Der Orden des Tempus

„Natürlich sind Zeitreisen möglich!“ Jacques schaute Hanah entrüstet an. Ganz so, als ob sie die grundsätzlichen Existenz der Magie anzweifelte.
Im Grunde genommen könnte jeder halbwegs geschickte Magielehrling bereits nach einer kleinen Einführung in der Zeit hin und her springen. Selbstverständlich würden es anfangs nur ganz kleine Zeiträume sein, evtl. würde er erst in die Zukunft reisen können, die Vergangenheit ist da etwas anspruchsvoller, doch machbar wäre auch dies.
Hanah sah nicht sehr überzeugt drein. Jacques nahm sich dieses als Gelegenheit tiefer in die Materie einzusteigen.
„Es gibt unterschiedliche Arten von Zeitreise. Die bekannteste und wohl die einfachste Disziplin welche Zeitreisen mit einbezieht, wäre die gemeine Teleportation. Wie meinst du funktioniert es, dass innerhalb eines Augenblickes jemand an einem Ort verschwindet und an einem anderen wieder auftaucht? Ganz einfach, derjenige bewegt sich tatsächlich dorthin. Zu einer anderen Zeit und oft innerhalb einer anderen Dimension, doch der Körper muss auch hier den Regeln der Physik folgen. Der Trick dabei ist es den richtigen Weg und die richtige Zeit zu finden um sein Ziel zu erreichen. Auf einer Ebene ist dies natürlich kein Problem, doch denke an die Herausforderung wenn es darum geht sich durch einen verschlossene Tür oder gar durch eine Mauer in einen dahinter liegenden Raum zu teleportieren.“ An dieser Stelle machte Jacques eine Pause und ließ Hanah etwas Zeit um das soeben gehörte zu verarbeiten.
Und tatsächlich schien dieser kurze Vortrag sie mehr zu beschäftigen, als sie zuzugeben bereit wäre. Auf eine unerklärlich Art und Weise klang es für Hanah schlüssig. Natürlich verstand sie nicht alles und es wären noch einige Fragen zu stellen sein, doch die Erklärung machte irgendwie Sinn.
„Wenn der Magier den Weg nun tatsächlich physisch zurücklegen muss, wie kommt es dann, dass es für alle anderen Beteiligten nur ein Augenblick vergeht, in dem der Magier verschwindet und wieder auftaucht?“
„Nun stellst du die richtigen Fragen“, lobte Jacques und lächelte wohlwollend. „Der Trick an der Sache ist es sich schneller zu bewegen, als die anderen. Stelle es dir einfach mal wie eine Vorspultaste an deinem DVD-Player vor. Du drückst drauf und alles zieht blitzschnell an dir vorbei. Du bewegst dich wie gewohnt von einem Ort zum nächsten, dies jedoch deutlich schneller. Das von dir angesprochene Problem ist offensichtlich: wie soll man die Zeitbeschleunigung durchführen, ohne dass, nennen wir sie mal Zuschauer, davon tangiert werden. In der selben Dimension: gar nicht. Stelle dir aber vor, du hast Zutritt zu einer Paralleldimension, in der die Zeit deutlich schneller fließt als in unserer.“
„Verstehe ich dass richtig“, Hanna musste die plötzliche Erkenntnis aussprechen, „der Magier mach ein Tor auf und betritt eine Paralleldimension. Dort bewegt er sich an den gewünschten Ort, macht wiederum ein Tor auf und betritt wieder seine Ursprungswelt? In der ersten Dimension nur ein kurzer Moment vergangen. Tatsächlich könnte es aber eine richtig lange Reise gewesen sein?“
„Korrekt“, bestätigte Jacques. „An dieser Stelle kommen wir zum eigentlichem Problem der Zeitreisen, auf den Reisenden hat der Aufenthalt in der schnelleren Dimension natürliche Folgen. Mit anderen Worten, der Reisende altert schneller. Eine kurze Reise von umgerechnet 1-2 Tagen fällt nicht weiter ins Gewicht, doch häufiges Zeitreisen hinterlässt durchaus ihre Spuren. Dies ist auch mitunter ein Grund, warum manch ein Magier deutlich älter aussieht, als er tatsächlich ist.“ Er hielt erneut inne und wartete.
„Du meintest, in die Vergangenheit zu reisen wäre leichter als die Zukunft zu besuchen, warum das?“
„Würdest du das bisher über Zeitreisen in die Zukunft gehörte umdrehen, hättest du bereits die Antwort. Sich nach vorne zu bewegen, ist einfach, man hat schließlich seine Vergangenheit, also das bereits Gelernte und die Erfahrung im Rücken. Während der Reise in die Zukunft entwickelt sich der Körper und der Geist wie gewohnt weiter. Was geschieht nun, wenn man sich in die entgegengesetzte Richtung bewegt? Die psychische und physische Entwicklung ist nicht absehbar. Stelle dir vor, du verlierst auf deinem rückwärtigen Weg durch die Zeit plötzlich das Wissen um dass Öffnen von Dimensionstoren und bist für immer in der fremden Welt gefangen. In einer Welt, in der die Zeit rückwärts läuft und du somit immer jünger wirst, bis - nun das konnte noch niemand berichten, die Forschung in diese Richtung ist noch nicht sehr weit fortgeschritten.“ Man sah Jacques an, dass ihm das Thema ungeheuren Spaß machte. „Da fällt mir noch eine kleine Geschichten ein, die ich bei meinen Studien entdeckt hatte.
Vor langer langer Zeit gab es einen Zusammenschluss von Magiekundigen, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten tausend Jahre in die Vergangenheit zu reisen und besondere Ereignisse der Welt aus erster Hand zu dokumentieren. Unnötig zu erwähnen, dass solch ein Vorhaben genauste Berechnungen und ein perfektes Timing benötigt. Zu aller erst musste eine Dimension gefunden werden, in der die Zeit zügig rückwärts lief. An dieser Stelle halfen die Verbotenen Bücher aus der Dämonenbibliothek in Prim. Dann galt es den entgegengesetzten Zeitverlauf beider Welten in Einklang zu bringen um die nahen Ereignisse jeder Dimension sowohl in der Zukunft, wie auch in der Vergangenheit, und natürlich umgekehrt, zu dokumentieren. Diese Vorarbeit war sehr aufwändig und viele Freiwillige gefährdeten dabei ihr Leben - und ihren Verstand.
Bald waren die Magiekundigen bereit die große Reise anzutreten. Zehn der ältesten Eingeweihten begaben sich in die Paralleldimension und ließen sich von der Zeit soweit in die Vergangenheit treiben, wie es eine entgegengesetzte Lebenspanne zuließ. Jeder betrat seine Heimatwelt zum festgelegten Terminen an besonderen Orten und dokumentierte die dortigen Ereignisse als stiller Beobachter. Sie hinterlegten die Schriften in der definierten Art und Weise für ihren Orden in der Zukunft und reisten weiter in die Vergangenheit. Erreichte einer der Reisenden ein junges Alter, welches es ihm kaum mehr ermöglichte seiner Berufung nachzugehen, suchten er sich einen alten Jünger, den er in den grundlegenden Geheimnisse der Magie und der Zeitreise unterwies. Der neue Anhänger führte fortan diese Arbeit weiter und so wiederholten sich die Abläufe unzählige Male. Alsbald waren die vorgenommenen tausend Jahre erfasst und dokumentiert. Die Unterlagen mussten von den Ordensmitgliedern in der Gegenwart nur noch zusammengetragen und ausgewertet werden. Doch die Zeit ist launische Konstante. Kaum gibt man ihr die Möglichkeit sich zu wiederholen, prallen die vielfältigen Möglichkeiten mit voller Wucht auf einander, die Karten werden neu gemischt und es entstehen neue Realitäten. Die Wissenschaft benennt dies zusammenfassend als das Zeit-Paradoxon. Mit anderen Worten: die Berichte, die der Orden erhalten hatte, waren voller Widersprüche und warfen mehr Fragen auf, als sie zu beantworten vermochten. Selbst als mehrere Zeitreisende auf getrennten Wegen zum selben Ereignis zurück in die Vergangenheit geschickt wurden, trafen sich diese nicht an dem besagten Ort, zusätzlich stellten alle Dokumentationen die Ereignisse immer etwas anders dar. In manchen Fälle fand das entsprechende Ereignis sogar nicht statt, und wenn doch, dann zeitlich stark versetzt oder im Inhalt deutlich abgeändert.“

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