Die Schule ist fantastisch

Ben rannte so schnell er konnte. Bei jedem Schritt schlug ihm die schwere Büchertasche hart gegen den Rücken. Er stolperte und fiel fast hin, schaffte es jedoch sich zu fangen und weiter zu laufen. Die Schule war nur noch eine Querstraße entfernt, Ben konnte bereits die hohen Fenster der Turnhalle sehen. Er würde es schaffen!
Doch dann war plötzlich alles vorbei, die Schulklingel schrillte los und verscheuchte mehrere Tauben, die es sich auf dem Schuldach gemütlich gemacht hatten. Ben blieb stehen und schnappte stöhnend nach Luft. Er hatte Seitenstechen und seine Füße brannten schrecklich. Doch dies war nichts im Vergleich dazu, was ihn nun in der Schule erwartete. Er war Montag und der erste Schultag nach den Herbstferien. Die ersten beiden Stunden hatte seine Klasse Sportunterricht. Dies war die gute Nachricht. Ben mochte Sport. Leider hatte er verschlafen. Schon wieder! Und dies war das schlimmste, das ihm heute hätte passieren können. Er seufzte und ging mit hängenden Schultern langsam weiter.
Die Schule war ein moderner zweistöckiger Bau mit vielen großen Fenstern. Das Schulgelände selbst war mit einer Mauer umgeben die leider viel zu hoch war, um ohne Unterstützung herüber klettern zu können. Vor dem einzigen Eingang lag ein großer Parkplatz, wo die Eltern ihre Kindern ein- und ausladen konnten. Wie immer war der Parkplatz um diese Uhrzeit vollkommen leer. Ben blieb im Schatten eines Baumes am Rande des Parkplatzes stehen. Es sah sich um. Kein Weg um unbemerkt in die Schule zu kommen. Der Sportunterricht selbst machte ihm keine Sorgen. Rein schleichen geht da immer. Sein Problem war das schrecklich Ungeheuer, welches hinter den Fenstern im ersten Stock lauerte. Direkt gegenüber dem Eingang. Ein Monster bedeckt mit rauen steinharten Schuppen und messerscharfen Zähnen im gigantischen Maul. Ein donnernder Schrei des Wesens konnte einen sofort taub machen. Und ein Blick aus den riesigen Glupschaugen hatte bereits mehrere Kinder versteinert - wenigstens hießt es so in den Schullegenden.
Doch er half nichts, Ben musste da rein. Er stellte sich gerade hin. Schloss seine Augen, konzentrierte sich und atmete tief durch. Er war eins mit seiner Umgebung. Er war schneller als der Blitz. Er konnte sich besser tarnen als seine große Schwester, wen es um das Abspülen von Geschirr ging. Er war ein Ninja. Er senkte seinen Kopf und rannte los.
Beinahe hatte er es geschafft und das rettende Eingangsportal zum Schulgebäude erreicht. Doch dann zerriss ein schriller Schrei die morgendliche Ruhe: “Herr Will, sofort in mein Büro!”
Ben blieb abrupt stehen und sah erschrocken nach oben. Dort stand es, das schrecklichste aller Schrecklichkeiten. Das böseste aller Bösartigkeiten. Das monströseste aller Monstrositäten. Frau von Holdesheim - die Schulrektorin. Aus dem offenen Fenster einen Stockwerk über ihm sah sie auf Ben herab und trotz der Entfernung konnte er das kalte Glitzern in ihren Augen erkennen. Kein Wunder, denn die Zentimeter dicken Brillengläser verdoppelten die Größe ihre Augen mühelos.

Fünf Minuten später saß Ben auf einem Stuhl im Büro der Rektorin. Der Stuhl war zu hoch, so dass Ben nicht einmal mit seinen Schuhspitzen den Boden berühren konnte. Seine Büchertasche stand angelehnt an einem Stuhlbein neben ihm. Sein Blick war nach unten gerichtet. Während der ganzen Schimpftirade wagte Ben es nicht Frau Brink von Holdesheim anzusehen. Er hatte Angst, dass wen er doch aufblickte, er sehen würde wie Feuer und Rauch aus den bebenden Nüstern der aufgebrachten Rektorin schießen würden.
“… nachsitzen!”, schloss Frau von Holdesheim ihren lautstarken Monolog und Ben zuckte zusammen als die plötzliche Ruhe eintrat.
“Was ist, brauchen wir eine Sondereinladung? Raus hier!”
Nur zu gern folgte Ben dieser Aufforderung, schnappte seinen Schulrucksack und rannte aus dem Büro der Rektorin. Den Blick immer noch gegen den Boden gesenkt.
Draußen auf dem Gang stieß er beinahe mit Frau Singer zusammen. Sie war die Assistentin der Rektorin und hatte im Gegensatz zu dieser stets ein freundliches Wort für die Kinder parat. Sie lächelte Ben an und zwinkerte wohl wissend. Sofort füllte sich Ben besser. Wenn Frau von Holdesheim der grausige Drache war, dann war Frau Singer die freundliche Fee, dachte sich Ben auf seinem Weg herunter in die Turnhalle.
In der Umkleide zog sich Ben schnell um und schlich in den Sportraum. Die Kinder warteten dort in einer Reihe und liefen als Aufwärmübung nacheinander ein Hindernisparcours ab. Herr Bark, der Sportlehrer, stand am Ende der Strecke und half den Kindern beim Überqueren der Hindernisse. Glücklicher Weise waren die Augen aller Kinder nach vorne gerichtet, so dass Ben sich unbemerkt in der Schlange anstellen konnte. Naja, beinahe unbemerkt: Maik, sein bester Freund, sah ihn, verließ seinen Platz und lief auf das Ende der Schlage zu. Maik war einen halben Kopf größer als Ben und an den Schultern deutlich breiter. Er war freundlich und friedfertig. Außer jemand ärgerte seine Freunde, dann verwandelte sich der blonde Maik in einen Berserker.
“Verschlafen?”, fragte er.
Ben nickte nur.
“Vom Drachen erwischt?”
Ben nickte erneut.
“Nachsitzen?”
Ben atmete tief ein und langsam wieder aus. Dann nickte er.
“Bin dabei”, meinte Maik schlicht und ging wieder nach vorne. Doch anstelle sich wieder in die Mitte der Schlange zu stellen, drängelte er sich lautstark vor und stand bald an der Spitze. Mehrere Kinder murrten und einzelne Beschwerden wurden laut.
Herr Bark beobachtete inzwischen die Kinder aufmerksam. “Maik, drängeln dich nicht vor”, rief er.
“Aber Herr Lehrer, ich stehe doch schon die ganze Zeit hier vorne”, erwiderte Maik in gespielt unschuldigem Ton.
“Lüge mich nicht an” - Herr Barks Stimme wurde unmerklich lauter. “Gehe sofort an das Ende der Schlage…”
Maik drehte sich mit dem Rücken zum Lehrer um und ging langsam auf Ben zu. Er grinste.
“… und ich sehe dich heute nach der Schule beim Nachsitzen!”, beendete Herr Bark seinen Satz.
Das war das Gute an Maik: Ben brauchte nicht viele Worte um sich mit ihm zu verstehen. Und Maik brauchte nicht viele Worte um seine Ziele zu erreichen.

Die folgenden drei Schulstunden verliefen ohne große Ereignisse. Doch dies änderte sich, als die große Pause begann. Ben und Maik fanden sich einen Platz auf einer leeren Bank neben den Tischtennisplatten. Zu ihnen gesellten sich Lina und Paul - die Zwillinge. Sie hatten beide braunes Haar, doch damit endeten auch die Gemeinsamkeiten. Lina war aufgeschlossen, laut und aufmüpfig. Paul dagegen war eher zurückhaltend und ruhig. Auch mutig konnte man ihn nicht nennen. Doch das was ihm an diesen Eigenschaften fehlte, machte er mit Klugheit und Wissen wieder gut. Er war der schlaue Kopf der Gruppe - was ein guter Beobachter natürlich auch an seiner Brille erkennen konnte. Die vier saßen da, aßen ihre Butterbrote und erzählten sich die Erlebnisse aus den Herbstferien, als sich hinter ihnen dunkle Schatten bedrohlich erhoben…

Bevor die Geschichte weiter geht, sollten wir ein paar Worte zu der Rangordnung der Schüler in der Schule sagen. Dieser Blickwinkel spiegelt natürlich nur die Sicht von Ben und seinen Freunden wieder und sollte nicht als Maßstab für diese oder eine andere Schule genommen werden.
In Bens Schule gibt es vier Jahrgänge, das heißt, dass es erste Klassen gibt, dass es zweiter Klassen gibt, dass es dritte Klassen gibt. Und natürlich - ein Lob an alle die es erraten haben - gibt es auch vierte Klassen. Von jedem Jahrgang gibt es drei Schulklassen. In jeder Schulklasse gibt es ungefähr zwanzig Schüler. In Summe sind in Bens Schule also ungefähr 240 Schüler. Das sind ganz schön viele Schüler, die hier bei Laune gehalten werden müssen. Diese Aufgabe obliegt zwölf Lehrern und Lehrerinnen - zu diesen kommen wir jedoch etwas später.
Ben und seine Freunde befinden sich in der zweiten Klassen. Alle Kinder der zweiten Klassen sind mehr oder wenigen ganz normale Menschen. Menschen, wie sie im Bilderbuch stehen, würde man sagen, wenn man die Tatsache auf den Punkt bringen müsste.
Die Schüler der ersten Klasse, sind dagegen kleine unreife Quälgeister. Würde man die Rolle dieser Schüler in einem Fantasiebuch beschreiben, wären dies lauter nervige Kobolde, störende Gartenzwerge, winzige Wichte und schmutzige Gnome. (Nicht vergessen, es handelt sich hierbei um die Sicht der Dinge aus der Perspektive von Ben und seiner Freunde. Der Autor dieses Buches hat mit dieser Sichtweise nichts zu tun.)
Die vierten Klassen sind überhebliche Schnösel und eingebildete Langweiler, welche von oben herab auf die unteren Klassen blicken. Sie kommen sich ach so schlau vor weil sie die ersten drei Klassen (meist unbeschadet) überlebt haben. Sie fühlen sich den anderen Kindern körperlich und geistig überlegen. Auch wenn es in manchen Punkten stimmen mochte, war es trotzdem nicht fair sich so zu verhalten. Ach ja, natürlich wären die vierten Klassen verwöhnte Aristokraten, faule Prinzen und arrogante Elfen - würden wir weiterhin Vergleiche mit fantastischen Welten ziehen.
Übrig bleiben die Drittklässler. Was soll man zu denen groß sagen? Gefangen zwischen der gewöhnlichen Vergangenheit eines Zweitklässlers und der prunkvollen Zukunft eines Viertklässlers konnte man als Drittklässler ja nur verrückt werden. Daher ist es nicht weiter verwunderlich, dass die meisten Kinder der dritten Klassen einfach durchdrehen und das dritte Jahr ihrer schulischen Laufbahn in einem Zustand völliger geistiger Umnachtung verbringen. Sie sind entweder doof, blöd oder bescheuert (meistens auch alles drei auf einmal). Sie prügeln sich gerne mit anderen (oder auch untereinander) und sind absolut unberechenbar. Die Pausen verbringen sie unter ihresgleichen in dunklen Ecken des Pausenhofes und schmieden düstere Pläne, die sich darum drehen, wie man jüngeren Schülern am geschicktesten das Pausengeld abnimmt oder die Macht über das Königreich “Schule” an sich reißt. Also ganz normale Dinge, mit denen sich Schüler in den dritten Klassen halt so beschäftigen. Verständlich, dass sie in unserem kleinen Theaterstück die Rollen von dummen Orks, schwerfälligen Ogern, geldgierigen Banditen und zwischendurch auch die Rolle von hirnlosen Zombies übernehmen.
Nachdem wir nun unser Verständnis für die Welt rund um Ben geschärft haben, können wir mit den aktuellen Geschehnissen fortfahren.

… als sich hinter ihnen dunkle Schatten bedrohlich erhoben. Die vier Freunde drehten sich um. Als sie die Urheber der Schatten sahen, reagierte jeder der Freunde auf seine eigene Art und Weise, was Rückschlüsse auf den jeweiligen Charakter erlaubte.
Ben verdrehte seine Augen und stöhnte genervt auf. Maik ballte seine Hände zu Fäusten und strahlte voller Vorfreude über sein ganzes Gesicht. Lina ging einen großen Schritt nach vorne und sah den Schatten mit zusammengekniffenen Augen herausfordernd entgegen. Paul machte einen winzigen Schritt nach hinten. Sein Gesichtsausdruck wechselte ununterbrochen zwischen Panik und Entschlossenheit.
“Skret’sch”, presste Maik voller Abscheu zwischen seinen Zähnen hervor.
Vor ihnen stand ein kleinwüchsiger ungepflegter Junge. Sein Körper war schmächtig. Sein Gesicht mit Pickeln überseht. Seine schwarzen ungekämmten Haare standen in alle Richtungen ab. Man hätte ihn für einen schmutzigen Erstklässler halten können, wäre da nicht ein gemeines bösartiges Glitzern in seinen Augen und das abgeklärte verruchte Grinsen in seinen Drittklässlergesicht.

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