Aqua

Langsam füllte sich die Badewanne mit Wasser. Der duftende Schaumberg wuchs unaufhaltsam, so auch Ihre Vorfreude auf ein entspannendes Bad. Sie stellte die Flasche Wein sowie ein Glas auf die marmorne Ablage neben der Gusswanne, verteilte mehrere Kerzen im Raum und löschte das Licht in der restlichen Wohnung. Ein letzter prüfender Blick und schon ließ sie ihre Kleider zu Boden gleiten und stieg in das warme Badewasser. Sie schloss ihre Augen, lehnte sich zurück und ließ sich vom wolligen Gefühl umhüllen.
Anfangs dachte sie, dass es schwierig sein würde, sie, ganz alleine in der großen neuen Wohnung. Als Elvin sie wegen einer anderen verlassen hatte, kurz nach dem der Mietvertrag unterschrieben wurde, wusste Jessica zuerst nicht was sie tun sollte. Die einstmalige Traumwohnung hatte sich in eine Alptraum verwandelt. Die ersten Wochen des Alleinseins waren hart. Von "Sich-das-Leben-nehmen", über "Ich-zeige-es-dem-Dreckssack" bis "Wer-braucht-schon-die-Männer" hat sie jede Art von Gefühlen durchgemacht. Schlussendlich hat sie sich dann doch für das Letztere entschieden und sich mit aller Kraft in ihre Arbeit gestürzt. Nun sind fünf Monate vergangen und ihr ging es besser, als sie es jemals für möglich gehalten hätte. Berufstechnisch war sie auf dem Höhepunkt ihrer Karriere und die Wohnung war zum größten Teil eingerichtet. Im Nachhinein musste sie gestehen, dass mit Elvin an ihrer Seite, sie in dieser kurzen Zeit auf keinen Fall so weit gekommen wäre. Sein Schlussmachen hat ihr die nötige Energie und den besonderen Antrieb gegeben um das zu erreichen, worauf sie jetzt mit Recht stolz sein durfte. Sie war zur Seniorpartnerin innerhalb der Kanzlei aufgestiegen und hatte damit weitaus mehr erreicht, als nur finanzielle Genugtuung. Sie arbeitete zwölf Stunden pro Tag, sechs Tage die Woche, Woche für Woche, Monat für Monat. Doch heute war Sonntag und dieser Tag gehörte seit Stunde Null, wie sie scherzhaft den Zeitpunkt, an dem er sie verlassen hatte nannte, gehörte Ihr alleine und nur ihr alleine, möge da kommen was will.
Der Kerzen flackerten kurz als durch das gekippte Fenster ein leichter Luftzug wehte und unruhige Schatten tanzten um sie herum.
Sie griff nach dem kühlen Wein und nippte genüsslich daran. Sie war wirklich glücklich. Wer hätte gedacht, dass das Leben ohne einen Mann an ihrer Seite so erfüllend sein kann. Möglicherweise kommt die Zeit, in der sie sich einen neuen Partner wünscht, doch nicht heute. Und morgen mit Sicherheit auch nicht, genau so wenig übermorgen.
Sie fühlte sich wohl und sorglos, fast schon wie früher. Als Kind lag sie solange in der Badewanne, bis ihre Haut schrumpelig wurde und die Mutter zum x-ten Mal an der Tür klopfte damit sie rauskam. Dort träumte sie von der Zukunft und von ihrem Märchenprinzen. Danach drückte sie mit der Hand ihre Nasenflügel zusammen, sog die Lungen voller Sauerstoff und tauchte in ihrem imaginären Ozean nach den schönsten Perlen. Nun einige Jahrzehnte und Dutzende Märchenprinzen später, blieb ihr nichts anderes, als das Tauchen. Doch das letzte Mal lag schon einige Jahre her. Sie lächelte und stellte das Glas beiseite. Hielt sich die Nase zu, atmete tief ein und tauchte unter. Genau so wie früher eröffnete sich in alle Richtungen ihre Unterwasserwelt. Smaragdgrüne Unterwasserwälder und glänzende Fischschwärme umhüllten sie auf der Suche nach den glitzernden Schätzen. Es war wirklich wie früher.
"Jesssssica", hörte sie plötzlich aus einer unbestimmbaren Richtung.
Dies hatte sie so überrascht, dass sie vergaß unter Wasser zu sein und für einen Augenblick den Mund öffnete. Wasser lief ungehindert in ihre Luftröhre und sie richtete sich prustend und spuckend in der Badewanne auf. Doch außer ihr war kein Mensch im Badezimmer.

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