Die geheime Bibliothek

Kapitel 1
Am Samstagmittag war das Stadtfest in vollem Gange. Lian, Adrian und Elias schlenderten über den Marktplatz und sahen sich die Verkaufsstände an. Hier wurden exotischen Gewürze verkauft, dort Halstücher lautstark angepriesen. Alles in einem war das Fest weniger spannend als erwartet.
Die meisten Menschen vergnügten sich hier draußen in der Hitze des Sommers. Sie drängelten sich durch die schmalen Gässchen, welche durch die kleinen Büdchen und Zelte der unterschiedlichen Veranstalter und Ladenbesitzer gebildet wurden. Sie schwitzten und gaben sich alle Mühe einander zu verstehen, was inmitten der lauten Musik der Straßenmusikanten und dem Gebrüll der Marktschreier nur schwer gelang.
„Wollen wir mal in die Bücherei schauen?“, meinte Adrian plötzlich und deutete auf den barocken Bau, am Rande des Marktplatzes.
„Klar“, meinten die anderen beiden einstimmig und das Trio bewegte sich auf das Gebäude zu. Es war Mittagszeit und das Schild mit den Öffnungszeiten besagte, dass die Bücherei noch eine halbe Stunde auf haben würde. Sie durchschritten das Eingangsportal.
Innen war es angenehm kühl und ruhig. Die beiden Damen an der Bücherausgabe unterhielten sich angeregt und bemerkten die drei nicht einmal.
Lian, Adrian und Elias gingen auf dem direkten Weg in die Kinder- und Jugendbücherabteilung. Auch hier war es menschenleer. Jeder von Ihnen schlenderte durch die langen Reihen der Bücherregale und holte zwischen durch ein Buch heraus, wenn ein Titel oder die Aufmachung des Buchrückens besonders interessant erschien.
Nach einiger Zeit musste Lian auf Toilette. Er sagte dies den anderen beiden und begab sich auf die Suche. Die Schilder führten ihn durch lange breite Gänge. Mal ging es rechts, mal ging es links, mal ging es Treppen runter. Die Flure wurden enger und die Beleuchtung wurde immer spärlicher. Der Parkettboden wich einem Steinboden und Lians Schritte hallten durch die den alten Teil des Bauwerks. Es machte Tock, Tock, Tock, Tack, Tock. Lian hielt an und drehte sich um.
Der Boden bestand aus großen Steinplatten. Die abgeschliffen Platten in der Mitte des Ganges zeigten deutlich welchen Weg die Menschen in den letzten Jahrhunderten am meisten benutzt hatten. Lian bewegte sich jedoch seitlich, an der rechten Wand entlang. Die Platten auf dieser Route sahen weniger benutzt aus und waren im Vergleich zu denen in der Mitte des Ganges noch rau und dunkel.
Lian ging in die Hocke und klopfte mit der Faust gegen die Platte, die vorhin das unpassende Geräusch gemacht hatte: „Klank, klank“. Er klopfte gegen die benachbarte Steinplatten: „Klonk, klonk, klonk, klonk“. Es war eindeutig, die eine Platte klang hohl. Er drückte die Platte mit dem Fuß und tatsächlich bewegte sich diese ein wenig. Er tastete an der Fuge rund um die Platte herum. Der Mörtel hatte sich größtenteils gelöst und man konnte stellenweise mit den Fingern unter die Platte greifen. Lian versuchte die Steinplatte zu heben, diese war jedoch zu schwer wie er nach einigen erfolglosen Versuchen feststellen musste.
Gerade als er aufgeben wollte, hörte er Stimmen, die seinen Namen riefen. Wenigen Augenblicke später bogen bereits Adrian und Elias um die Ecke.
„Wo bleibst du denn?“, fuhr ihn Adrian an, „die Bücherei schließt gleich!“.
Lian schaute auf seine Armbanduhr, tatsächlich, sie hatten nur noch drei Minuten. „Tut mir leid“, entschuldigte er sich, „ich wurde etwas abgelenkt.“ Er deutete auf die Steinplatte vor ihm.
„Toll, eine Steinfließe“, erwiderte Adrian genervt. Er legte demonstrativ die Hände an sein Kinn, sah sich langsam um und mimte den Suchenden. „Steinfließe, Steinfließe, wo habe ich nur schon mal eine gesehen…?“
„Blödmann“, entgegnete Lian und das Gespräch drohte wie so oft in einem Streit zu eskalieren.
„Sie ist lose“, bemerkte Elias, der sich in der Zwischenzeit heruntergebeugt hatte und die Platte näher untersuchte.
Die beiden Streithähne hielten inne.
„Sag‘s doch gleich“, meinte Adrian und gesellte sich zu Elias.
„Wenn du mich mal ausreden lassen würdest…“, erwiderte Lian eingeschnappt. „Sie ist jedoch zu schwer für einen. Ich habe es bereits versucht.“
Sofort war der Streit vergessen und die drei Freunde gruben ihre Finger in die hohlen Zwischenräume unter der Platte und zogen mit vereinten Kräften daran. Langsam hob sich eine Seite wenige Zentimeter. Stück für Stück schoben sie die schwere Steinplatte beiseite. Als sie eine dunkle quadratische Öffnung vor sich sahen, machte sich auf den Gesichtern jedes einzelnen ein schelmisches Grinsen breit. Es waren nicht viele Worte notwendig um ein Seil aus einem der stets bereiten Abenteuerrucksäcke heraus zu holen und dieses an einem verrosteten Metallring an der Mauer fest zu machen. Auch drei Taschenlampen wurden wie selbstverständlich gezückt und an der Kleidung befestigt.
Als das Seil in die Dunkelheit heruntergelassen wurde, wurde nur kurz gezögert. Elias schwang sich als erster hinunter. Dicht gefolgt von Lian und Adrian.
Dass die Bücherei seit bereits zehn Minuten geschlossen hatte, vergaßen die drei vollkommen. Auch dass die Damen vom Empfang die Eingangstore in diesem Moment von außen absperrten, bekamen die drei ebenfalls nicht mehr mit.

Kapitel 2
Bis auf die schnellen Atemgeräusche der drei Freunde und dem leisen Tropfen von Wasser in der Ferne war alles still. Die Lichter der Taschenlampen führten einen aussichtlosen Kampf mit der allgegenwärtigen tiefschwarzen Dunkelheit, so dass immer nur kleine Teilbereiche der Umgebung gleichzeitig ausgeleuchtet werden konnten.
Ähnlich wie ein Stockwerk höher befanden sich die Jungs in einem Gang. Doch waren oben die Wände noch sauber verputzt, bestanden die Wände hier unten aus grauem, kaltem Stein. Die Oberfläche der Steine schimmerte feucht sobald ein Lichtstrahl darüber glitt. Große Teile der Wände waren von giftig grünem Moos und weißen schleimigen Kalkablagerungen überzogen. Dem Boden erging es noch schlimmer. Ein zähflüssiger Brei aus Feuchtigkeit, Dreck und weiteren undefinierbaren Zutaten überzog die Fläche soweit die Lichtstrahlen reichten. Bei jedem Schritt blieben die Füße in diesem Morast kurz kleben und lösten sich nur sehr widerwillig mit einem schmatzenden Geräusch.
Es stank nach verrotteten Pflanzen und Tieren. Und es war kalt, so kalt, dass sich beim Atmen und Reden kleine weiße Wölkchen bildeten.
„Igitt“, Adrian verzog angeekelt sein Gesicht während er sich umschaute. „Wollen wir wirklich weiter gehen? Das einzige, was man hier im Überfluss hat ist Dreck. Denkt ihr wirklich, hier gäbe es mehr zu entdecken?“
Doch wenn er in dieser Runde Mitstreiter für einen Rückzug suchte, suchte er leider vergebens. Lian und Elias sahen ihn mit glückseligem Lächeln in Ihren Gesichtern und voller Tatendrang in Ihren Augen an und Adrian verstand, dass niemand die Beiden hier so schnell wieder heraus bekommen würde.
„Na gut“, meinte er resigniert, „in welche Richtung gehen wir zuerst?“
„Spielt kein Rolle“, war Elias‘ Antwort, als sich dieser ohne weitere Diskussionen drei Mal im Kreis drehte und so zügig in eine Richtung marschierte, dass das Licht seiner Taschenlampe plötzlich mehrere Meter vor den anderen beiden Freunden entfernt auftauchte.
„Los geht‘s.“ Lian sprintete hinterher.
„Bin ich hier der einzige mit Verstand - wie immer?“ murmele Adrian vor sich hin. Jedoch so leise, dass ihn die anderen nicht hören konnten. Einen Moment lang starrte er sehnsüchtig auf das quadratische Licht über ihm, durch das sie den Tunnel betreten hatte, und rieft dann etwas lauter: „Hey, wartet auf mich!“
Er lief los um die andern einzuholen, doch nur wenige Schritte weiter sah er bereits, wie erst die Lichter der Taschenlampen, dann seine beiden Freunde zurückkamen.
„Man kommt nicht durch. Gang eingestürzt“, meinte Elias im Vorbeilaufen.
„Versuchen wir es mal mit der anderen Seite“, vervollständigte Lian.
„Der einzige mit Verstand“, murmelte Adrian erneut und folgte den beiden mit hängenden Schultern.

Sie liefen still einige Minuten weiter. Nur ihre Schritte machten feuchte schmatzende Geräusche. Sie hatten das Gefühl, dass der Weg abfiel und sie immer tiefer unter die Erde brachte.
Plötzlich blieb Elias stehen und die anderen beiden prallten fluchend in ihn.
„Pssst“, flüsterte er, „ich habe etwas gehört!“
Alle drei konzentrierte sich angestrengt auf ihre Umgebung.
„Also, ich höre ni….“, begann Adrian, doch Elias schnitt ihm das Wort ab, indem er ihm schnell eine Hand auf den Mund legt.
„Macht eure Lichter aus“, flüsterte er.
Alle drei schalteten ihre Taschenlampen aus. Nach kurzer Zeit gewöhnten sich ihre Augen an die Dunkelheit und sie sahen in weniger als zehn Meter vor sich wie der Gang in einem diffusen blauen Schimmer leuchtete. Wenn sie sich langsam vorantasteten, konnten sie die Taschenlampen aus lassen und Batterien sparen. Wer weiß wie lange sie hier noch unterwegs sein werden.
Mit kleinen Schritte gingen sie weiter. Nach wenigen Metern sahen sie, woher das Licht kam. Erst ganz spärlich, doch dann immer stärker wechselte der Bewuchs an den Wände und die Decke um sie herum. Der grünweiße Moos-Kalk-Belag, wurde nach und nach von einer Rankenart überwuchert, die ein leichtes bläuliches Licht abgab. Je weiter sie kamen, desto dichter wurden die Blätter um sie herum. Und schließlich fanden sie den Ursprung der Pflanzen.

Kapitel 3
Der eigentliche Gang endete vor etwas, das früher einmal ein steinernes Portal gewesen sein mochte. Man sah noch immer die Umrisse einer deckenhohen halbrunden Umrandung, die irgendwann den Rahmen für riesige Türen gebildet hatte. Dass die Türen ebenfalls aus behauenem Stein bestanden, war leicht zu erahnen, da einer der Türflügel immer noch zum großen Teil erhalten am Rahmen lehnte. Auch sonst lagen vor und unter dem Portal wahllos verteilt Stücke großer flacher Blöcke in denen man eindeutig gebrochene Teile der Türen erkennen konnte.
Die Jungs hatten wieder ihre Taschenlampen angeschaltet und die Lichtstrahlen glitten über die Überreste des Portals und der Steinblocken am Boden. Der größte Teil der Steine war überwuchert von den Ranken der mysteriösen leuchtenden Pflanze. Die Ranken schienen aus dem Raum hinter dem Portal zu wachsen und sich auf der Suche nach neuen Lebensräumen in den Gang aus dem die drei kamen auszubreiten.
„Irgendjemand hatte hier mal richtig Ba-Da-Bum gemacht“, versuchte Lian zu witzeln.

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