Working Title

Um wieder einwenig ins Schreiben „rein zu kommen“, versuche ich mich an einer kleinen (Fortsetzungs-)Geschichte. Kritik, Anregungen und Korrekturen sind sehr willkommen. (Einfach die Kommentarfunktion unten nutzen.)

Danke und viel Spaß beim Lesen. Smiley


Inhalt
- Part 1: Gefangen
- Part 2: Der General
- Part 3: Faye
- Part 4: Die Flucht



Part 1: Gefangen [top]

“Fuck the Deeds!”, lallte Tonker und schwenkte schwerfällig seinen Bierkrug.
“Fuck the Deeds”, schloss sich Mosh an und versuchte nicht minder geschickt mit Tonker anzustoßen.
Aus Mangel an Koordinationsfähigkeit gaben beide das Unmögliche nach wenigen Versuchen auf und führten dämlich grinsend die Biere an ihre sabbernden Münder.
Einen Augenblick und zwei Rülpser später wandten sie sich wieder ihrem holographischen Kartenspiel zu.
Kaum hatten sie sich geeinigt wer als nächster ziehen musste, als die schwere Eingangstür krachend aufflog und vier schwarz Uniformierten die schummrige Bar erstürmten. Der kleine Trupp kam zum Stehen und der Vordere - anscheinend der Anführer der Spezialeinheit - spukte lautstark einen Namen aus. Die drei hinteren Soldaten unterstrichen die Aufforderung mit routinierten Schwenks ihrer schweren Maschinengewehre.
Trotz des imposanten Auftrittes hielt der untersetzte Barkeeper nur sehr zeitverzögert in seiner hoffnungslosen Tätigkeit inne, schlecht gespülten Gläser mit einem dreckigen Handtuch zu bearbeiten und blickte mit glasigen Augen unwillig auf. In seiner Bar war er selbst der beste Kunde. Und egal wie schlecht das Geschäft lief oder wie selten Kundschaft auftauchte, der Verbrauch an Alkohol hielt stets einen konstanten Pegel.
“Hä?”, presste er mit viel Mühe zwischen seinen tauben Lippen hervor und brauchte seine ganze Konzentration um den acht dunklen Schemen vor sich eine Bedeutung zu geben.
“Wo ist Moshelius Ween?”, schrie der Kommandant erneut.
Und wären seine Augen nicht mit einer Spezialbrille bedeckt, die eine klare Sicht sowohl im absoluten Dunkeln, wie auch im gleißenden Sonnenlicht ermöglichte, so wären die blutunterlaufenen Augen, die bereits voller Ungeduld aus ihren Höhlen springen wollten, eventuell eine Warnung für den armen Barkeeper. Doch so konnte dieser die Zeichen nicht deuten und versuchte in seinem umnebelten Gehirn der komplizierten Fragenstellung nachzugehen. “Woshelius Meen? Nie gehört”, brachte er unter sichtlichen Mühen hervor.
Es gäbe unzählige andere letzten Worte, die das eigene Ableben cooler, heroischer oder einfach nur sinnvoller machten, doch das Dumme am Ableben war, dass es in der Regel nur einen einzigen Versuch gab. (Außer vielleicht bei den Badonischen Katzenmenschen von Pruh - das war jedoch eine andere Geschichte.) Und so hat der Barkeeper seine Chance auf einen holywoodreifen Spruch reichlich verpatzt als seine Gestalt mit einem rauchendem Loch inmitten der Stirn endgültig und leblos hinter die massige Theke sackte.
Kommandant LeFlouid, der bei seiner Einheit noch nie für Geduld oder Verhältnismäßigkeit bekannt war, senkte seine Waffe und sah sich auf der Suche nach einem zumutbaren Gesprächspartner im schlecht beleuchteten Raum um.
Während dessen erhöhten seine drei Begleiter stumm, wie es sich für einen guten Soldaten gehörte und jeder für sich persönlich, die einheitsinterne Statistik der personenbezogenen Kollateralschäden um einen weiteren Punkt.
Die restlichen Anwesenden waren allesamt Gäste und drei an der Zahl. Durch das kürzliche Ereignis genossen die Neuankömmlinge nun vollste Aufmerksamkeit und kaum hatte der Blick des Kommandanten sein nächstes Ziel gestreift, einen kleinen schrumpeligen Alten, dessen gebeugte spindeldürre Gestalt durch den Genuss von Alkohol wohl für Jahrhunderte konserviert worden war, als dieser hastig seine rechte Hand hob und zitternd - ob vor Angst, Altersschwäche oder den Folgen eines ausschweifenden Lebenswandels, war nicht zu deuten - auf den Tisch mit Tonker und Mosh zeigte.
“Danke”, sagte LeFlouid, der im Grunde ein sehr höflicher Mensch mit gutem Elternhaus war. Leider ging jahrzehntelanger Militärdienst nicht spurlos an einem Soldaten vorbei. Befehle empfangen, Befehle senden, keine Befehle hinterfragen und schon gar nicht bereits gegebene Befehle korrigieren (auch nicht die Befehle, die das eigene Gehirn im Rausch der Gefühle bereits hastig an die eigene Hand gesendet hatte). Dies alles wurde dem armen Denunzianten zum Verhängnis, als sich trotz seiner aufopfernd hilfsbereiten Art ein Schuss aus der Waffe des Kommandanten löste und die schmächtige Brust tödlich durchbohrte.
Die Genugtuung darüber das Ziel seiner vierzigstündigen Suche endlich erreicht zu haben, (und die Vorfreude auf ein heißes Rosenblütenschaumbad mit befreiendem Peeling mit echtem Eoanischem Schlammsalz) ließ LeFlouid leicht über den kleinen Fau Pax gefühls-, sowie karmatechnisch hinweg sehen. Seine ganze Aufmerksamkeit galt nun den beiden letzten heruntergekommenen Gestalten in der Bar. (Naja, nicht ganz, auch das Rosenblütenschaumbad spielte noch eine sehr wichtige Rolle in seinem Kopf - doch dies ging die Welt um ihn herum ja nichts an.) Er trat zwei feste Schritte an den entsprechenden Tisch heran. “Moshelius Ween?” fragte er erneut.
Mosh war sich nicht sicher was ihn mehr irritierte: nach vielen Jahren wieder seinen vollen Namen zu hören oder dass ein scheinbar geistig labiler Soldat mit einer Waffen auf ihn gerichtet vor ihm stand.
“J-ja,…”, brachte er trotz des wabernden Nebels in seinem Kopf stottend hervor, “… das bin ich.”
“Gut. General Carter erwartet Sie, Sir!”, teilte der Kommandant mit und salutierte.
“G-General Carter?” Unverzüglich und voller unterwürfigem Respekt gab der Alkohol bei dieser Neuigkeit Moshs Denkapparat frei.
“Jawohl, Sir!”, war die knappe Antwort.
Eher Mosh seine Gedanken ordnen konnte, ertönte auf der anderen Seite des Tisches erst ein leises unterdrücktes Kichern, welches sich anschließend zu einem rücksichtslosen donnernden Lachen steigerte.
“General? Sir?”, Tonkers massiger Körper schüttelte sich in heftigen Wellen. “Und vor allem: Moshelius? Moshelius! Warte bis ich das den Jungs erzähle!” Tonker kriegte sich nicht mehr ein.
Kommandant LeFlouid, der stets das Lebensmotto “Alle guten Dinge sind drei” pflegte, hob pflichtbewusst seine Waffe. “Ist dieser Clown für unsere Geschichte relevant, Sir?” fragte er Mosh während sein kalter Blick auf Tonker ruhte.
“Ja! Er gehört zu mir!”, antwortete Mosh hastig und etwas schrill. Er deutete Tonker an die Klappe zu halten. Mosh kannte Tonker nur zu gut und wusste, dass dieser einmal in Fahrt gekommen sogar im nüchternen Zustand nicht kontrollierbar war - hatte er jedoch Alkohol (oder ähnliches) im Blut, war alles verloren.
“Wir sollten den General nicht warten lassen. Das mag er gar nicht…”, versuchte Mosh die Situation zu entschärfen. Soweit ich mich erinnere - fügte er in Gedanken hinzu. Das Letzte was er wirklich wollte, war hier mitzugehen. Doch die Gruppe vor ihm hat keinen Zweifel an der Ernsthaftigkeit der Sache gelassen. Und der General war in solchen Dingen noch um ein vielfaches schlimmer.
“Ja, das sollten wir tatsächlich nicht, Sir!”, antwortete LeFlouid und drehte sich widerwillig von Tonker weg.
“Bringt Mister Ween zum Schiff” wies er die drei Soldaten an.
“Ich gehe mit”, meldete sich Tonker zu Wort und stand schwankend auf. Viel Gewehrläufe zeigten augenblicklich auf ihn.
“Ist schon in Ordnung, Tonker”, antwortete Mosh hastig um dem Hauptmann hervorzukommen. “Wir treffen uns nachher - du weißt schon wo.”
Tonker zögerte einen Moment dann hellte sich sein Gesicht auf und er nickte hastig.
“Du räumst hier auf”, wies der Hauptmann einen der anwesenden Soldaten an und sein Blick wanderte unauffällig zu Tonker. “Der Rest geht mit.”
Umschlossen von restlichen Militärs verließ Mosh das Lokal.


Part 2: Der General [top]



“Lasst uns alleine”, befahl der General.
Die beiden Söldner entfernten sich wortlos und nahmen außen vor dem Eingangsschott ihre Wachpositionen ein.
“Hallo Moshelius. Es ist lange her.”
Der General hatte sich kaum verändert. Natürlich hatten sich die vergangenen acht Jahre auch in sein wettergegerbtes Gesicht eingegraben und seine Haare waren nun vollständig ergraut, doch sein Auftreten war immer noch das selbe. Er war ein riesiger breitschultriger Mann von über einem Meter neunzig. Seine Haltung und seine Uniform waren tadellos. Er sprach mit fester ruhiger Stimme und seine Augen hatten immer noch diesen verständnisvollen Blick. Er wirkte wie jemand, der über den Dingen stand. Wie jemand, dem man alles anvertrauen konnte. Wie jemand, der zwar hart urteilte, sich jedoch stets an die Regeln der Fairness hielt. Doch diese Maske täuschte, wie sich Mosh nur zu gut erinnerte. Dem General ging es einzig und allein um seine eigenen Ziele. Er hielt sich durchaus an Regeln. Doch waren diese seine eigenen Vorgaben, die sich je nach Bedarf in die eine oder die andere Richtung dehnen ließen.
“General”, erwiderte Mosh und blickte seinen Gegenüber misstrauisch an.
“Immer noch sauer wegen damals?” fragte der General. Ein abwertendes Lächeln umspielte seine Lippen. Er zeigte auf einen Stuhl und bat “setze dich doch”.
Als Mosh nicht reagierte und demonstrativ auf Abstand blieb, fuhr der General fort. “Ich hoffe dir ist in den letzten Jahren klar geworden, dass ich damals nur euer Bestes wollte. Ich setzte mich für das Projekt ein. Ich setzte mich für euch ein. Ihr wart für mich wie meine eigenen Kinder…”
“Wie eigene Kinder?!” Mosh konnte trotz des Vorsatzes sich keine Blöße zu geben seinen Ärger nicht mehr verbergen. “Foltert man seine eigenen Kinder? Bringt man seine eigenen Kinder um? Ist dies Vaterliebe?” Er machte einen Schritt nach vorne und zitterte vor Wut am ganzen Körper. “Wir waren für euch Nummern. Versuchskaninchen ohne Gesichter. Wieviele von uns starben, bis ihr gemerkt hattet, dass die Versuche eine Sackgasse waren? Ach warte…”, Mosh’s Stimme triefte vor Hohn, “ihr hab ja gar nicht aufgehört. Ihr habt einfach weiter gemacht - trotz des Beendigung des Projektes seitens der offiziellen Stellen. Trotz aller moralischen Bedenken und trotz unseres Bittens und Flehens. Erst als der Föderation hinter euer Treiben kam und uns befreite, erst dann wurde das Grauen beendet - hieß es in den Medien. Doch das Grauen hier drin”, Mosh deutete auf seinen Kopf, “dieses Grauen hat immer noch kein Ende.”
Der General schwieg einen Moment und schüttelte kaum merklich den Kopf. “Vielleicht hast du recht. Vielleicht hatten wir mit dem Wohl der Allgemeinheit vor Augen, zu viele Opfer gebracht. Doch du musst verstehen, dass sich der Einzelne stets dem Gesamten unterordnen muss. Es waren schwere Zeiten und die akute Bedrohung durch die Xarangas ließ uns keine Spielräume. Doch heute haben wir die Mittel eure Macht zu wecken und zu kontrollieren.”
“Hör auf!”, schrie Mosh. “Hör auf mit deinen Lügen. Meinst du wirklich, dass ich mich nochmal und vor allem freiwillig auf eure Experimente einlassen werde? Nach all dem, was war?”
“Ich werde dich zu nichts zwingen. Höre dir bitte nur meinen Vorschlag an. Wenn er dich nicht überzeugt, darfst du gehen.”
“Es gibt nichts, was du mir anbieten könntest.”
Das Gesicht der Generals verhärtete sich. “Gut”, sage er schließlich, “Geh, wenn du magst. Doch die anderen werden enttäuscht sein.”
Mosh zögerte: “Welche anderen?”
“Wir haben alle Übriggebliebenen von damals gefunden. Du warst der letzte auf der Liste. Alle haben zugesagt. Und sie freuen sich auf dich.”
“Wie…, wieviele sind wir noch? Wieviele habt ihr gefunden?”
“Mit dir sind es fünf.”
“Und, Ninnah?”
“Ninnah war die Nummer zwei auf unser liste. Sie erwartet dich.”
“Du lügst!”
“Moshelius, du solltest mich besser kennen”, schalt der General.
“Wo sind sie. Beweise mir, dass du die Wahrheit sagst.”
“Wir haben eine neue Forschungsstation, ein neues Zuhause für euch aufgebaut. Sie sind bereits dort.”
“Und wo befindet sich dieses neue Zuhause?”
“Ich bringe dich hin.”
“Es tut mir leid, aber dein Vertrauenskonto ist leider restlos aufgebraucht.”
“Du warst schon immer der Rebell in der Gruppe”, der General lächelte. Gut, ich verrate dir wo sich die Basis befindet. Ich hoffe dies füllt mein Vertrauenkonto wieder auf.”
Mosh zögerte.
“Ist dir das Jena-System ein Begriff?”
“Nein.”
“Auf dem dritten Planeten dieses System haben wir uns niedergelassen.”
Mosh dachte nach. “Ich glaube dir nicht und hoffe wir sehen uns nie wieder.” Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und wollte die Kabine des Kapitäns verlassen.
Doch kaum glitten die elektronischen Türen vor ihm auseinander, als die beiden Securityleute, die ihn her brachten mit gezogenen Waffen bereits warteten.
“Du wolltest mich nie gehen lassen, oder?” fragte Mosh an den General gewandt.
“Nein. Dazu bist du zu wertvoll”, antwortete der General mit einer steinernen Miene. “Ich hatte jedoch inständig gehofft, das du freiwillig mitkommst.”
“Und das mit den Anderen - war das wahr?”
“Natürlich, jedes Wort”, antwortete der General. “Wie du in zwei Tagen selbst feststellen kannst.”


Part 3: Faye [top]

Mosh suchte die ganze Kabine nach Möglichkeiten zu Entkommen ab. Der winzige Lüftungsschacht war gerade mal so breit, das seine Faust durch passte. Ansonsten wies die Kabine keine weiteren Öffnungen auf, von der Haupttür mal abgesehen. Die Konsole zum Öffnen der Tür und zum Steuern diverse Raumfunktionen war Software seitig gesperrt worden. Der komplette Raum war bis auf eine nackte Kunstoffpritsche vollkommen leer. Mosh trat vor Frust gegen das Bett und ließ sich resigniert auf der Pritsche nieder. Die grelle Beleuchtung tat sogar durch geschlossenen Augenlider weh. Mosh verlor das Gefühl für die Zeit und musste wohl irgendwann eingenickt sein.
Ein zischendes Geräusch ließ ihn aufschrecken. Er brauchte einen kurzen Moment um sich zu vergegenwärtigen wo er war. Er blickte auf. Inmitten des geöffneten Eingangschotts erkannte er eine weibliche Silhouette. Sobald sich seine Augen wieder an das Licht gewöhnten, konnte er die Details erkennen und sein Herz fing an schneller zu schlagen. Moshs Erfahrung mit dem anderen Geschlecht war durchaus reichhaltig, doch das was dort vor ihm stand, war mit Abstand, mit einem galaktischen Riesenabstand, das wunderschönste, aufreizendste Wesen, das ihm je begegnet war. Sie war nicht groß, dafür schlank und sportlich. Die Haare waren weiß und Schulter lang geschnitten. Ihr Gesicht war makellos und in perfekter Symmetrie. Die Augen groß und grün. Die Nase klein und wohl geformt. Die vollen Lippen lockten sinnlich. Zu allem Überfluss war diese vollkommene Schönheit in einen engen roten Overall mit geschickt verteilten schwarzen Streifen, welche die weiblichen Formen geschickt betonten, verpackt. Die Fuße steckten in modischen weißen halbhohen Stifeletten mit gefährlich hohen Absätzen.
Das gab Mosh den Rest. “Whoa!” entfuhr es ihm unwillkürlich - was nicht unbedingt die geschickteste Art war eine Konversation zu beginnen.
“Wisch dir den Sabber aus dem Mund”, sprach die Besucherin und ein freches wohlwissendes Lächeln umspielte ihre Lippen. “Die Wirkung vergeht gleich. Sind nur ein paar… Duftstoffe, die einem hilflosen Mädchen wie mir das Leben hier draußen erleichtern. Sorry, aber irgendwie musste ich an den Wachleuten vorbei kommen”, sie zuckte entschuldigend, jedoch nicht sehr überzeugend mit den Schultern.
Erst jetzt fielen Mosh zwei ohnmächtige Gestalten auf dem Boden hinter dem Mädchen auf, die sehr viel Ähnlichkeit mit den Sicherheitssoldaten von vorhin hatten.
“Ich bin Faye”, teilte sie mit und betrat Hüften schwingend den Raum. “Ich liebe diesen minimalistischen Einrichtungsstill. Spart jede Menge Putzarbeit”, meine sie während ihr Blick betont gelangweilt über die blanken Wände fuhr.
Moshs Sinne beruhigten sich langsam und er konnte wieder klar denken. Er beobachten Faye und musste sich eingestehen, dass sie auch ohne das Gehirn anderer Leute zu benebeln verdammt anziehend aussah. Doch dies war nicht der richtige Ort um diesen Gedanken zu vertiefen.
“Du scheinst jemand zu sein, der mit seiner gegenwärtigen Situation überaus zufrieden ist? Nicht überrascht? Keine Fragen?” Sie lehnte sich lässig gegen die Kunstoffpritsche und zwinkerte ihm zu. “Kein Angriffsversuch?”
Tatsächlich dachte Mosh als die Tür aufglitt daran sich auf die erste Person dahinter zu stürzen und diese zu überwältigen. Doch zuerst kam ihm Fayes Pheromoncoctail dazwischen und anschließend kam, naja, Faye selbst - ohne Pheromoncoctail dazwischen.
“Eh, ja”, Mosh fasste sich wieder. “Ihn nehme an, du bist gekommen um mich zu retten?” Er versuchte cooler zu wirken, als er sich fühlte.
“Hm, das oder um dich hier und sofort auf dieser wunderbaren Liegegelegenheit zu vernaschen. Was wäre dir lieber?” fragte sie kokett und ließ ihre Fingerspitzen anzüglich über den glänzenden weißen Kunststoff gleiten.
“Ich wähle die Tür Nummer eins”, erwiderte Mosh trocken und ging nicht weiter auf die Anzüglichkeiten ein.
Faye zog eine Schnutte.
“Ich möchte auf keinen Fall unhöflich erschienen und es sieht auch so aus, als ob du die Sache voll im Griff hast, aber sollten wir hier nicht schnellmöglichst verschwinden?” fügte Mosh hastig hinzu.
“Ach, du Langweiler”, sie winkte mit der Hand ab und tat einen Moment, als ob sie schmollte. “Gut dann der pragmatische Ansatz. Ja, ich bin hier um dir zu helfen. Doch wir haben noch etwas Zeit.” Sie schloss die Augen, konzentrierte sich und sprach mit theatralischen Stimme: “Ich fühle, dass die Zelle hier keine aktive audiovisuelle Überwachung besitzt.” Während dessen streckte sie ihre Hände nach vorne und wackelte beschwörerisch mit den Fingern.
“Aha und das hast du mit DEINEN besonderen Kräften erspürt?”, fragte Mosh ungläubig.
“Nein, du Unff”, ich hatte die Datenübertragung zu diesem Raum vorhin selbst überbrückt.” “Aber gut hat es ausgeschaut, die kleine Showeinlage, oder?”, sie hob in gespielter Erwartung eine Augenbraue.
“Ja, ja,” erwiderte Mosh etwas gereizt. So wundervoll Faye auch anzusehen war, ihre Art begann Mosh einwenig zu nerven. “Wie geht es weiter?”
“Oooh, mach doch nicht so ein Gesicht. Ärger steht dir gar nicht”, neckte sie ihn, wurde dann jedoch schlagartig ernst. “Du hast Recht, genug Spaß gehabt. Wie erwähnt haben wir noch Zeit. Lass uns etwas plaudern.” Ohne auf Moshs missmutigen Blick einzugehen fuhr sie fort. “Was weißt du über die damaligen Experimente?”
“Du meinst die Experimente an uns? Woher weißt du davon?” fragte Mosh und konnte nur schwer seine Verwunderung verstecken.
“Sagen wir einfach mal, dass ich über dieses Thema bestens informiert bin. Meine Quellen würde ich vorerst gerne für mich behalten. Ok?”
Mosh überlegte kurz und beschloss, dass er ihr etwas entgegenkommen sollte. Davon abgesehen, würde er nicht mehr verraten, als damals schon durch die Medien bekannt wurde und in jedem beliebigen Online-Archiv nachgeschlagen werden konnte. “Sie…”, drüber zu reden fiel Mosh schwerer als er gedacht hatte, “sie wollten damals die DNA von Menschen mit der DNA der Xarangas verknüpfen. Es hieß, dies wäre die letzte Chance der freien Welten um die Xarangas zu bekämpfen. Das Experiment schlug fehl. Was aber auch vollkommen egal war, denn die Xarangas hatten sich kurz drauf von selbst zurück gezogen.”
Sie nickte. “Der damalige Fehler war zu glauben, dass die Xarangische DNA sich augenblicklich mit der unseren verbindet würde und die entsprechenden Fähigkeiten kurz drauf verfügbar wären. Der Zeitraum war ein Fehler. Das gesamte Experiment dauerte kaum zwei Jahre. Doch dies war nicht mal im Ansatz ausreichend um eine vollständigen Symbiose mit der fremden DNA zu ermöglichen. Manch einer vertrat bereits damals die These, dass die erwartete Entwicklung erst mit der Folgegeneration angeschlossen sei. Fakt ist, sie brauchen wieder die Probanten aus der letzten Versuchsreihen, um mit den Experimenten weiter machen zu können. Trotz all der Fehler und Unfälle in der Vergangenheit.” Sowas ähnliches wie Mitgefühl huschten über Fayes Gesicht, doch sie fing sich schnell wieder.
“Warum holen sie sich nicht einfach den nächsten Xaranga und starten eine neue Versuchsreihe?” fragte Mosh.
“So einfach ist es nicht. Die Xarangas sind seit dem Krieg vor sechs Jahren aus den bekannten Sonnensystemen spurlos verschwunden. Die gefangen Kreaturen, erzählt man sich, zerfielen wie auf Befehl in eine ätzende säureartige Flüssigkeit. Es wird ein telephatischer Befehl von zentraler Stelle vermutet, der diesen Selbstzerstörungsmechanismus zeitgleich auslöste. Manche behaupten wir hätten ihr oberstes Muttertier erwischt, ich denke die Viecher haben sich irgendwo verkrochen, lecken ihre Wunden und bereiten sich auf die nächsten Runde vor. Davon abgesehen hätte es auch keinen Sinn einen normalen Xaranga den Experimenten hinzuzuziehen. Die Versuche an euch basierten auf den Artefakten eines Muttertiers und es ist nur ein einziger Fall bekannt bei dem ein Muttertier in, sagen wir mal verwertbarer Form, gefangen wurde. Es liegt einfach kein brauchbares Material vor um eine neue eigenständige Versuchsreihe zu starten. Aus diesem Grund muss man wieder auf euch zugreifen. In den obersten Regierungs- und Militärkreisen wird weiterhin eine Rückkehr der Xarangas erwartet. Trozt zahlreicher Projekte, gibt es heute immer noch keine effektive Verteidigungsstrategie falls die Viecher erneut auftauchen. Desweiteren ist die vergangene Zeit nicht zu unterschätzen. In den letzten acht Jahren könnte sich die Symbiose in euren Körpern auf eine ganz neue Stufe erhoben haben. Dass ihr noch am Leben seid, wird bei den Strippenziehern als Zeichen einer positiven Entwicklung gewertet.”
“Du meinst wir wurde die ganze Zeit über beobachtet?”
“Ich bin mir nicht sicher ob nicht einige von euch kurzfristig vom Radar der Organisation verschwunden waren, doch ja, ihr wart stets die Hauptdarsteller.”
“Also erwarten man bei uns wirklich die Entwicklung von besonderen Fähigkeiten? Superkräfte? Im ernst?” der Spott in Moshs Stimme war kaum zu überhören.
“Ja, bei euch - oder euren Kindern. Alles eine Frage der Zeit”, sie lächelte süffisant.
Mosh dachte angestrengt nach, konnte sich jedoch an keinen Vorfall in den vergangenen Jahren erinnern, der auf außergewöhnliche Fähigkeiten hindeutete. “Dann werden wohl unsere Kinder den Spaß haben”, kommentierte er schließlich. “Mal zurück zu aktuellen Themen: wie komme ich aus dieser Sache wieder raus?”
“Ich fürchte gar nicht - wenn du nicht bereit bist Kompromisse einzugehen.”
“Und was wäre solch ein Kompromiss?” fragte Mosh.
“Ich kenne Leute, die dich unsichtbar machen könnten. Neues Aussehen, neue Papiere, neue Fingerabdrücke, Anpassungen am Gebiss, Rethinaimplantate Startkapital fürs neue Leben. Das ganze Paket halt.”
“Und was müsste ich dafür tun?”, bohrte Mosh nach als er Fayes Zögern bemerkte.
“Nun ja, eigentlich ist es nur ein klitzekleiner Gefallen. Und er tut auch kaum weh…”
Mehr sollte Mosh vorerst nicht erfahren, denn im selben Augenblick ging der schiffsinterne Alarm los. Das Licht wurde abgedunkelt und durch rote Notbeleuchtung ersetzt. Aus den Lautsprechern schrillte eine hohe unangenehme Sirene und eine monotone Computerstimme verkündete, dass man soeben angegriffen wurde und notgedrungen den Hyperraum verlassen müsse.
“Nun sollten wir gehen”, meinte Faye.


Part 4: Die Flucht [top]

“Wo laufen wir hin? Mosh versuchte die Sirene zu übertönen und mit Faye Schritt zu halten.
“Die Angreifer draußen”, antwortete Faye “sind die Leute von denen ich gerade gesprochen hatte.”
“Aha, und wann hatte ich mein Einverständnis gegeben?” fragte Mosh und rang bereits jetzt mit seinem Atem.
“Du kannst natürlich gerne hier bleiben und wir reden dann im nächsten Leben weiter”, feixte Faye und schien trotz der körperlichen Anstrengung keinerlei Probleme mit ihrer Kondition zu haben.
Das Schiff erzitterte erneut und Mosh hatte Schwierigkeiten sich aufrecht zu halten.
Faye sah auf ihre Armkonsole und dirigierte Mosh nach rechts. "Noch zwanzig Meter, dann sind wir da".
Mehrere Mannschaftsmitglieder in blau-weißen Uniformen kamen ihnen entgegen oder liefen einige Schritte in ihre Richtung mit, jedoch versuchte niemand die beiden aufzuhalten. Von einer militärischen Einrichtung hätte Mosh mehr Organisation und strukturiertes Vorgehen erwartet. Doch so wie sich die Besatzung verhielt, war diese weit davon entfernt ein eingespieltes Team zu sein. Die meisten Anwesenden waren Menschen oder wenigstens humanoid, es tauchten jedoch mehr als einmal Kreaturen auf, die Moshs Kenntnisse über fremde Rassen auf eine harte Probe stellten. So schwebten einige kleinwüchsige Dareks vorbei, deren zerbrechliche sechzehnteilige Flügelchen ein unangenehmes surrendes Geräusch verursachten. Ein gigantischer Bronk bahnte sich schwerfällig seinen Weg durch die breiten Gänge. Und etwas, das mehr wie Smaragd grüner Wackelpuddingschleim, denn ein Lebewesen aussah, waberte schmatzend vorüber. (In Ermangelung einer Uniform, war die Crewzugehörigkeit bei diesem Wesen mehr eine Vermutung, als eine Feststellung.)
Faye schien die Fragen, die Mosh beschäftigten, zu erahnen. “Mach dir keinen Kopf, ich habe für etwas Verwirrung gesorgt, so dass sich die nächsten Minuten niemand für uns interessieren sollte.”
Eher Mosh sich nach Details erkundigten konnte, standen beide bereits vor einem weißem Schott, welches das Piktogramm einer startenden Rettungskapsel darstellte.
“Bitte eintreten, der Herr”, Faye deutete eine Verbeugung an und drückte augenzwinkernd eine Taste auf ihrer Armkonsole. Im selben Augenblick glitt das Schott bei Seite und gab die Sicht auf den dahinter liegenden Raum frei.
Sie betraten einen langen Gang, in dem beidseitig an die zwanzig identische runde Rettungskapseln angereiht waren.
“Hm, wer die Wahl hat, hat die Qual.” Faye lief langsam zwischen den Kapseln und inspizierte geduldig jede einzelne. “Irgendwelche Präferenzen?” fragte sie Mosh ohne sich umzusehen.
Als seine Antwort ausblieb, dreht sie sich doch um und wollte die Frage wiederholen, doch Moshs Schweigen und sein Gesichtsausdruck ließen keinen Platz für Interpretationen.
“Langweiler”, meinte sie und drückte einen grünen dreieckigen Knopf an der Außenhülle der erstbesten Kapsel. Die Tür hob sich einladend. Doch als Mosh einsteigen wollte, hielt Faye ihn zurück.
“Was unterscheidet einen Gewinner von einem Verlierer?” fragte sie altklug. Als Mosh erneut eine Erwiderung schuldig blieb, gab sie sich selbst die Antwort: “Grips, du Unff!” Sie seufzte resigniert. “Der Plan ist folgender: wir lassen fünf leere Kapseln als Ablenkung starten. Die sechste nehmen wir dann selbst. Ich hatte versucht die Kapseln remote zu starten, leider verhindern dies irgendwelche Sicherheitsprotokolle. Das heißt, dass wir selbst Hand anlegen müssen. Grüner Knopf außen. Tür auf. Gelber Knopf innen und der der Timer läuft.” Sie ließ der Theorie Taten folgen und drückte einen gelben runden Knopf im Inneren der Kapsel.
“Start der Rettungskapsel wurde eingeleitet”, ertönte eine metallische Stimme. “Fünf. Vier. Drei.” Die Tür senkte sich und die Stimme war nicht mehr zu hören. Die Kapsel versank im Boden.
“Jeder von uns dasselbe Spiel bei je zwei weiteren Kapseln…”, meinte Faye und eilte zum nächsten Rettungsvehikel.
Innerhalb weniger Sekunden waren vier weitere Kapseln scharf und senkten sich.
“Und nun wir”, meinte Faye und stieg in die sechste Kapsel.
Mosh folgte ihr und ließ sich auf einem der vier Sicherheitssitze nieder. Während der Countdown rückwärts lief, spannte er die Gurte um seinen Körper und bereitete sich mental auf den kommenden Schub vor.
Die Kapsel schoss mit solch einer ungeheuren Geschwindigkeit aus dem Schacht nach außen, dass Mosh trotz seiner Bereitschaft schwindelig wurde. Die integrierten Systeme korrigierten einige Male hart die Flugbahn um Kollisionen mit anderen Objekten zu vermeiden, doch dann ging die Kapsel glücklicherweise sofort in einen ruhigen Flug über. Mosh konnte durch die runde Luke sehen wie sie sich schnell vom riesigen Mutterschiff entfernten. Wenige Augenblicke später schwebten sie bereits alleine in der kalten Dunkelheit des Weltraums.
Während Mosh noch versuchte seine Benommenheit abzuschütteln, hatte Faye sich bereits abgeschnallt und sah suchend nach draußen.
“Und nun?” fragte Mosh.
“Wir müssen ein kleinwenig warten…”, antwortete Faye. “Ah, da sind sie ja schon.”
Mosh stürzte zur Luke und schaute raus. Wenige Meter entfernt materialisierte sich aus dem Nichts ein mittelgroßes Raumschiff. Der Vorderteil war ausladend rund, nach hinten verjüngte sich der Korpus und den Abschluss bildeten zwei riesige lang gezogene Triebwerke. Die Form erinnerte Mosh stark an eine Kaulquappe. Das Schiff war schwarz und schien das Licht zu schlucken. Wäre da nicht die Restenergie, welche als Folge der Deaktivierung des Tarnkappenmodus die Konturen des Schiffs bläulich nachzeichnete, wäre es hier draußen mit bloßem Auge kaum erkennbar.
Lautlos näherte sich das Raumschiff. Eine Laderampe ging seitlich auf und der Pilot manövrierte das Vehikel so geschickt, dass die Rettungskapsel ohne anzustoßen in das Innere des schwarzen Schiffes schwebte.
“Nettes Kunststück”, meinte Mosh voller Verwunderung. “Der Pilot muss ein Genie sein?”
“Naja, Genie ist vielleicht etwas übertrieben.” antworte Faye, “Doch ja, er ist nicht schlecht. Ich hatte mir ja auch alle Mühe gegeben, ihm das Fliegen beizubringen.”
Mosh kam nicht umhin so etwas wie Stolz aus ihrer Stimme raus zu hören.


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