Der durchschnittliche Durchschnitt

Prolog

"Du Schatz, ich bin schwanger." Sie steht vor mir und schaut mir voller Hoffnung in die Augen. So glücklich wie in diesem Moment habe ich sie schon lange nicht gesehen. Normalerweise würde ich in solchen Momenten scherzen, nicht unbedingt weil ich witzig sein möchte, sondern um mein Unwohlsein zu überspielen. Doch ich spüre, dass dies nicht der richtige Zeitpunkt für so etwas ist. Daher schenke ich ihr mein strahlendstes Lächeln und sage ihr, wie sehr ich mich freue. Nehme sie in meine Arme, streiche über das Haar, na das Übliche halt, was man so aus den Liebesschnulzen kennt. Nicht dass ich auf diese Art von Filmen stehe, aber manchmal muss ein Mann leider Grenzen seiner eigenen Belastbarkeit überschreiten und Dinge tun, die er sich nicht einmal in seinen schlimmsten Träumen ausmalen kann... Ja, ich habe schon mal Rosamunde Pilcher Filme ansehen müssen. Pardon, ansehen dürfen und in "Von Winde verweht" bin ich inzwischen zu einem wahren Meister emporgestiegen. Doch was wäre ein richtiger Mann, wenn er nicht aus jeder noch so sinnlosen Zeitverschwendung das Beste rausholen würde. Also beobachtete ich bei solchen Sitzungen den Film und die Frauen. Und bald schon konnte ich jede Reaktion der Frauen vorhersagen. Ich wusste genau, welche Szene was bei den Frauen auslöst und ich muss gestehen, manchmal griff ich auf dieses Wissen zurück und benutzte es im wirklichen Leben. Wenn man genau weiß, was von einem erwartet wird, ist das Leben um einiges leichter und angenehmer. Also stehe ich da, drücke sie an mich, streichle ihren Rücken und tue so, als ob ich ihren Zukunftsplänen verständnisvoll zuhören würde. In Wirklichkeit aber ziehen ihre Worte ungehört an meinem Ohr vorbei, ich blicke in die Ferne und meine Gedanken sind ganz woanders. Ein Kind? Ich bin doch erst dreißig! Mein vergangenes Leben zieht an meinem geistigen Auge vorbei. Und schlimmer noch, das zukünftige Leben folgt sogleich dichtgedrängt und ich sehe mich in Pantoffeln und Schürze in einer verdreckten Küche stehen. Eine fleckige Schürze um die Taille gebunden, ein schreiendes Kind im Arm und zwei weitere rennen um mich herum, schreien und bewerfen mich mit klebrigen Brei. Eine grauenhafte Vorstellung. Wie gut, dass Kinder reine Frauensache sind.

Der Wecker klingelt schrill und unbarmherzig. Erschrocken und schweißgebadet richte ich mich auf und brauche erst einmal einen Moment, um mich zurecht zu finden. Puh, ich bin in unserem Schlafzimmer und sitze auf dem Bett. Alles nur ein böser Traum. Ein wirklich sehr beängstigender Ausblick in die Zukunft. Ich sehe auf die Uhr, 6:30. Wer hat diesen verdammten Alarm verstellt? Zwei Stunden habe ich noch bis zur Arbeit. Mal kurz aufstehen, aufs Klo für kleine Königstiger und dann wieder ins Bett. Sie schläft noch, aber ich werde sie dann ganz sanft wecken. Einwenig fummeln, mit Sicherheit folgt noch mehr... Ja, so darf der Tag gerne beginnen. In allem das Beste sehen. Mit dieser Einstellung fährt man immer gut. Rein in die Pantoffeln und schon torkle ich gähnend in Richtung Bad. Doch was war das? Ein Geräusch im ersten Stock. Einbrecher? So leise wie möglich bewege ich mich zur Abstellkammer, öffne ganz vorsichtig die Tür und greife nach den Baseballschläger, der in weiser Voraussicht griffbereit am Türrahmen lehnt. So bewaffnet, schnellt mein Selbstvertrauen in ungeahnte Höhen und ich fühle mich dank dem Adrenalin in meinen Adern unbesiegbar. Langsam steige ich die Stufen hinauf, bleibe vor der angelehnten Tür stehen und atme noch mal tief ein und aus. Ich bin bereit und da sind diese Geräusche schon wieder. Mit einem markerschütterndem Aufschrei trete ich die Tür auf, springe mit erhobenem Schläger in den Raum und höre ein erschrockenes Japsen in einer der Raumecken. Nun habe ich dich Freundchen. My home is my castle und wenn du gedenkst, mir in meinen vier Wänden Angst einzujagen, dann muss ich dich leider enttäuschen - niemand legt sich mit King Gunter an. Überschwänglich taste ich an der Wand entlang, finde, drücke den Lichtschalter und erstarre. Mir blicken drei Paar erschrockener Augen entgegen. Die Realität holt mich unvermittelt ein und die Erinnerung lässt nicht lange auf sich warten. Den Schläger poltert zu Boden und ich eile durch das Zimmer zum Erik, meinem jüngsten Sohn, dem der Schrecken ins Gesicht geschrieben steht und dessen Unterlippe bebt, bereit den lautesten Heulauftritt seines dreijährigen Lebens hinzulegen. Doch mitten in der Bewegung stolpere ich über einen Spielzeuglaster und knalle der Länge nach auf den Parkettboden. Korrektur, ich knalle fast auf den Parkettboden, denn Gott sei Dank fängt ein Bettpfosten meinen Sturz sauber ab, als mein Gesicht mit voller Wucht gegen diesen knallt. Vor lauter Sternen ist meine Sicht kurzzeitig außer Gefecht gesetzt, doch durch das Rauschen in meinen Ohren höre ich die Zwillinge lautstark lachen, kurz drauf klinkt sich auch Erik ein. Als ich noch höre wie Angelika in das Kinderzimmer gerannt kommt, weiß ich, dass alles wieder gut ist und gebe mich ganz meiner wohlverdienten Ohnmacht hin.

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