Von Geld und Freunden

"Bist du bereit?", fragte Mick seinen Nebenmann.
"Gib mir noch einen kurzen Moment. Ich würde mich gerne von der Welt verabschieden!", antwortete eine gereizte Stimme.
Mick rutschte weiter nach hinten und machte es sich auf dem Geländer bequem. Immer das Selbe, dachte er, egal was wir machen, ich muss immer auf Jo warten. So läuft es schon seit dreizehn Jahren.
Damals haben sich die beiden Jungs mit sechs Jahren im katholischen Kindergarten kennengelernt und sind seit dem unzertrennliche Freunde geworden. Sie haben mit zwölf Jahren gemeinsam am ersten Joint gezogen. Haben sich mit dreizehn zusammen das erste Mal vollaufen lassen. Und mit vierzehn ihre ersten Mädels geteilt. Natürlich war Mick immer derjenige, der den ersten Schritt machte und den Anderen mitzog. Jo, laut Geburtsurkunde Johannes genannt, war eher jemand der sich erst mal alles genau überlegen musste, ein Mensch der zuerst einen Plan ausarbeitete bevor er sich in irgendetwas hineinstürzte. Mick dagegen war der absolute Draufgänger und Raufbold. Er schlug erst zu und klärte danach die offenen Frage. Auf diese Art und Weise hatte er die Beiden schon unzählige Male in Schwierigkeiten gebracht, doch mit Jos Verstand um Micks Schlagkraft, schafften sie es immer wieder sich aus jeder prekären Situationen heraus zu winden.
Nun waren beide neunzehn Jahre alt. Sie hatten inzwischen alle Drogen getestet, alle Alkoholvariationen gesoffen und unzählige Muschis gevögelt. Haben beide mehrere Ausbildungen abgebrochen und sind gemeinsam von Dorf in die Stadt gezogen, um dort das große Geld zu machen. Dauernd abgebrannt finanzierten sie seit über einem Jahr ihren exzessiven Lebenswandel mit Gelegenheitsjobs und langweilten sich immer mehr ob der immer wiederkehrenden Gleichheit des mittellosen Lebens. Eines Abends, im Club Port-3, sinnierten Sie über den Sinn des Lebens, kamen auf das Sterben zu sprechen und beschlossen im Nebel des Rausches herauszufinden was dem Tod folgte.
Am nächsten Morgen erinnerten sich ungewohnter Weise beide an das Gespräch der letzten Nacht. Suchten nach einer schnellen und aufregenden Möglichkeit aus dem Leben zu scheiden und einigten sich schnell auf das "Springen-von-der-Autobahnbrücke-auf-die-drunterligende-Schnellstraße".
Nun standen, bzw. saßen beide auf der Brüstung und ließen sich vom Hupen der vorbeifahrenden Laster in keinster Weise irritieren.
"Ich bin soweit!", meldete sich Jo schreiend und versuchte ein erneutes Hupen zu übertönen.
"Na endlich!" Mick stützte sich am Sicherheitsbalken ab und schnellte in die Höhe.
Die Freunde standen nun vollkommen haltlos über der fünfzig Meter hohen Schlucht und sahen sich grinsend an.
"Hast du Schiss?", fragte Mick.
"Klaro!", gestand Jo, "mindestens genau soviel wie du."
"Na dann, bis gleich auf der anderen Seite." erwiderte Mick während er gegen schwache Windböen ankämpfte.
Sie gaben sich zum Abschied die Hand.
"Bei drei geht’s los."
Jo nickte befangen.
"Eins!"
"Zwei!"
"Drei!"
Mick stieß sich augenblicklich ab und sprang in die Tiefe. Mitten im Flug wirbelte er herum und bekam kurzzeitig seine Absprungstelle in den Blickwinkel. Er schmunzelte wissend und versuchte vergebens im Fug zu winken. Jo stand immer noch auf dem Geländer, machte aber keine Anstallten Mick zu folgen.
Wie immer, dachte Mick bei sich, schon wieder muss ich auf dich warten, mein Freund.
Er knallte dumpf auf den harten Asphalt.

Jo stieg vorsichtig vom Geländer und entfernte sich erleichtert von der windigen Autobahnbrücke. "Tut mir leid Mick", flüsterte er leise – aber ohne einer Spur von Reue in der Stimme, "Ich folge dir seit Jahren überall hin, doch nun trennen sich unsere Wege."
Er steckte seine Hand in die rechte Hosentasche und ertastete das visitenkartengroße Blatt Papier. Mit seinen Fingerkuppen fühlte er förmlich die schwarzen, aufgedruckten Zeichen: Staatslotterie, und weiter unten: Herzlichen Glückwunsch, Sie haben 10.000.000,- € gewonnen.

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