Schwarze Gewässer

"Wenn dunkel wird das Wasser um dich,"
"Tropf!"
"Ganz still, und faulig der Gestank,"
"Tropf!"
"Wenn Fische sterbend oben treiben,"
"Tropf!"
"Dann hat es dich in seiner Hand."
"Tropf!"
"Ganz leise wird es dich umkreisen,"
"Tropf!"
"Des Wassers Kräuseln merkst du nicht."
"Tropf!"
"Doch plötzlich wird es dich fest packen,"
"Tropf!"
"Und du verschwindest unters Licht."
"Tropf!"

"Habt ihr es gehört?", fragte Arthur verängstigt.
Seine beiden Begleiter wechselten belustigte Blicke.
"Waren da schon wieder Stimmen?", erwiderte Tom spöttisch.
Der Dritte im Bunde, Rich, knuffte den kichernden Tom an die Seite und grinste verschwörerisch. "Ho-ho", sprach er mit gespielt tiefer Stimme, "das böse Wasserungeheuer kommt um uns zu holen."
Tom und Rich krümmten sich vor Lachen. Ihre Stimmen hallten laut von den feuchten Wänden der Abwassersysteme und wurden von unzähligen Echos in die Dunkelheit begleitet.
"Pssst", seid doch nicht so laut", bettelte Arthur flüsternd. Erreichte damit aber genau das Gegenteil, denn seine beiden Kameraden setzten weitere Scherze nach und dachten nicht ans Aufhören.

Die drei Freunde waren vor einigen Minuten in die Abwässerkanäle von Wendelberg, ihrer kleinen Heimatstadt, abgestiegen. Mit Taschenlampen und Gummistiefeln bewaffnet, waren die Drei mit Hilfe einer grob skizzierten Karte auf der Suche nach einem bestimmten Punkt in den unterirdischen Kanälen. Dieser Kurztripp war schon seit einiger Zeit geplant gewesen, doch keiner der Beteiligten bedachte im Voraus wie düster und dreckig es hier unten sein würde. Auch dachte keiner an die Angst, die einen an so einem Ort packen konnte – und wenn einer daran dachte, dann sprach er es nicht aus.
Die Sommerferien waren da und was wäre besser geeignet um die schulfreie Zeit zu beginnen, als ein kleines Abenteuer, an dessen Ende einen der "Große Reichtum" erwartete. Also freuten sich die Freunde auf das besondere Ziel ihrer Reise.
Die gesuchte Stelle sahen sie jeden Sonntag nach der Kirche. Auch wenn keiner der Jungs freiwillig in die kleine Kapelle ging, machten sie das Beste aus dem Zwang, stahlen sich jedes Mal in die letzte Bankreihe und tauschten besondere Sammelkarten oder spielten ganz unauffällig Game Boy-Spiele. Da die vorletzten Reihen sowieso immer frei waren, störte sich auch niemand an ihrem Tun.

Die Jungs hatten sich inzwischen beruhigt und marschierten zielstrebig weiter, als Arthur plötzlich schrill aufschrie und wild im Kreis zu hüpfen begann.
"Was ist denn jetzt schon wieder los?", fragte Tom erneut. Doch diesmal klang er hörbar genervt.
"Da, da war eine Ratte", stammelte Arthur mit seiner piepsigen Stimme. "Wenigstens glaube ich, dass es eine Ratte war", ergänzte er vorsichtig.
"Du benimmst dich wie ein Mädchen", stellte Rich mit einem Grinsen im Gesicht fest. Schaute aber trotzdem verstohlen an Arthur vorbei, ins trübe Wasser, wo sein Freund den Nager vermutete. Doch außer brauner Brühe und einigen kleinen Wellen, die durch Arthurs Gehüpfe entstanden waren, war dort nichts zu erkennen.
"Wahrscheinlich hast du nur eine alte Plastiktüte oder anderen Müll berührt. Mehr war es bestimmt nicht. Lasst uns weiter gehen. Sonst schleichen wir noch morgen hier rum", meinte Tom und drehte sich in Marschrichtung. Ohne auf die anderen zu warten, schritt er voran.
"Komm schon," sprach Rich beruhigend auf Arthur ein, "auf geht’s." Er legte seinen Arm aufmunternd um Arthurs Schultern und schob ihn leicht, aber bestimmt in Richtung der scharfen Biegung, hinter der Tom gerade verschwunden war.
"Denke nur an die vielen Goldmünzen, die auf uns warten."
"Tropf", ertönte es von Weitem.

Wenn der Pfarrer das "Leib und das Blut Jesu" an die Gemeinde verteilte, und alle Anwesenden sich nach vorne, zum Altar begaben, wussten die Freunde, dass der Gottesdienst sich langsam seinem Ende neigte. In diesem geordneten Durcheinander schlichen sie sich immer still und leise nach draußen. Dort lungerten sie am steinernem Brunnen, links von dem Haupteingang des Gotteshauses herum und warteten auf ihre Eltern oder Geschwister, um endlich das Kirchengelände verlassen zu dürfen.
Genau dieser Brunnen - oder besser gesagt der feuchte Grund in unzähligen Metern Tiefe - war schon seit Wochen das Hauptthema der Jungs. Denn dort, im Zwielicht der Tiefe, schimmerten und glitzerten bei dem richtigen Lichteinfall unzählige Münzen. Münzen aus mehreren Jahrhunderten, wie Rich’s Nachforschungen in der Bibliothek vor einigen Tagen, belegten. Er fand heraus, dass die kleine Kapelle im Jahre 1450 erbaut worden war. Der dazugehörige Brunnen wurde in den Niederschriften zwar nicht erwähnt, dürfte aber ungefähr das selbe Alter haben. Schon als Kinder kannten Tom, Rich und Arthur die Legende des Brunnens. Der Sage nach, wurde vor Jahrhunderten das dunkle Böse dort unten eingesperrt. Jede gottesfürchtige Seele sollte von da an eine Goldmünze in den Brunnen werfen, um damit die von Kirchenleuten erschaffe Barriere zu stärken und des Teufels Missbildung dort unten zu binden. Oft pilgerten auch Gläubige aus anderen Gemeinden und Städten zu dieser bekannten Wallfahrtsstelle um ihren Obolus zu leisten. Auch aus dem Ausland fanden sich hier regelmäßig kleinere Besuchergruppen ein. Natürlich landeten dort nicht nur Goldmünzen, im Laufe der Zeit sammelten sich duzende verschiede Währungen auf dem in Schatten verborgenen Boden des Brunnens. Doch egal welche Prägungen sich auf den Geldstücken befanden, in der Masse gesehen, hatten sie allemal einen ungeheuren Wert, dachten sich die Kameraden und träumten täglich davon, die Kostbarkeiten in ihren Händen zu halten.
Sie glaubten schon lange nicht mehr an das Ammenmärchen aus ihren Kindertagen. Ihrer Meinung nach, wurde diese Geschichte nur erfunden um die damals abergläubigen Menschen davon abzuhalten, sich auf die eine oder andere Art und Weise den kostbaren Spenden zu bemächtigen. Da die Freunde trotz ihrer katholischen Erziehung, alles andere als gottesfürchtig waren, scherten sie sich nicht im Geringsten um die Warnungen, die in Folgeerzählungen Schreckensszenarien von Leuten, die den Abstieg versuchten, beschrieben. Die Jungs waren bereit für das Vermögen, doch leider versperrte ein mehrfach geschweißtes, von unten mit starken Ketten, sowie von oben mit überdimensionierten Schrauben gesichertes, unterarmdickes Metallgitter den Weg zu dem glitzerndem Schatz.
Tom, Arthur und Rich waren nicht die Einzigen, die nach einem findigen Weg suchten, um an das Klimpergeld zu gelangen. Regelmäßig erwischte der Pfarrer oder seine Haushälterin Kinder und Jugendliche, die mit Seilen die Münzen heraus zu fischen versuchten.

"Nein, hier muss man gewiefter vorgehen", hatte Rich einst festgestellt, als sich die Unterhaltung wieder einmal um den Brunnen drehte. "Wir sollten erst etwas recherchieren", meinte er geheimnisvoll und verschwand sogleich mit einem unbekannten Ziel.

"Ist es noch sehr weit?", meldete sich Arthur klagend zu Wort.
"Du nervst!", entführ es Tom und Rich fast gleichzeitig.
"Ich meine ja nur", Arthur sah verlegen auf seine Armbanduhr, "wir streifen schon seid über einer Stunde hier unter rum und finden nichts. Gleich gibt es Mittagsessen und... Könnten wir die Suche nicht auf morgen verschieben?"
Die beiden anderen sahen sich kurz fragen an.
"Du darfst", gab Rich Tom den Vortritt und lehnte sich geduldig an das raue, klebrige Gestein der Gemäuer.
Tom atmete tief durch, versuchte sich zu entspannen, doch leider konnte er in solchen Situationen nur sehr schwer die Beherrschung behalten. Auch Toms temperamentvolles Wesen trug nicht gerade zu der nötigen Ruhe bei.
"Du kleiner moppeliger Fleischklops , schau dich doch nur mal an. Mittagessen?" Tom schüttelte ungläubig den Kopf. "Du könntest mit Sicherheit auf mehr als nur ein Mittagessen verzichten. Schaden würde es dir auf keinen Fall.
Und da wir schon mal beim Essen sind, wenn du nicht endlich deine Klappe hältst, dann werden die Ratten hier unten, heute Nacht ein Festmahl abhalten, denn nur zwei von uns dreien werden dann nach Hause zurückkehren."
Er baute sich drohend vor Arthur auf und schaute verstollen zu Rich rüber.
Dieser versuchte mit viel Mühe einen Lachanfall zu unterdrücken und streckte mit einem zwinkerndem Auge einen Daumen hoch.
Arthur bekam von all dem nichts mit, sondern stand schuldbewusst mit gesenktem Kopf dar und stammelt kleinstark etwas vor sich hin.
"Haben wir uns verstanden?", fragte Tom mit Nachdruck.
"Ja!", nuschelte Arthur ganz leise.
"Ich kann dich nicht hören!", schwoll Toms Stimme leicht an und versuchte den befehlenden Ton eines Feldwebels bei der Bundeswehr zu imitieren.
"Ja", bestätigte Arthur nun etwas deutlicher. Er war den Tränen nahe. Klar wusste er, dass er oft eine Memme und noch öfter ein Weichei war. Und, dass sein Verhalten seinen beiden besten Freunden manchmal auf den Geist ging. Doch was sollte er tun? Es war nicht leicht fünfzehn Jahre verhätschelte Erziehung von seiner Mutter und seiner Großmutter abzulegen. Für die beiden war er ihr Ein und Alles, doch vor dem Rest der Welt, kam sich Arthur ständig als Versager vor.
"Gut!", schloss Tom ab. "Das wäre nun geklärt."
Er wandte sich an Rich und erwiderte sein Augenzwinkern: "Was spricht die Karte."
Rich räusperte sich, entfaltetet erneut das karierte Blatt Papier mit der einfachen Bleistiftzeichnung und drehte sie in die richtige Richtung.
"Es ist nicht mehr weit", meinte er. "Wenn die Karte stimmt, sollten wir dorthin gehen", Rich zeigte auf einen niedrigen Durchgang, "und nach vier bis fünf Biegungen, ankommen."
"Dann los geht’s", drängte Tom und ging wie immer voran.
Seinem Lichtkegel folgte Rich mit den Richtungsangaben.
Als letzter trottete Arthur hinterher und schaute sich verängstigt nach allen Seiten um.
"Wenn ich reden dürfte, würde ich euch sagen, dass das Wasser immer höher steigt. Aber ich darf ja nicht reden. Ich muss ja immer still sein. Keiner hört auf mich", murmelte er vor sich hin. "Ihr werdet schon sehen was Ihr davon habt."
"Tropf!"

Gegen Abend trafen sich die Freunde an der großen Eiche im Park. Rich kam als letzter und wedelte schon von Weitem mit einem weißen Blatt Papier.
"Ich hab es!", rief er ganz angeregt als er näher kam. "Hier ist es," meinte er ganz fröhlich und breitete den Zettel vor Tom und Arthur aus."
Als sie ihn aber weiterhin verständnislos anstarrten, löste er das Rätsel.
"Mein Großvater arbeitete früher in den Stadtarchiven. Er war in der Buchhaltung oder so. Irgendwann erzählte er mir mal, dass es einige Unterlagen über die Stadt gibt, die der Öffentlichkeit nicht zugänglich sind. Irgendwelche Gerichtsurteile, alte Tagebücher und ähnliches Zeugs. Diese werden in einer kleinen Regalkammer neben dem Büro des Bürgermeisters aufbewahrt. Mein Großvater hat doch in zwei Wochen Geburtstag. Also hatte ich mich unter dem Vorwand ihm eine Geburtstagszeitung zu basteln, die den Verlauf seines Lebens beinhaltet, bis zu unserem Bürgermeister durchgefragt. Er kannte mich noch als ich ganz klein war und meinen Opa auf der Arbeit besuchte. Es war überhaupt kein Problem an die Erlaubnis zu kommen, diese Kammer nach brauchbarem Material für die "Geburtstagszeitung" zu durchstöbern. Es hat mich zwar zwei Stunden Arbeit gekostet, aber dann fand ich genau das, wonach ich gesucht hatte: die alten Grundrisse der Stadt. Darunter natürlich auch die Lagekarten der Abwasserkanäle. Leider waren diese Unterlagen nicht vollständig, so dass ich aus mehreren Bauplänen den Verlauf der Kanalisation von unserem voraussichtlichen Einstiegspunkt, bis zum Brunnen an der Kirche rekonstruieren musste. Er lächelte verschlagen.

"Hinter der letzten Ecke sollte sich der Raum befinden", sprach Rich gelassen. Doch trotz seiner coolen Art, verriet ein kaum wahrnehmbares Zittern in der Stimme seine Aufregung.
Auch Tom und Arthur standen unter Spannung. Wobei sich diese bei jedem von ihnen auf eine andere Art und Weise äußerte. Tom spielte unbewusst an dem Anhänger, der an einer stumpfen Silberkette um seinen Hals befestigt war. Der Anhänger stammt von seinem Vater. Früher, als sein Vater noch Unteroffizier bei der Bundeswehr war, trug er das ovale Plättchen mit der codierten Soldatennummer stets mit sich herum. Nach der unehrenhaften Entlassung aus der Armee, vermachte er die zerkratzte Plakette seinem Sohn, der schon seit er denken konnte sich dieses Medaillon wünschte.
Arthur knabberte, wie sooft wenn er sich in Stress- oder aufregenden Situationen befand, an den Fingernägeln seiner linke Hand und gab gelegentlich leise glucksende Laute von sich.
Sie bogen um die Ecke und standen vor einer massigen Metalltür. Man konnte nur schwer ihr Alter schätzen, aber der Rost, sowie der giftgrüne Schimmel und das florierende Moos auf dem fleckigen Rahmen, deuteten darauf hin, dass sich die Sperre wahrscheinlich seit dem Bau der Abwasserkanäle hier unten befinden musste. Die metallener Schieberiegeln wurden von einem wuchtigen Schloss zusammengehalten. Beim näheren Betrachten der Schließverrichtung stellte sich heraus, dass die Schlüssellochschutzklappe festgerostet war, und sich keinen Millimeter bewegen ließ.
"Na toll. Und was jetzt", meldete sich Arthur jammernd zu Wort. "Hier kommen wir niemals durch."
"Pssst", herrschte Tom ihn an. "Ich überlege."
"Vielleicht sollten wir langsam zurückgehen. Meine Taschenlampe flackert schon", flehte Arthur weiter. Doch keiner reagierte auf ihn.
Tom fummelte weiterhin an dem Schloss und begutachtete Zentimeter für Zentimeter den Türrahmen. Rich drehte und wendete die Karte, fuhr im schwachen Schein seiner Taschenlampe die Wege nach und suchte einen anderen Weg. Leider hatte er den Bereich rund um den Brunnenraum aus Zeitmangel nicht vollständig, sondern nur von einer Seite kommend, abgezeichnet. Jetzt bereute er dies und versuchte sich vergeblich an den umliegenden Verlauf der Tunnel zu erinnern.
"Es hilft nichts", meinte Tom niedergeschlagen nachdem er die Tür getreten, das Schloss mit einem großen Stein bearbeitet und dann beides angeschrieen hatte. "Auch wenn wir das Schloss runterkriegen würden, ist die Tür so stark an den Rahmen gerostet, dass sie sich kein Stück bewegen wird.
"Lasst uns mal durch die Tunneln um den Brunnen herum gehen", schlug Rich nachdenklich vor. "Vielleicht gibt es dort einen anderen Eingang."
Auf der Suche nach einem geeigneten Weg zerpflückte er mit seiner Taschenlampe systematisch die Finsternis. "Ich würde diese Richtung vorschlagen." Er deutete nach rechts.
"Dann los", bestätigte Tom und watete langsam voraus. Wenn das Wasser nur noch zwei Zentimeter höher wäre, würde es doch glatt in meine Gummistiefel laufen, dachte er bei sich. Rich folgte ihm.
" Hey, wartet auf mich, meine Taschenlampe geht nicht mehr. Die Batterien sind leer...", rief Arthur flehend hinterher und watschelte ungeschickt durch das dunkle Nass.
"Tropf!" erklang es ganz in der Nähe.

"Ok, dann ist ja alles klar", sagte Tom. "Morgen um zehn Uhr treffen wir uns außerhalb der Stadt am Kreisverkehr. Dort ist der Eingang. Denkt an Taschenlampen, Rucksäcke und Gummistiefel."
"Ich werde belegte Brote mitnehmen", meinte Arthur. "Für den Fall..."
Doch Tom unterbrach ihn barsch: "Brauchst du nicht, Fettsack. Damit verschwendest du nur unnötig den Platz in deinem Rucksack. Den brauchen wir noch für das Geld." Er zwinkerte versöhnend. "Wir benötigen bestimmt nicht mehr als eine Stunde. Dann sortieren wir die Münzen und können mit diesem Geld dann sofort beim Mac vorbeischauen und uns ein Paar Bürger holen."
"Bürger?" Arthur lief das Wasser im Mund zusammen. "Ok, ich bin dabei."
Die Jungs verabschiedeten sich und verließen den Parkspielplatz in drei unterschiedliche Richtungen.

"Da vorne ist Licht. Da ist echt Licht!", hallte Toms begeisterte Stimme durch die Finsternis. Das Platschen seiner Schritte beschleunigte sich. Rich musste sich Arthurs Laufgeschwindigkeit anpassen, denn seit dem die Batterien in Arthurs Taschenlampe keinen Saft mehr hatten, stolperte dieser mehrfach und landete sogar einmal der Länge nach komplett im Wasser. Er ruderte im Fallen wild mit seinen Armen und schlug Rich dabei die Papierkarte der Abwasserkanäle aus der Hand. Als sie das durchnässte Papier aus der verschmutzten Brühe fischten, hatte es sich schon zusammengerollt und verklebt. Alle Versuche sie wieder auseinander zu ziehen schlugen fehl.
Inzwischen bibberte der tropfende Arthur vor Kälte und klammerte sich zitternd an Rich’s T-Shirt fest. Und so war es nicht verwunderlich, dass sich beide inzwischen meterweit hinter Tom befanden.
Endlich hatten die Nachzügler Tom erreicht und erkannten durch die Zielrichtung seiner Taschenlampe sofort, wovon er sprach. An einer Wand, hinter der Rich die Brunnenraum vermutete, befand sich auf Bodenhöhe ein klaffendes Loch im Gestein, mit zirka einem halben Meter Durchmesser – soweit die verzehrende schmutzige Abwasserbrühe ein Schätzung zuließ. Da dieser Durchbruch komplett unter Wasser lag, war es schwer zu bestimmen, ob diese Öffnung gewollt war um das Wasser aus dem Brunnen abfließen zu lassen oder ob es sich im Laufe der Jahre auf natürlichem Wege gebildet hatte.
"Schaut aus wie Tageslicht", meinte Rich fachmännisch. "Ich denke die Sonne scheint durch das Gitter in den Schacht. Deswegen dieses Leuchten."
"Wenn das Licht heraus kommt, dann können wir doch mit Sicherheit hinein", bemerkte Tom. "Vorausgesetzt, wir passen hier durch." Sein Blick heftete sich streitsuchend an den durchnässten Arthur.
"Alles spricht dafür, dass du als erster hier durchtauchst", forderte Tom Arthur auf. Wenn du reinpasst, dann sollten weder Rich noch ich Schwierigkeiten haben dir zu folgen. Außerdem bist du ja sowieso schon nass", fügte er grinsend hinzu.
"Ich?", quiekte Arthur. Er erschaudert und trat einen Schritt nach Hinten. "Vergiss es, nie im Leben werde ich dort hindurchtauchen. Um kein Geld der Welt."
Entgegen seiner Gewohnheit, diskutierte Tom nicht mehr weiter, sondern zuckte nur gleichgültig mit den Schultern und gab Arthur seine Taschenlampe. Ohne ein weiteres Wort zu sagen, sog er seine Lungen mit Sauerstoff voll und verschwand unter der Wasseroberfläche.
Einen Moment lang verdunkelte sich der Lichteinfall unter Wasser, doch sofort war Tom hindurchgetaucht und das trübe Scheinen setzte wieder ein.
Einige Sekunden vergingen, doch Tom kehrte nicht zurück.
"Und wenn ihm was passiert ist?", stotterte Arthur.
"Wir warten noch etwas", erwiderte Rich. "Wenn er in einer Minute nicht wiederkehrt, schaue ich nach ihm."
"Und ich soll hier alleine bleiben?", rief Arthur empört aus. "Auf gar keinen Fall. Lass uns dann lieber in die Stadt gehen und Hilfe holen."
"Spinnst du! Das dauert Stunden. Wenn Tom in Not ist, können wir keine Zeit verschwenden", war alles, was Rich erwiderte.
Auf einmal verdunkelte sich der Durchlas erneut. Ein unförmiger Schatten bewegte sich gemächlich auf Rich und Arthur zu.
Beide wichen unwillkürlich einen Schritt nach hinten und hielten den Atem an. Der dunkle Fleck näherte sich quellend langsam der Oberfläche. Tom tauchte auf.
Kaum hatte er sich das Wasser von seinen Augen gewischt, da redete er schon wie ein Wasserfall, klang ganz aufgeregt und fuchtelte triumphierend mit den Armen.
"Das müsst ihr euch anschauen, Leute", rief er freudig. "Unglaublich! Drinnen häufen sich die Münzen bis zu den Knöcheln. Und der Brunnen ... das Gewölbe ist riesig. So was habt ihr noch nicht gesehen."
"Kommt mit", er zog den verwirrten Rich mit sich zur Wand und der Öffnung. "Lass die Taschenlampe hier. Drinnen ist es hell genug."
Rich und Arthur sahen sich verwundert an. So eine Ausgelassenheit und Fröhlichkeit kannten sie von ihrem Freund nur selten.
Zögernd schaltete Rich seine Taschenlampe aus und legte sie auf einen Steinvorsprung in der Mauer.
"Komm schon, beeil dich", drängte Tom. "Das ist echt der Hammer!"
"Bin ja schon dabei. Hör auf mich zu schubsen", entgegnete Rich erbost.
Seit der Kindheit schaffte es Rich seine Angst vor tiefen Gewässern zu umgehen. Er vermied Sommerausflüge an den See und wenn er im Schwimmbad war, hielt er sich nur im Nichtschwimmerbecken auf. Auf Fragen ob er mitgehe um eine Runde im tieferen Becken zu schwimmen oder zu Tauchen, hatte er immer eine ungezwungene Antwort parat, die bei den anderen keinen Verdacht erweckte.
Natürlich war dieser kniehohe Wasserstand kein Vergleich zu dem, was man sonst unter Tief verstand, doch alleine schon der Gedanke an das kurzzeitige blinde Untertauchen in dieser dunklen Suppe, ließen die altbekannte lähmende Angst seinen Rücken herauf klettern.
Keinen Weg zurück, dachte Rich befangen, da muss ich durch. Er wollte sich vor seinen besten Freunden nicht blamieren. Zwar wusste er genau, dass ihre jahrelange Freundschaft den Spott minimal halten würde, aber er befürchtete, dass Tom insgeheim falsch von ihm denken könnte, ihn gedanklich vielleicht sogar mit Arthur auf eine Stufe der Ängstlichkeit stellen würde. Nein, beschloss Rich, der Zeitpunkt um die Furcht zu überwinden ist nun gekommen.
Er atmete einige Male tief ein um seine Hemmung zu überwinden. Füllte die Lungen mit reichlich Sauerstoff, zögerte einen kurzen Moment und tauche unter.

Er war erstaunt: von klaustrophobischen Gefühlen, die er anfangs wegen dem engen Durchgang vermutet hatte, war nichts zu spüren. Im Gegenteil, er fühlte sich entspannt und ruhig. Seine Gedanken rasten nicht, sondern waren klar und empfänglich für die farbenprächtigen Lichtspiele vor ihm. Er konnte nur eine Handbreit weit sehen, doch es machte ihm nichts aus. Dort, in ein, vielleicht zwei Metern Entfernung, schimmerten die goldenen Lichtstrahlen, die trübe Unterwasserwelt erhellend und ihm einladend den richtigen Weg weisend.
Und dann war er durch, er tauchte auf und jubelte. Er feierte einen Sieg über seine Ängste, die er belastend schon seit dem Kindesalter mit sich trug. Er war erstaunt wie einfach es ging, ein Versuch und schon ist Erfolg zu verzeichnen. Glücklicher könnte er nicht einmal sein, wenn sie die Abwässersysteme mit Rucksäcken voller antiker und aktueller Münzen verließen.
Apropos Münzen, Rich erinnerte sich an den Grund seiner Anwesenheit in den dreckverkrusteten Tunneln unter der Stadt. Mit beiden Händen kämmte er hastig das tropfende, nasse Haar aus seinem Gesicht und öffnete aufgeregt die Augen.
Er erstarrte.
"Tropf!" ein einkalter Wassertropfen traf ihn auf der Nase.

Schade das Rich, als er die vergilbten Pläne des Abwassersystems fand, nicht noch weiter in dem Ordner mit dem zerkratztem Ledereinband blätterte. Denn sonst hätte er dreizehn Seiten weiter einige angerissene Pergamente entdeckt. Diese waren mit hektischer mittelalterlicher Handschrift bekritzelt. Die Tinte war stellenweise verlaufen und an den Seitenrändern verblasst. Im Laufe der Zeit hatten Motten und anderes Getier ihre Spuren auf dem vergessenen Schreibmedium hinterlassen. Das bröckelige rote Siegelwachs auf der ersten Seite war zwar schon zum größten Teil verschwunden, doch konnte ein geschultes Auge den Durchdruck darunter immer noch als das Siegel des damaligen Papstes erkennen und aus diesem Grund dem Schriftstück die gebührende Aufmerksamkeit zukommen lassen.
Doch auch wenn Rich diese Niederschriften entdeckt hätte und das zerfallene Siegel als das gedeutet hätte was es wirklich war, hätte er mit seinen geringen Schullateinkenntnissen mit Sicherheit Schwierigkeiten gehabt die Jahrhundertalte Wörter zu übersetzen: Intra numquam orbis de aqua, cum la ténebrae t expecta..

Ein Schlag am Unterschenkel erweckte Rich promt aus seiner Starre. Wie in Trance machte er instinktiv einen Schritt zur Seite und sogleicht tauchte an der Stelle, wo er zuletzt gestanden hatte, ein nach Luft japsendes Häufchen Elend auf. Schwer atmend stand Arthur bis zur Hüfte im dreckigen Wasser und schüttelte sich vor Ekel. Als er schließlich seine Augen aufschlug und Rich’s stummen Blick in den Raum folgte, öffnete sich sein Mund kurz, schloss sich aber sofort und lautlos wieder.
Gleich danach entstieg auch Tom der dunklen Brühe und legte die Arme um die Schultern seiner beiden staunenden Freunde – Rich links von ihm und Arthur rechts. Er grinste zufrieden: "Na, hatte ich euch zu viel versprochen?"

Intra numquam orbis de aqua, cum la ténebrae t expecta. Betrete nie den Wasserkreis, denn das Dunkle wartet.

Die Drei standen am Rande eines meterhohen runden Gewölbes. Mit etwa zwölf Metern Durchmesser und gut sechs Metern Höhe, war der Brunnenraum in Wirklichkeit um einiges größer als die Sicht von oben durch die Gitter vermuten ließ. Im Zentrum befand sich eine kreisrunde, ungefähr zwei Metern an Radius große Plattform. Das steinerne Podium erhob sich einen Fuß über dem trüben Wasserspiegel und wirkte durch die einfallenden goldenen Sonnenstrahlen aus dem kurzen Brunnenschacht in der Gewölbedecke, wie ein heiliger Altar. Abertausende Geldstücke, manche strahlend, manche mit der Zeit stumpf geworden, häuften sich auf dieser Anhöhe. Genau in der Mitte befand sich der höchste Punkt des Geldberges – der Gipfel. Auf die Seiten hin, nahm er an Höhe langsam ab, bis er sowohl in der Waagerechten, wie auch in der Senkrechten die Kante der Plattform erreichte. Gott allein wusste, wie viel von den wertvollen Metallscheiben sich in der Finsternis des umliegenden Wassergrabens noch befinden mochten.
"Ist das nicht geil!" rief Tom aufgedreht. "Ich glaube wir sind sehr schlecht ausgerüstet", spaßte er ausgelassen und klopfte demonstrativ auf Athurs kleinen Rücksack. "Wir werden bestimmt Wochen benötigen, um das Zeugs hier heraus zu schleppen."
"Wir müssen einen Weg finden wie wir es unbemerkt in die Stadt bringen. Und natürlich bedenken wo wir es lagern möchten", ergänzte Rich in Gedanke versunken.
"Immer der vorausschauende Denker, was?" stichelte Tom "Mach dir jetzt keinen Kopf drum. Dieses Problem lösen wir, wenn es soweit ist. Aber jetzt, lasst uns ein Geldbad nehmen." Er lachte und watete gemächlich zur Mitte. "Nach Innen hin wird es zwar etwas tiefer, aber man kann immer noch problemlos stehen", verkündete er, als er die glitzernde Anhöhe erreichte. Nur sein Kopf und die Schultern ragten über die Oberfläche. Er wischte an der Kante einige Geldstücke achtlos beiseite um sich am Stein fest zu halten. Als die Münzen mit einem leisen "Plopp" unter dem Wasser verschwanden, tauchte kurzzeitig ein Gedanke des Bedauerns in Tom auf. Doch als er sich auf die Anhöhe gezogen hatte und sich sachte auf den Geldhaufen fallen ließ, verschwand ob der ungeheuren Menge des Geldes, der geizige Gedankengang genau so schnell wie er gekommen war. Er warf den Kopf zurück und lachte laut auf. Die Stimme prallte von den nackten Wänden ab und ließ unzählige Echos entstehen. Es hörte sich an, als ob unzählige unsichtbare Dämonen ein dunkles berauschendes Fest feierten.
Aber diesmal zuckte nicht mal Arthur zusammen. Angesicht des Schatzes und der Freude nun endlich das Ziel erreicht zu haben, vergaß er seine Angst und den Ekel vor den dunklen Abwasserkanälen vollständig und stimmte in das ausgelassene Gelächter mit ein.
"Kommt endlich her. Es ist ein geniales Gefühl", rief Tom den beiden Wartenden begeistert zu. Er warf einen Schwall Münzen in die Luft und beobachtete fasziniert wie der Glitzerregen unzählige kleine Geräusche auf der Wasseroberfläche hervorrief.
Dies überzeugte Rich und Arthur nun vollends. Sie wateten und schwammen die wenigen Meter zur Insel, hievten sich, genauso wie Tom zuvor, auf die Anhöhe – natürlich benötigte Arthur eine kleine Hilfestellung. Und streckten sich auf dem kühlen Metall aus.
Nun lagen sie still und bewegungslos dar und starrten auf das offene Licht in der Decke. Jeder auf seiner Seite des harten Berges. Die Finger tief ins Gold und Silber und Bronze und Messing und Kupfer vergraben, träumte jeder von ihnen seinen eigenen Traum. Keiner wagte mehr zu reden, niemand warf Geld ins Wasser oder klimperte damit in den feuchten Handflächen. Sie alle erkannten den Wert dieses magischen Augenblicks. Jeder war sich bewusst, dass sie wahrscheinlich nie wieder, in ihrem ganzen kommenden Leben nicht, so ein Gefühl verspüren würden wie es jetzt gerade der Fall war. Sie kamen sich vor wie Abenteurer, wie mutige Archäologen, die in den verwinkelten, düsteren Gängen eines fernöstlichen Ruinentempels nach dem heiligen Gral suchten. Fast wie Harrison Ford in Indiana Jones. Das Glücksgefühl das Ziel einer langen Reise erreicht zu haben, wo ein ungeheuren Schatz auf sie wartete, hatte alle drei vollkommen eingenommen. Sie ließen Ihre Gedanken treiben, und kosteten den fast schon überirdischen Moment aus.
Keiner spürte die Kälte, die sich von den Wänden, über die nun wellenlose Wasserdecke und schließlich über ihre nassen Kleider in ihren Körpern ausbreitete. Auch bemerkte niemand den pechschwarzen Schatten, der gemächlich von den umliegenden feuchten Wänden hin zur Mitte des Raumes kroch. Er glitt so langsam und betulich über die spiegelglatte Wasseroberfläche, wie eine Bestie, die schon seit Jahrhunderten in ihrer einsamen Gefangenschaft auf die langersehene Beute wartete und nun die letzten noch verbleibenden Sekunden vor dem Zuschnappen, in aller Ruhe voll auskosten wollte.
Ein Wassertropfen löste sich von der kalkigen Decke, durchschnitt die ölige Luft auf seinem todesmutigen Sturzflug, erreichte kurz darauf die Wasseroberfläche, erzeugte aber kein Geräusch auf dem pomadigen Überzug - kein "Tropf" war zu vernehmen.

Arthur stemmte sich als erster in die Höhe und streckte behutsam seine Glieder aus. Sein Rücken schmerzte und die lähmende Kälte machte seinen Körper steif.
"Wisst ihr was ich mit meinem Anteil mache", begann er gutgelaunt, hielt aber abrupt inne. Seine Augen weiteten sich vor Schreck. Fieberhaft blickte er um sich.
"Ja? Weiter. Was machst du mit deinem Anteil?", hackte Rich nach. Er lag immer noch rücklings dar, die Augen träumend geschlossen. Er wollte auch erzählen, was er mit seinem Teil der Beute anstellen mochte doch Arthur kam ihm zuvor. Deswegen hoffte Rich inbrünstig, dass Arthur bei seiner Version nicht ausschweift, wie es in der Regel der Fall war, sondern sich knapp fasste und andere, in diesem Fall Rich, zu Wort kommen lassen würde.
Doch Arthur sprach nicht. Er bewegte seinen Kiefer auf und ab, aber die Worte weigerten sich sichtlich seine zugeschnürte Kehle zu verlassen.
Rich hob ungeduldig den Kopf und drehte ihn umständlich in Arthurs Richtung.
Was er dort erblickte, ließ ihn zuerst schmunzeln, dann aber unruhig werden. Arthur stand da, den Mund weit geöffnet und am ganzen Körper zitternd. Er sah aus wie ein riesengroßer Kugelfisch, der vergeblich zu reden versuchte. Erst dachte Rich, sein Freund schlotterte wegen seiner nassen Klamotten – auch Rich fröstelte es einwenig. Doch als er in Arthurs Augen sah, erblickte er dort wahres Entsetzen. Arthur starrte an Rich vorbei in die Düsternis. Rich folgte Arthurs Blick, erkannte aber nichts Ungewöhnliches hinter sich. Rich sah zu Tom - vielleicht verstand ja dieser Arthurs Problem.
Tom lag immer noch. Er schien eingedöst zu sein.
"Tom?" fragte Rich zögernd und stand vorsichtig auf. "Ist alles klar mit dir?"
Doch er bekam keine Antwort, denn Arthurs Schrei nötigte Rich sein Interesse Arthur zuzuwenden. Dieser schien wieder Herr seiner Sinne zu werden und die Macht über seinen angsterfüllten Körper zu erringen. Alle aufgestauten Worte brachen mit einem Mal aus ihm heraus. Er schrie aus allen Leibeskräften. Er schrie und krabbelte auf allen Vierern den Geldberg empor. Besser gesagt, er versuchte den Berg zu besteigen. Denn als wäre das anorganische Metall zum Leben erwacht, ließ es kleine Stürzbäche von Münzen, einer Schneelawine gleich, unter Arthurs schwerem Körper hinwegfließen und spülte diesen förmlich immer wieder zu seinem Ausgangspunkt zurück – der Kante der steinernen Erhöhung.
"Was ist los mit dir?" Rich war verwirt. Es kam nur selten vor, dass er eine Situation nicht auf Anhieb überblickte. Auf seine schnelle Auffassungsgabe war immer sehr stolz gewesen. Auch wenn er so etwas Bescheidenerweise nie vor anderen erwähnen würde. Doch nun verstand er das seltsame Verhalten seiner beiden Freunde überhaupt nicht. Und das machte ihm am meisten Angst.
"Das Schwarze,... der schwarze Schleim... im Wasser...", keuchte Arthur eine stockende Antwort. Er versuchte immer noch hartnäckig den Haufen zu erklimmen, doch sein stoßweise kommender Atem und seine langsamer werdenden Bewegungen, zeugten von ersten Ermüdungserscheinungen. Er war noch nie eine Sportskanone gewesen.
Rich befolge den seltsamen Rat seines Kameraden und blickte automatisch über den Rand des Podestes. Zuggegeben, die dunkle, dreckige Brühe in den Abwassersystemen war ekelerregend und erzeugte ein unbehagliches Angstgefühl. An diesen Zustand gewöhnte man sich aber nach relativ kurzer Zeit. Doch die Veränderung, die er erst beim näheren Hinsehen festgestellt hatte war enorm.
Eine finstere, schleimige Flüssigkeit füllte nun das Becken um die kleine Insel. So dunkel und schwarz, dass nicht mal die Sonnenstrahlen, die durch das rostige Gitter in der Decke kamen, diese Schwärze zu durchdringen vermochten. Fast hatte Rich den Eindruck, als schlucke diese zähe Gebräu das kommende Licht. Das Licht und alles Leben, schoss ein warnender Gedanke durch seinen Kopf.
Überall war die ebenholzfarbene Oberfläche vollkommen glatt. Keine kleine Wellen oder Wasserstrudel zeichneten sich auf ihr ab. Nur an der Stelle, an der das Inselpodest ins Wasser überging, bemerkte Rich geschmeidige Bewegung. Er beugte sich vor und sah es: kleine Streifen der geheimnisvollen Flüssigkeit leckten wie winzige schwarze Zunge am Rand der Erhöhung. Sie griffen und sprangen wenige Zentimeter in Höhe, liefen dann stumm und zeitlupenhaft an dem Fels herunter. Doch je länger Rich hinsah, desto mehr kam es ihm vor, als ob diese winzigen Flecken immer höher, Stück für Stück immer mehr die Grenze zwischen den Besuchern und sich selber, zu eigenen Gunsten verschoben.
Nun verstand Rich Arthurs Verhalten. Er versuchte nicht Arthur nachzuahmen. Es war klar, dass Münzen genauso wie Kieselsteine, es einem unmöglich machten sie zu erklimmen. Auch Arthur gab inzwischen sein hoffnungsloses Tun auf und drückte sich schluchzend an den unbezähmbaren Geldkegel.
"Ich habe eine Idee!" rief ihm Rich zu. Er machte sich keine Hoffnung auf Erfolg, erkannte keinen großen Sinn hinter seinem Vorhaben, wusste aber, dass alles besser war, als hier tatenlos herumzustehen. Außerdem musste er Arthur wieder motivieren. Ganz egal was der schwarze Schleim anzurichten vermochte, wenn er sie erreichen sollte, sie würden nicht kampflos untergehen.
Arthur sah mit Tränen im Gesicht zu Rich empor. Hoffnung blitzte in seinen geschwollenen Augen auf.
"Schaufel des ganze Geld vom Podest herunter. Vielleicht hilft es. Vielleicht macht es diesen Schleim satt und er zieht sich wieder zurück."
Das schien Arthur als Antrieb zu genügen. Schnaufend schaufelte er mit seine pummeligen Händen die Geldstücke über den Rand, sorgfältig darauf bedacht nicht näher als es wirklich nötig war an das unbekannte Grauen zu kommen.
Plötzlich erinnerte sich Rich an Tom. Er hatte seine ganze Konzentration benötigt um sich auf die unwirkliche Situation einzustellen und Arthur zu beschäftigen, so dass er gar nicht mehr an den Dritten im Bunde dachte.
"Tom, hilf uns!" rief er über die Schulter, während er immer noch nach Vorne gebeugt, seinen dritten Schub Münzen über die Kante plumpsen ließ.
Mit Sicherheit hatte Arthurs Schrei Tom aufgeweckt. Wie zur Bestätigung hörte er klimpernde Schritte hinter sich. Rich freute sich auf ein unterstützendes aufmunterndes Wort von seinem besten Freund. Möglicherweise hatte ja Tom einen Vorschlag, wie sie aus diesem Schlamassel wieder herauskommen sollten.
Immer noch am Boden kauernd und eine neue Ladung Geld sammelnd, sah Rich über seine Schulter.
Tom grinste bereits. Jedoch dieses Mal war nicht der sonst so schelmenhaften Ausdruck in seinem Blick zu erkennen. Seine Miene war eine bösartige Fratze. Die Augen zu kleinen hinterhältigen Schlitzen zusammengekniffen. Die Lippen zu einem dünnen, unheilvollen Grinsen gepresst. Die Hände baumelten lässig an seinen Seite. Plötzlich bemerkte Rich, wie blas Toms Gesicht hier unten, unterhalb der Stadt wirkte. Es sah aus wie der mumifizierte Schädel eines Zombies.
Ein heftiger Tritt ins Gesicht ihn über den Rand der Erhebung beförderte.
Er hörte seine Nase brechen. Es hört sich wie ein trockener Zweig an und tut gar nicht weh, dachte Rich ganz erstaunt. Dann empfing ihn die Ohnmacht mit geistiger und der Schleim mit körperlicher Dunkelheit.
Nur ein kleiner Teil der hastig angehäuften Münzen, glitt zusammen mit ihrem Sammler in die Tiefe.
Kurz darauf plumpste ein weiterer Körper geräuschlos in den Graben. Genau so wie das erste Opfer, wurde auch dieses unverzüglich unter die dunkel glänzende Oberfläche gezogen. Noch während des überraschenden Erstickungskampfes, begann sich die Person in der säureartigen Flüssigkeit zu zersetzen.

Es war Nachmittag. Drei Kinder stritten an dem Klettergerüst auf dem Spielplatz um eine besondere Sammelkarte. Alle drei waren zwischen 12 und 14 Jahre alt und hatten gerade ihr restliches Taschengeld zusammen gelegt um ein bunt bemaltes Päckchen mit zehn Sammelkarten am Parkkiosk zu kaufen. Nun entdeckten sie eine sehr seltene und daher sehr begehrte Karte, den Schneedrachen, und konnten sich nicht einigen wer von ihnen nun Anspruch auf diese Rarität haben sollte.
"Ich habe den Schneedrachen drei Mal zum tauschen hier", ertönte eine piepsige Stimme hinter ihnen.
Die Kinder drehten sich um und sahen einen dicklichen Jungen an. Dieser war zirka zwei Jahre bis drei Jahre älter als sie.
"Außerdem", fuhr Arthur verschwörerisch fort, "kenne ich einen sicher Weg, wie wir an das Geld im Brunnen an der Jakobskirche kommen könnten. Davon würden wir uns dann alle Sammelkarten der Welt kaufen. Interesse?"

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