Identität

Vorwort

Warum ist der Mensch einsam? Natürlich nicht auf der ersten Blick - das wäre viel zu einfach. Nein, die Möglichkeiten wie wir unser Alleinsein kaschieren sind so mannigfaltig und so individuell, wie die Persönlichkeiten jedes einzelnen. Interessen, Hobbys, Freunde, Partner; dies sind die gängigsten Formen der Ablenkung, denen wir uns bedienen um die Stimmen aus der Leere und Kälte der absoluten Isolation in uns selbst zu ersticken. Waren es früher der Hunger und der Kampf ums Überleben, der die Menschheit vom Verrücktwerden abgehalten hatte, so ist es heute der Konsum und die Unterhaltungsindustrie in all ihren kreativen Formen. Früher schlossen sich die Menschen zu Gruppen zusammen um sich vor Gefahren besser schützen zu können und um als Gemeinschaft mehr erreichen zu können, als es einem einzelnen möglich wäre - doch was da wirklich gesucht wurde, war Ablenkung von der Einsamkeit. Auch heute benutzen wir andere dazu uns zu Unterhalten und abzulenken, damit wir nicht dahinter kommen wie unerträglich es für uns wäre, mit uns alleine gelassen zu werden. Wir konsumieren Bücher, Filme, Musik, Computerspiele, nur um die innere Stimme in unseren Köpfen ignorieren zu können. Wir nutzen das Internet um in Chats und Foren andere Menschen kennen zu lernen. Wir berichten in unseren Blogs von den ganzen sinnlosen Kleinigkeiten, die uns im Laufe des Tages passiert waren. Wir füllen jede nur mögliche Sekunde mit einer Tätigkeit aus, in der wir uns kreativ betätigen oder Produkte kreativer Art konsumieren. Wir suchen die Anerkennung anderer um bestätigt zu bekommen, dass wir nicht alleine sind auf dieser Welt - doch das sind wir. Denn heute, wie damals ist dieses Gefühl der Wärme und Zuneigung, die wir durch die Anwesenheit der andren zu verspüren meinen, reine Illusion. Wir eilen vorwärts und brauchen stets mehr Ablenkung, benötigen immer mehr Geschwindigkeit, fast wie ein Cracksüchtiger die Dosis seiner "Medizin" Stück für Stück steigern muss um die Wirkung zu halten, wollen wir uns immer schneller durch unseren Alltag bewegen. Und da der Tag nun mal nur 24 Stunden hat, stopfen wir einfach mehr Aktivitäten in die selbe Stunde um unser Ziel zu erreichen. Doch was wir dabei vergessen, ist dass der Kampf vollkommen sinnlos ist und uns von Anfang an keinerlei Aussicht auf Erfolg geboten wurde. Wie sollen wir etwas, das ein Teil von uns ist, bekämpfen ohne einen Schaden zu erleiden? Wir haben Angst vor dieser dunklen Leere die uns einholen würden, wenn wir uns auch nur die allerkleinste Verschnaufpause gönnen. Dabei ist die Einsamkeit gar nicht so schlimm, hat man sich erst etwas Ruhe gegönnt und den anfänglichen Schrecken überwunden, erkennt man in der Stille den wahren Sinn des Lebens. Eine Erkenntnis die zuvor wohl nur Einsiedlern und Insassen einer Einzelzelle vorbehalten blieb.

"Bis morgen, Flo?", rief einer der identitätsloser Kollegen zum abschied und verließ das Großraumbüro. Florian Baltis erreichten die Worte erst einige Sekunden später. Doch dies machte auch keinen Unterschied, denn er reagierte selten auf Höflichkeiten und sonstigen zwischenmenschlichen Interaktionen, wenn diese inhaltlich nicht unmittelbar zur Ausführung seiner aktuellen Projekte dienlich waren.

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