Die Kürbisverschwörung

Der perfekte Vollmond hatte es heute besonders schwer durch die dichte Wolkendecke zu strahlen. Doch hin und wieder blies der Wind die schweren grauen Wolken beiseite und gab den Blick auf das Geschehen unter ihm frei. Gruselige Monster und seltsame Gestalten bevölkerten die breiten Straßen und die festlich geschmückten Vorgärten rund um hell erleuchtete Einfamilienhäuser. Furcht einflößende Dämonen zogen hier umher; klappernde Skelette, keuchende Zombies, dunkle Sensenmänner mit glühenden Augen und allerlei sonstige Gestalten von zweifelhaftem Ruf. Dazwischen sah man auch immer wieder einen Superhelden oder einen Sturmtruppler - nicht jeder hatte die Bedeutung des heutigen Abends richtig verstanden. Was alle jedoch gemeinsam hatten, waren die Tüten und Säckchen in ihren Händen, welche vom Haus zum Haus langsam schwerer wurden und die wertvolle Beute der nächtlichen Runde beinhalteten. Es war Helloween, und dies gefiel den grinsenden Kürbissen ganz besonders.

“Mam, wir gehen los”, rief Ben, während er zur Haustür lief, wo bereits seine beiden beste Freunde warteten.
“Denke an deine Schwester, Schatz”, rief die Mutter aus dem oberen Stockwerk.
Mitten im Begrüßen seiner Freunde, wechselte Bens Gesichtsausdruck von Spaß-und-Freude zu Die-Welt-geht -unter. “Na toll…”, stöhnte Ben auf.
“Deine Ma meint es wirklich ernst”, feixte Alex und stieß Tim, den dritten in der Runde, Augen zwinkernd in die Seite.
“… Babysitten, ist das letzte, was ich heute Abend gebrauchen kann”, beendete Ben den Satz.
“Wir leiden alle drunter”, erinnerte ihn Tim. “Wenigstens schauen wir gut aus!”
Die drei Freunde sahen sich anerkennend an. Alle drei waren vollkommen schwarz gekleidet, trugen schwarze Handschuhe, schwarze Umhänge und schwarze Kapuzen. Das Gesicht verhüllt von einer coolen Totenschädelmaske, die im Dunkeln leuchtete. Die perfekte Verkleidung für einen Tag wie heute.
“Ich bin soweit”, hörte Ben plötzlich die pipsige Stimme seiner vierjährigen Schwester hinter sich.
Ben drehte sich um und erstarrte. Er wusste bereits als was sich seine Schwester verkleiden wollte, doch wo sie nun vor ihm stand, fühlte er Übelkeit in sich aufsteigen. Sie war ein Einhorn! Ganz in schickem Weiß und Regenbogenfarben - mit einer kitschigen pinken Stofftasche, besetzt mit bunt blinkenden Steinchen, in der linken Hand. Aus Wut und Scham, brachte Ben kein einziges Wort heraus. Er versuchte das unterdrückte Kichern seiner Freunde zu ignorieren. Leider erfolglos.
Der Kopf von Bens Mutter tauchte hinter dem Türrahmen auf. “Viel Spaß euch vieren”, flötete sie gut gelaunt und übersah gekonnt Bens tödliche Blicke.
Mit gesenkten Schultern stampfte Ben trotzig los. Seine zitternden zu Fäusten geballte Hände versteckte er in den Taschen seiner Hose. Mit einem breiten Grinsen auf den Gesichtern, folgten ihm seine Freunde.
“He, wartet auf mich”, rief seine Schwester Jenny und vervollständigte mit kleinen trippelnden Schritten die ungleiche Gruppe.

In dieser Konstellation klapperten die Vier eine Stunde lang Haus für Haus, Straße für Straße ab. Jenny schritt hüpfend voran und das blinkende Horn auf ihrer Stirn wies den anderen den Weg. Nach den ersten peinlich berührten Momenten gewöhnten sich die Jungs an die Neckereien der anderen Kinder wegen ihres Anhängsels. Mehr noch, Ben hatte richtig Spaß an den verwirrten und belustigten Blicken und grinste unter seiner Maske öfters als er den anderen gestehen würde. Langsam wurde es spät und sie sollten sich endlich auf den Heimweg machen. Davon abgesehen waren ihre Taschen prall gefüllt und inzwischen so schwer, dass Alex Jennys Süßigkeiten tragen musste.
Bevor sie jedoch zurückgehen würden, wollten die Jungs noch ein letztes Haus besuchen. Ein Haus, welches jedes Jahr zur Helloween das Gesprächsthema Nummer Eins innerhalb und außerhalb der Schule war. Das Haus lag etwas abseits der anderen Häuser, am Ende einer einsamen Straße. Ein riesiger eingewachsener Garten umschloss das Gebäude und gleich dahinter begann der Wald. Laut Gerüchten, wohnte eine alte Frau darin, die ihr Haus jedoch seit über zehn Jahren nicht verlassen hatte. Die wöchentlichen Einkäufe wurden ihr von einem speziellen Dienst gebracht. Handwerker oder Gärtner hatte das Haus wohl seit eben so langer Zeit auch nicht gesehen.
Letztes Jahr trauten sich die drei nicht dort zu klingeln, nun jedoch würden sie es wagen und am kommenden Montag von ihrer tollkühnen Mutprobe in der Schule erzählten. Sie freuten sich auf die verdutzten Gesichter der anderen Kinder, wenn diese beim detaillierten Bericht in Ahs und Ohs ausbrachen. Ein Problem gab es jedoch: Jenny. Sie heim zu bringen würde viel zu lange dauern. Mit ihr etwas weiter weg vom Haus zu warten, wollte auch keiner der Jungs. So gab es nur eine Lösung: Jenny musste mit. Natürlich sträubte sie sich lautstark dagegen, doch als Ben ihr die Hälfte seiner Süßigkeiten als Belohnung versprach, verstummte sie und war sofort einverstanden. Etwas zu schnell für Bens Geschmack. Er hatte den Eindruck, dass sie ihre Ablehnung nur gespielt hatte um an seine Süßigkeiten zu kommen. Ben wagte sich jedoch nicht soviel Berechnung einem vierjährigem Mädchen zu unterstellen.

Sie gingen die Straße zum Haus entlang. Längst waren keine anderen Gruppen von Verkleideten mehr zu sehen. Als sie um die letzte Biegung kamen, sahen sie etwa fünfzig Meter entfernt den Eingang des Hauses. Ein hoher gusseisernen Zaun umgab das Grundstück. Das Tor stand halb offen. Etwa zehn Meter weiter hinter dem Tor sah man den Hauseingang, spärlich beleuchtet von einem einzelne grinsenden Kürbis. Bis auf das winziges Fenster im Dachgeschoss waren alle Fenster des dreistöckigen Gebäudes absolut dunkel. Eigentlich war es nur ein ganz normales Haus, auch wenn schon etwas älter; es gab keine Wasserspeier auf dem Gebäude und auch keine gruseligen Engelsfiguren im Garten, wie man es hier erwarten könnte. Doch die mit Efeu überwucherten Außenmauern und der ungezähmte Wuchs der Büsche und Bäume reichte vollkommen aus um die passende Atmosphäre zu erzeugen.
Langsam näherten sie sich dem Tor. Nur der Schein der Straßenlaternen hinter ihnen erhellten ein Stück des Weges vor ihnen. Danach herrschte für einige Meter absolute Dunkelheit, bis dann der Kürbis mit seinem flackerndem Schein eine kleine Insel inmitten der Schwärze bildete.
„Wollen wir da wirklich rein?“ fragte Tim flüsternd.
Die anderen beiden sahen sich unsicher an und nickten zögernd.
„Hat jemand an Taschenlampen gedacht?“ bohrte Tim nach und erntete nur Kopfschütteln. Er atmete tief durch und durchschritt als erster das Tor. Die anderen folgten ihm.
Dicht gedrängt, näherten sie sich mit kleinen Schritten dem Kürbis. Die kurze Strecke zog sich unendlich lang hin und bei jedem kleinen Geräusch schreckten die Freunde auf, blieben stehen und stierten mit Angst erfüllten Blicken in die undurchdringliche Dunkelheit um sie herum.
Als sie schließlich im erleuchteten Eingangsbereich standen…

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