Herr der Wolken

Kapitel 1: Das Unwetter

Es war ein typischer Spät-Oktobertag. Der Wind peitsche durch die nackten Baumwipfel und wütete heulend in den Schornsteinen. Er fing den feinen Nieselregen auf und zwang ihm seine eigene Bewegungsdynamik auf. Die schweren dunklen Wolken krochen träge über der grauen Stadt und trugen zur trostlosen Atmosphäre das ihrige bei.
Mira stand auf dem Balkon ihrer Wohnung im sechsten Stockwerk eines betonfarbenen Hochhauses. Sie ließ ihr Kinn auf dem verwitterten Geländer ruhen und genoss die Vorboten des nahenden Sturms. Der Wind peitsche ihr willenloses Haar in alle möglichen Richtung und trieb ihr ununterbrochen Abertausende kleine Regentropfen ins Gesicht, die wie winzige Nadeln stachen. Doch das störte sie nicht, sie liebte solche Tage. Sie liebte sie deswegen, weil die Welt um sie herum dabei farblos und düster wurde. Alle Menschen eilten nach hause und versteckten sich dort vor den tosenden Naturgewalten. Bis auf einige wenige Nachzügler, die sich von ihren kleinen kunterbunten Regenschirmen etwas Schutz vor dem Angst einflößenden Grau versprachen, waren die Straßen leer und verlassen. Mira fühlte sich wie der einzige Mensch auf der ganzen großen Welt. Dieses Gefühl war ihr mehr als vertraut, denn so erging es ihr fast immer. Dabei war es vollkommen egal ob sie sich in der Schule inmitten anderer Kinder befand oder mit ihren Ihrer Mutter und den beiden Geschwistern auf dem Kinderspielplatz spielte. Immer war eine unerklärliche Einsamkeit in Miras Herzen zu spüren, eine Einsamkeit, die es ihr nicht erlaubte andere Menschen an sich heran zu lassen. Sie konnte nicht erklären warum sich dieses Gefühl in ihr breit gemacht hatte oder wodurch es ausgelöst wurde, doch es war da und begleitete sie schon soweit sie sich erinnern konnte. Sie wurde vor kurzem sechs Jahre alt und ging seit gut drei Wochen zur Schule. Mira war bestimmt das traurigste Mädchen auf der ganzen Welt.

Leo war ein ganz normaler Berufskriminäler. Diese Berufsbezeichnung gab er sich selbst und pflegte diesen Begriff wo auch immer er konnte. Die feste Definition gab seinem Tun eine gewisse Legitimation, eine Gradlinigkeit. Sie war eine Art Richtungsweiser in seinem sonst so chaotischen und verworrenem Leben. Er war kein Träumer, er wusste, dass er falsches tat. Dies war nicht das Leben, dass er sich ausgesucht hatte, doch er hatte nun mal keine andere Wahl. Wenigstens redete er sich das ein.
Er lief durch die regnerische Straße und schaute sich verstohlen um. Perfekt, dachte er, nächte wie diese sind für erfolgreiche Beutezüge wie geschaffen. Die Bürgersteige waren menschenleer und dank des nahenden Gewitters würde sich an dieser Tatsache nicht so schnell etwas ändern. Leo prüfte einige der umstehenden Autos auf offene Türen. Die Fahrzeuge drückten sich in die dunklen schmalen Parklücken unterhalb den ausladenden Kronen der am Straßenrand wachsenden Akazienbäume - ganz so, als ob auch sie sich vor dem fürchterlichen Sturm verstecken wollten. Leo hatte schon zwei Dutzend Fahrzeuge getestet, doch alle ohne Erfolg. Er wollte schon aufgeben und sich in einem anderen Stadtteil umsehen, als er zehn Meter vor sich etwas atemberaubendes erblickte. In einer breiten Einfahrt auf der gegenüberliegenden Straßenseite befand sich ein eleganter silberglänzender Mercedes. Dieser stand mit der Front zur Straße hin und schien Leo einladend anzulächeln. Gelegentliche Lichtblitze rollten über den schwarzen Himmel und spiegelten sich in der makellosen Karosse des majestätischen Fahrzeugs wieder. Ein Oldtimer, bemerkte Leo mit einem augeregtem Prickeln im Bauch. Ein letzter Versuch noch, nahm er sich vor. Er zog die Kapuze seiner alten Regenjacke noch tiefer ins Gesicht und ging schnellen Schrittes über die leere Straße. Der Regen wurde stärker und riesige Wassertropfen prasselten gnadenlos auf die hilflose Erde hernieder.
Leo erreichte das eindrucksvolle Auto, sah sich noch mal nach alle Seite hin um und zog an der Fahrertür. Zu seinem Erstaunen gab die Tür nach und öffnete sich problemlos. Leo wartet noch einen kurzen Moment, doch als der befürchtete Alarm ausblieb, stieg er ein und schloss mit einem glücklichen Lächeln im regennassen Gesicht die Tür. Nun musste er den Wagen nur noch zum Laufen bringen. Er griff zu einer Klappe unterhalb des Lenkrads und löste diese behutsam aus ihrer Verankerung. Ihm kam ein Knäuel aus bunten Kabeln entgegen. Er holte seine kleine Taschenlampe aus einer der Hosentaschen, knipste sie an und versuchte im vielfarbigen Gewirr zurecht zu kommen. Welche beiden Drähte musste er noch mal kurzschließen um das Fahrzeug zu starten? Er dachte angestrengt nach. Plötzlich viel sein Blick auf den Beifahrersitz und er lachte laut auf. Dort auf der breite ledernen Sitzfläche lag ein Autoschlüssel. Der Autoschlüssel. Noch mehr Glück konnte man einfach nicht haben. Leo griff blitzschnell zum Schlüssel und führte ihn in das Zündschloss. Wenn er noch die allerletzten Zweifel bezüglich seines Glücks am heutigen Tag hegte, so lösten sich diese im Geräusch des startenden Motors auf. Leo schaltete das Licht ein und gab Gas. Der Mercedes heute laut auf und tat ein großen Sprung nach vorne. Leo brauchte nur wenige Sekunden um sich an das neue Fahrzeug zu gewöhnen und die drei Hundert Pferdestärken unter seine Kontrolle zu bringen. Mit einem Siegesschrei raste er um die enge Kurve und bog an der nächsten Kreuzung links ab. Ein blaues Autobahnschild wies ihm den Weg zu einem dicken Bündel Geldscheine. Der Regenschauer erreichte seinen Höhehunkt und wischte alle Spuren menschlicher Schlechtigkeit einfach weg.

"Mira, kommst du bitte herein. Sonst wirst du noch krank!", rief die Mutter aus der Küche, wo sie das Abendessen zubereitete.
Mira wurde unsanft aus ihren Tagträumen herausgerissen und wusste einen winzigen Augenblick lang nicht wo sie sich befand. Sie stand immer noch auf dem Balkon und war mittlerweile klatschnass. "Ich komme, Mama!", schrie Mira und versuchte vergebens gegen den heulenden Wind anzukommen. "Nur noch eine kurzen Moment", flüsterte sie sich selbst zu und genoss die letzten Sekunden.

Leo fegte über die leere Autobahn und nichts schien ihn aufhalten zu können. Schnell Fahren machte ihn glücklich und vermittelte ihm ein Gefühl von grenzenloser Freiheit. Auch wenn die Scheibenwischer mit den sintflutartigen Wassermengen kaum zurecht kamen und der Asphalt vor ihm gefährlich glänzte - Leo hatte keine Angst. Angst, war ein Gefühl, welches er schon als Kind abgelegt hatte. Einige Jahre Kinderheim und mehrere Jahre Aufsichalleingestelltsein auf den rauen Straßen der Vorstadt ließen keinen Platz für Empfindungen dieser Art. Eigentlich ließ das Leben auf der Straße kaum Platz für irgendwelche Empfindung. Außer natürlich Hass und Misstrauen, verbesserte er sich.
Ein gleißendes Licht beendete seinen gedanklichen Zeitsprung in die Vergangenheit. Untermalt von einem nervtötendes Dauerhupen, gab ein entgegenkommendes Auto Leo zu verstehen, dass sich dieser zu weit nach links auf die Gegenspur gewagt hatte. Mit einem ruckartigen Schwenker wollte Leo die Fahrtrichtung korrigieren. Dabei ließ er jedoch die rutschige Fahrbahn außer Acht. Das zweitonnenschwere Fahrzeug geriet ins Schleudern und schlitterte unkontrolliert in Richtung Leitplanke. Mit seiner ganzen Kraft kämpfte Leo gegen die Verselbstständigung des Autos an und brachte es kurz vor der sich drohend erhebenden Leitplanke zum Stehen.
Puh, dachte er, das war wirklich knapp. Erstaunlicherweise dachte er während der letzten gefahrvollen Augenblicke nicht an sich, sondern nur daran, dass das Auto Schaden nehmen könnte und er das Geld, welches er sich aus dem bevorstehenden Geschäft erhoffte, nicht erhalten würde. Komische Denkweise, gestand er sich ein. Doch auch wenn er dies vor anderen Leuten nicht zugeben würde, bezogen auf sein eigenes Leben war dieser Vorfall auch ein wenig besorgniserregend. Doch zu Glück ist es gut ausgegangen.
Trotz des strömenden Regens, stieg Leo aus dem Wagen und wollte sich auf den kleinen Schrecken kurz die Beine vertreten. Der Regen machte ihn nichts aus. Er sah gen Himmel und betrachtete voller Ehrfurcht die bizarren Muster, die gleißende Blitze in kurzen Abständen auf den Wolken verhangenen Himmel zeichneten. Grollender Donner sorgte für die perfekte akustische Untermalung der dargebotenen Szenerie.
Leo war so fasziniert von dem ihn umgebenden Schauspiel, dass er nicht den einen Blitz bemerkte, der sich von seine Brüdern und Schwestern in der Hohe gelöst hatte und sprichwörtlich blitzschnell nach unten, in seine Richtung schoss. Doch auch wenn Leo den Blitz gesehen hätte, hätte er wohl kaum Zeit gehabt darauf zu reagieren. Egal was er getan hätte, vor dem zuckenden Lichtstrahl gab es kein Entkommen.

Mira warf noch einen letzten Blick auf das Naturwunder hoch über sich und flüsterte einige Worte des Abschiedes zum Wind, zu den Blitzen und zum Donner. Ebenso die Wolken und den Mond - auch wenn er sich im Moment versteckte - vergaß sie nicht. Sie drehte sich um und machte einen Schritt in Richtung der Balkontür. Gleichzeit zuckte ein weiterer Blitzt aus dunklen Masse über dem Hochhaus und schoss zischend nach unten. Gleich einer langen Hand, die Mira zurückhalten wollte, bewegte er sich zielstrebig auf den Balkon zu, den Mira gerade verlassen wollte. Auch hier gab es kein Entkommen vor dem schicksalhaften Ereignis.


Kapitel 2: Der Unbekannte

Die schwarz gekleidete Gestalt bewegte sich sicheren Schrittes durch die dunklen Gänge des unterirdischen Kanalisationssystems. Diese Gestalt treffend zu beschreiben war ein unmögliches Unterfangen. Jedes mal wenn sie einen schwachen Lichtkegel passierte, der von den nächtlichen Laternen an der Oberfläche erzeugt und durch die symmetrischen Schlitze in den Kanaldeckeln verzerrt durchsickerte, veränderte sich die Form des Wesens beständig. Mal war die Gestalt hoch und schlank, mal war sie klein und rundlich. Auch merkwürdig verzehrt oder unförmig gewellt, konnte man den Unbekannten in den schwachen Lichtkreisen erblicken. Wie seltsam das Ganze an beleuchteten Stellen auch anzusehen sein mochte, es kam in keinster Weise an den Anblick heran, den die Gestalt in der absoluten Dunkelheit annahm.

Ein monotones Piepen erfüllte den kleinen, klinisch weißen Raum. Draußen im Gang hörte man eine weibliche Stimme durch einen Lautsprecher sprechen. Die verschlossene Tür dämpfte die Stimme, so dass nicht zu verstehen war was gesagt wurde. Im Inneren des Raumes saß am Krankenbett eine trauernde Mutter und streichelte mit Tränen in den Augen stumm die Hand ihrer jüngsten Tochter.
Sie hatte unglaubliches Glück gehabt, hallten die Worte des Arztes in ihren Ohren. Der Blitz trat an der linken Schulter in den Körper ein und verließ diesen durch den Fuß der gleichen Seite ohne wirklichen Schaden anzurichten, erklärte er weiter. Physisch hat ihre Tochter keinerlei ernsthaften Verletzungen davongetragen - von den minimalen Verbrennungen an der Eintritts- und der Austrittsstelle der Stromladung mal abgesehen. Doch diese werden nach einigen Wochen verheilt sein und werden keinerlei Narben hinterlassen. Leider können wir den komatösen Zustand in dem sich ihre Tochter seit dem Unfall befindet nicht erklären. Möglicherweise war dies eine Schutzreaktion des Körpers um sie vor eventuellen Schmerzen zu bewahren. Oder aber der Schock blockiert ihre Wahrnehmung und gibt den Körper nur sehr langsam dem Geist zurück. Wir müssen sie noch einige Zeit hier zur Beobachtung behalten. Ich bin mir sicher, dass in wenigen Tagen eine Besserung eintritt. Auch können wir bestimmt bald eine sinnige Erklärung für ihren Zustand herausfinden. Ich bitte sie um etwas Geduld und machen sie sich keine Sorgen, es wird wieder alles gut werden.
Sich keine Sorgen machen, brauste es im Kopf der Mutter auf. Es ist ihre kleine Tochter und nicht irgendeine Fremde, wie sie für den Arzt sein mochte. Eine von Dutzenden Patienten, die er tagtäglich behandelte. Sie wusste, dass der Arzt sie nur beruhigen wollte und es gab an seinem Bericht und seiner Art nichts zu bemängeln, doch etwas, was sich Miras Mutter nicht erklären konnte, störte sie am Doktor Alexander Walden, wie es sich zum Beginn des Gesprächs vorgestellt hatte. Doch sie hatte keinen Kopf um diese Gedanken zu verfolgen. Immer noch war sie durch den schrecklichen Vorfall wie paralysiert und konnte nicht mehr tun, als da zu sitzen und das kleine blasse Händchen ihrer stummen Tochter zu streicheln.

Leo öffnete ganz langsam seine Augen und versuchte sich zu bewegen. Ein stechender Schmerz schoss durch seinen Kopf und seinen ganzen Körper. Stöhnend hielt er inne und der plötzliche Schmerz ließ sofort nach. Er suchte in seinen Erinnerungen nach Anhaltspunkten für seinen momentanen Aufenthaltsort, doch die Gedanken in seinem Kopf rasten und wirbelte so schnell durcheinander, dass er keinen davon fassen konnte. Leo rollte ganz vorsichtig mit seinen Augen um mit so wenig körperlicher Bewegung wie nötig ein möglichst vollständiges Bild seiner Umgebung zu erfassen. Doch in der Rückenlage, war sein Sichtbereich stark eingeschränkt und alles was er erblickte, war ein dunkler Himmel weit über ihm, der im geheimnisvollen Blau schimmerte. Langsam kehrte sein Gedächtnis zurück und er erinnerte sich an das Auto und den Beinah-Unfall - und daran, dass ihn etwas getroffen hatte. Etwas, was er sich nicht erklären konnte. Es füllte sich ganz komisch an. Erst spürte er einen gleißenden Stich an seinem Hinterkopf, dann wurde sein ganzer Körper heiß und begann unkontrolliert zu zucken. Doch so schnell dieses merkwürdige Gefühl kam, so schnell verschwand es auch wieder und er stürzte nach unten in die Dunkelheit...
Das kommt davon, wenn man an einer stark befahrenen Straße spazieren geht, dachte er sich. Für ihn stand es fest, dass ein vorbeifahrendes Auto ihn erfasst hatte. Und wo ist der Fahrer hin, überlegte er. Wahrscheinlich hatte er vor Schreck Fahrerflucht begangen. Wer könnte es ihm verübelt? Dafür hatte Leo vollstes Verständnis, er hätte genau so gehandelt. Jetzt ging es darum den Schaden fest zu stellen. Freudig fühlte er wie ganz langsam wieder Leben in seine tauben Beine einkehrte. Auch die anfänglichen Kopfschmerzen ließen langsam nach. Er beschloss noch kurz liegen zu bleiben, bevor er dann wieder ins Auto einsteigen und weiterfahren würde. Auto!, schoss es durch sein vernebeltes Gehirn. Hoffentlich ist dem Wagen nichts passiert. All das Geld! Sofort waren seine Schmerzen vergessen und er sprang augenblicklich auf.
Die plötzliche Anstrengung rief einen kleinen Schwindel hervor und ließ seinen Blick kurzzeitig verschwimmen. Als seine Sicht wieder klar wurde, starrte er verwirrt um sich. Er fand kein Auto. Auch war der asphaltierte Belag der Autobahn verschwunden. Es waren überhaupt keine Straßen zu sehen. Ebenso waren die Bäume und die Büsche verwunden. Egal in welche Richtung Leo blickte, überall um ihn herum erstreckte sich bis zum Horizont eine vollkommen flache nackte Ebene. Doch nicht dies verstörte Leo. Vielmehr waren es die Abertausende unwirklicher Gestalten, die sich über diese Ebene bewegten. Obwohl all diese Wesen sich optisch im nichts glichen, hatten sie doch eines gemeinsam: sie alle bewegten sich auf Leo zu.

"Miraaahh... Miraaahh...", ertönte es von überall her. Flüsternde Stimmen aus der absoluten Dunkelheit um sie herum wiederholten beständig ihren Namen.
"Wo seid ihr?!", rief Mira mit aller Kraft entgegen.
Doch niemand machte sich die Mühe auf ihre Frage zu antworten. In raschelnden Tönen, wie herbstliches Laub, welches vom kühlen Wind entlang der Straße gewirbelt wird, riefen die Unsichtbaren unbeirrt weiter.
Diese Situation war für Mira nichts neues, sie kannte diese Stimmen nur zu gut. Unzählige Male wachte sie inmitten der Nacht auf und fand sich weinend im Bett liegen. Immer war es im Alptraum stockfinster - sie sah nie etwas, sie hörte nur die geheimnisvollen Stimmen und spürte etwas Fremdes. Sie konnte dieses Fremde nicht genau definieren, doch es ging etwas kaltes und böses von der unbekannten Präsenz aus, etwas was Mira stets Angst einflößte. Und sie konnte schwören, dass diese Präsenz auch den Stimmen Angst machte. Denn je länger der Traum andauerte, desto mehr nahm das böse Unbekannte den Raum ein und desto leiser wurden die Stimmen. Kurz vor dem Aufwachen waren die Stimmen immer fast vollständig verstummt und Mira bildete sich ein, dass sie gegen Ende jedes Mal Furcht aus den Stimmen heraushörte. Der immer wieder kehrende Traum ängstigte sie anfangs dermaßen, dass sie nie alleine in der Dunkelheit bleiben wollte, später wurde er zur Normalität und inzwischen nahm sie den Schrecken fast schon gleichgültig hin. Das Geflüster und die leisen Rufe in ihrem Kopf gehörten einfach zu ihren Träumen. Sie erzählte niemandem von diesen nächtlichen Geistern - nicht einmal ihrer Mutter. Zuerst hatte sie zu viel Angst davor, von den Anderen ausgelacht zu werden und später fand sie keine Worte, mit denen sie das Erträumte beschreiben konnte. So lernte sie mit diesem anhaltenden Schrecken zu leben.
Doch diesmal war irgendetwas anders. Sie hatte schon längst den Punkt überschritten, an dem sie üblicherweise aufwachte und schweißgebadet unter ihrer Decke kauerte. Diesmal ging der Traum weiter: die Stimmen waren schon kaum wahrnehmbar und das unsichtbare Etwas kam unaufhaltsam näher. Es war bereits so nah, dass Mira bestimmt nur die Hand ausstrecken müsste um es zu berühren. Etwas war neben... nein, über ihr... nein überall um sie herum. Egal wohin sie sich konzentrierte, überall nahm sie dieses Fremde wahr. Es berührte sie inzwischen, es zog sich immer mehr zusammen und schließlich schloss es sie komplett ein - wickelte sich um ihren Körper, wie ein schwerer Kokon um eine zerbrechliche Raupe und drückte Mira immer weiter zusammen. Bald wurde das Atmen unmöglich und ihr wunde schwindelig. Mira wollte sich wehren, doch sie war wie gelähmt und konnte bei dieser Vorstellung nur als passiver Zuschauer agieren.

Von weit oben hatte man den besten Überblick über die hunderttausend dunkler Gestalten, die die Ebene beinahe komplett ausfüllte, so als ob sich ein riesiges, schwarz glänzend wogendes Meer darin breit gemacht hatte um die ganze Fläche zu überschwemmen. Nein, nicht die ganze Region - inmitten dieses ungewöhnlichen Schauspiels befand sich eine freie Fläche, die wie eine kleine helle Insel von nicht mal drei Metern Durchmesser heraus leuchtete. Auf dieser kleinen Insel der Hoffnung stand Leo. Es war schon eine skurrile Situation. All diese Kreaturen, die unerklärlicher Weise immer mehr wurden und schon nach wenigen Minuten die Welt um ihn herum verdunkelten - wo kamen sie her? Und warum bewegten sich alle auf ihn zu? Wie sie sich da lautlos und unbeholfen bewegten, machten diese Gestalten keinen bedrohlichen Eindruck, doch Leo spürte instinktiv, dass dieses Situation nichts Gutes für ihn bereit hielt. Eine Flucht schien für ihn aussichtslos. Hätte er Flügel, dann natürlich, doch so? Er gab nie auf, egal wie hoffnungslos eine Situation war. Also stellte es sich breitbeinig auf und trat mit einem wildem Blick und geballten Fäusten der Flut von gesichtslosen Kreaturen um ihn herum entgegen. Natürlich hatte er nicht die geringste Chance - das war ihm vollkommen klar - doch kampflos würde er nicht unter gehen.
"Na kommt schon, beeilt euch ein wenig. Bringen wir die Sache hinter uns!", versuchte Leo die Wesen zu provozieren.

Plötzlich hörte Mira ein Geräusch. Es war zwar extrem leise, doch in dieser unheimlichen Stille um sie herum war das Summen die einzige Abwechslung, die ihre Ohren erhielten - so war es kein Wunder, dass es ihr aufgefallen war. Die Kreaturen um sie herum nahmen dieses Geräusch entweder nicht wahr, oder kümmerten sich nicht darum. Mit den schrecklichen Gestalten um sie herum fiel es Mira schwer sich auf die Herkunft dieses einsamen Lautes zu konzentrieren, doch sie klammerte sich an diese ablenkende Abwechslung und durchsuchte fieberhafte ihre Umgebung. von den stimmen Gestalten umringt konnte sie nicht viel um sich herum erkennen - einzig der rostfarbene Himmel bot ihren suchenden Augen Nahrung. Und sie wurde nicht enttäuscht. Aus der Richtung, aus der das Geräusch zu kommen schien, war ein kleiner dunkler Punkt zu erkennen. Es war auf diese Entfernung nicht definierbar was sich dort am Himmel bewegte, doch es war eindeutig, das dieses Etwas sich auf ihre aktuelle Position zu bewegte. An der rasch anwachsenden Größe des Objektes zu urteilen, bewegte es sich sehr schnell. Auch das ansteigende Summ-Geräusch unterstrich diese Vermutung.
Die Kreaturen ließen sich von Miras Beobachtung nicht beirren und waren kaum mehr als einen Meter von ihr entfernt. Die schwarzen Arme, Tentakel und sonstige sonderbare Gliedmaßen, die sich erfolgreich einer Beschreibung widersetzen, berührten sie schon an ihrem Kopf und ihren Schultern. Vor Angst ganz starr, konnte Mira nichts weiter tun als sich in ihr Schicksal zu fügen. Doch nein, Wut stieg in ihr auf. Wut auf die stummen Monster. Wut auf die Leere um sie herum. Wut auf die gesamte unerklärliche Situation um sie herum. Und als ob ein Schalter in ihrem Kopf umgelegt wurde, sprang sie hoch, schrie auf und schlug mit aller Kraft auf alles, was sie berührte. Doch egal wie viele schleimige Gliedmaße sie von ihrem Körper abstreifte, es wurden es immer mehr. Die Menge um sie herum schloss sie inzwischen komplett ein und verdunkelte wie schwere Regenwolken Miras winzige Zuflucht. Die Panik keimte wieder auf und vermischte sich mit Miras klaustrophobischer Angst vor engen Räumen. Sie hatte mit Atemnot und Schwindelgefühlen zu kämpfen und nahm erst einmal nicht die Veränderung um sich herum war. Erst als sie gepackt und nach oben gerissen wurde, öffnete sie ihre Augen und erschrak. Sie schwebte über den Köpfen ihrer Peiniger, doch nicht hoch genug, als dass die größeren Exemplare der dunklen Fremden sie nicht berühren konnten. Sie strampelte mit den Füßen und versuchte den Ekel abzustreifen. Was ihr nur bedingt gelang. Nach wenigen Sekunden stieg sie einige Meter höher und entfernte sich somit aus der Reichweite der brodelnden Menge unter sich.
Apropos Steigen, in der Hitze des Gefechtes hinterfragte Mira die Ursache ihrer Rettung nicht, doch nun... Sie sah nach oben - und erschrak.

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