Omas Erscheinung

Eines Tages besuchte ich meine Großmutter. Aus unerfindlichen Gründen fiel unser Gespräch auf das Thema Geister und Gespenster und ich fragte meine Großmutter ob sie denn an diese Art von Erscheinungen glaube. Zu meiner Überraschung erhielt ich von ihr ein eindeutiges "Ja" - und dies ganz ohne Zögern und Umherschweifen. Sie sprach dieses "Ja" so voller Überzeugungskraft aus, dass ich die möglichen, schon tief in meinem Inneren vorbereiteten Kommentare ironischer Art, blitzschnell für nichtig erklären müsste um vor mir selber nicht als lächerlicher Narr dastehen zu wollen. Behutsam versuchte ich das Gespräch in die eingeschlagene Richtung voran zu treiben. Weder wollte ich den Redewillen meiner Großmutter durch unachtsame Kommentare versiegen lassen, noch wollte ich mir eine Blöße erlauben, indem ich mich unvernünftig schnell und vor Eifer blind einer flüchtigen Aussage unterwerfe, nur um mein langjähriges Verlangen nach wahren Begebenheiten und Beweisen aus erster Hand bezüglich aller paranormalen Geschehnissen zu stillen. Zurückhaltend ließ ich nur einen winzigen Bruchteil meiner inneren Aufregung nach draußen dringen und bündelte diese ungestillte Neugier mit viel Mühe und starker Konzentration in sachliches Interesse. Ich fragte sie, ob sie aus ihrem erlebnisreichen Leben eine konkrete Erfahrung nennen könne, welches mir ihr unverrückbares "Ja" verständlich machen würde. "Natürlich", antwortete sie und fing sogleich mit der folgenden Erzählung an.
Als kleines Mädchen von vielleicht neun oder zehn Jahren besuchte sie für einige Tage ihre Tante auf dem Lande. Diese Tante war Omas liebste und sie genoss jedes Mal diese kleinen Ausflüge. Den ganzen Tag tollte meine Oma mit anderen Kindern auf dem dortigen Bauernhof. Gegen Abend, als die Kinder verstecken spielten, suchte meine Oma sich den Dachboden der Scheune als Versteck aus. Dort lag sie nun im Heu und wartete, bis man auf der Suche nach ihr dort nachsehen würde. Die lange Anreise und der ereignisreicher Tag taten das ihrige und meine Oma versank in einem plötzlichen Schlaf.
Sie wusste nicht wieviel Zeit vergangen war, doch als die Kälte sie aufweckte, war es draußen schon recht dunkel. Sie öffnete die Augen und erstarrte. Vor ihr sah sie einen komplett in weiß gekleideter Mann. Er stand einfach da, sagte nichts und sah sie nur an. Seine Kleider und das blasse Gesicht strahlten förmlich aus der Schwärze der Nacht heraus. Meine Oma konnte sich vor Schreck nicht bewegen und tat das einzige, das einem Kind mit gottesfurchtiger Erziehung übrig blieb. Sie schloss ganz fest ihre Augen und bettete flüsternd und zitternd einige der ihr bekannten Gebete. So lag sie mehrere Minuten da und wagte nicht die Augen zu öffnen. Als sie bald genug Mut gesammelt hatte um sich noch einmal um zuschauen, war der weiße Mann verschwunden. Er mochte weggegangen sein, doch meine Oma hörte keinerlei Geräusche im Heu oder Schritte auf den alten Holzdielen. Vielleicht war die Erscheinung auch nur eingebildet? Doch konnte eine Erscheinung so urplötzlich und so deutlich einer kindlichen Vorstellungskraft entspringen? Konnte eine der Fantasiewelt zugeschriebenenGestalt sich so mit der realen Welt verbinden, dass sie ein menschliches Auge derart meisterhaft täuscht? Auf diese Fragen hatte meine Oma sowohl damals, wie auch heute keine Antwort. In der besagten Nacht rannte sie vom Grauen erfüllt ins Haus und erzählte sichtlich verstört von dem weißen Mann. Blitzschnell stellten die auf dem Hof ansässigen Männer einen Suchtrupp zusammen und die Scheune, sowie das restliche Grundstück samt der sich darauf befindlichen Gebäuden wurden durchsucht. Doch ohne Erfolg - weder eine fremde Person, noch die Spuren eines Eindringlings wurden gefunden. Die Geschichte wurde als kindliche Verwirrung abgetan und alsbald vergessen. Auch meine Oma schob das Erlebnis im Laufe der Jahrzehnte in das Reich der Märchen und Mythen. Doch als sie mir das Ganze erzählte, sah ich den Schrecken der Erinnerung in ihren Augen. Es ist durchaus möglich das Gedächtnis und die Vernunft zu täuschen und sich einzureden, dass bestimmte Dinge nicht real wären oder wirklich passiert seien, doch dem Unterbewusstsein kann man nicht so leicht etwas vormachen, denn es kennt die ganze Wahrheit.

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