenden, konnte ich nicht verantworten.
Ein leichtes Zucken fuhr durch ihren Körper und diesem folgten mehrere andere, bis die Erscheinung, ihr Gesicht mit Händen verdeckt, regelrecht geschüttelt wurde. Erst nahm ich an, sie würde weinen, denn mit einem Schlag wurde mir bewußt wie klein und zerbrechlich die Göttin wirkte und beinahe bereue ich meine unüberlegte Handlung. Doch plötzlich stellte ich fest, das sie ... lachte.
Wenige Augenblicke später - ich kam mir vor wie ein verwirrtes Kind, denn ich wußte nicht was dieser Gefühlsausbruch zu bedeuten hatte – schaute die Gestalt, mit Lachtränen auf den Augen, auf und machte eine hilflose Geste. Bevor sie jedoch etwas erwidern konnte, überkam sie ein weiterer Lachanfall, der allerdings nicht so lange dauerte. Schließlich faßte sich die Gottheit wieder und wischte ihre Augen trocken.
"Ihr wollt wirklich wissen, woher ich diese Äußerlichkeiten habe?" sie mußte schwer um ihre Haltung ringen. "Wie ihr euch sicherlich denken könnt, ist ein Teil jedes, der an mich glaubt, in mir. Also Abt Wandersteins Durchsetzungsvermögen, eure Integrität, Bruder Jakobs freundliches Gemüt und so weiter. Doch mein Aussehen," sie schluckte spielerisch, "mein äußeres Erscheinungsbild, stammt aus Bruder Darass Träumen."
"Es wäre wahrscheinlich unfair von mir die Phantasien eures Mitbruders zu verraten, doch laßt euch eines gesagt sein, der leicht bekleidete Körper einer sasirischen Kneipentänzerin, ist noch das Harmloseste seines Vorstellungsvermögens. Er ist "schuld" an meinem, recht kurvenreichem Äußeren." Dann vergrub sie ihr Gesicht erneut in den Händen und ließ sich vollends von Emotionen überkommen.
Da ich nun den Grund für ihre gute Laune kannte, konnte ich mühelos in ihr Gelächter mit einstimmen. In meinem Gedächtnis machte ich mir aber noch einen Vermerk, so bald wie möglich, Bruder Daras aufzusuchen und mich bei ihm von ganzem Herzen zu bedanken.

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