Freiheit

Jens kam am Hauptbahnhof in Zürich an. Freiheit! Endlich war er unterwegs. Gerade mal drei Tage war es her, als er und seine Klassenkameraden während einer feierlichen Zeremonie ihre Abiturzeugnisse erhalten hatten. Dreizehn Jahre geistiger Schinderei fanden ein abruptes Ende. Auf einmal war man frei. Frei von Lernzwängen. Frei vom täglichen Trott. Vor allem die letzten beiden Jahre waren für Jens, der nie ein besonders guter Schüler war, Stress pur. Während andere die Sommer im Freibad verbrachten, saß er in seinem Zimmer und büffelte Mathe, Geschichte, Latein - alles Dinge, die ihm weder Spaß machten, noch besonders leicht fielen. Doch nicht desto trotz hatte er es geschafft. Die nächste Stufe in seinem Lebenslauf, Studium oder eine Ausbildung, konnte warten. Er wusste ohnehin nicht, in welche Richtung er sich weiter entwickeln sollte. Auch hier war er anders als seine Freunde, die sich schon seit längerem entschiede nund an den entsprechenden Fakultäten eingeschrieben, bzw. sich um Ausbildungsstellen beworben hatten. Vielleicht würde die anstehende Reise ihn bei dieser wichtigen Entscheidung voran bringen. Hoffentlich würde ihn sein zweimonatiger Trip durch Europa reifen lassen und die Entfernung von Zuhause eine differenziertere Sicht auf die Dinge erlauben.
Nun aber Schluss mit den schwerwiegenden Gedanken - der Spaß sollte an dieser Stelle auch nicht zu kurz kommen.
Er war in Zürich. Seine erste Station auf der umfangreichen Reiseroute. Von Hamburg aus, war er die ganze Nacht durchgefahren und stand nun in der Morgendämmerung vor dem dunkelgrauen Bahnhofsgebäude inmitten eine noch leeren Stadt. Er ließ seinen Blick über den Platz schweifen und stellte mit Bedauern fest, dass sich Gebäude, die kaum weiter als hundert Meter standen, im Nebel verloren.
Da hätte ich gleich daheim bleiben können, dachte er etwas enttäuscht. Beschloss aber sofort sich nicht die Laune vermiesen zu lassen; die Sonne würde schon kommen und den Nebel vertreiben - so ist es immer. Er schaute auf seine Armbanduhr. Kurz nach fünf Uhr. Er müsste noch zwei bis drei Stunden totschlagen, dann würden die Lokalitäten aufmachen und er würde sich ein kleines Frühstück mit reichlich Kaffee genehmigen können. Vorerst musste aber eine Zigarette ausreichen.
Einen Tag wollte er sich Zeit nehmen um die Stadt zu besichtigen. Um die wichtigen Punkte auf seine Liste der obligatorischen Sehenswürdigkeiten abzuhacken, sollte dies ausreichen. Abends würde er den letzten Zug nehmen und sich weiter nach Italien aufmachen. Rom, wäre dann die nächste Station. Dafür hatte er mindestens drei Tage vorgesehen. Aber alles der Reihe nach.
Er betrat erneut die Bahnhofshalle und suchte den Bereich mit den Schließfächern. Dort deponierte er seinen Reiserucksack und begab sich mit leichtem Gepäck in Richtung Altstadt.
Auf seinem Weg durch die Straßen setzte sich das Bild, welches Jens in Bahnhofsnähe von der schlafenden Stadt bekam, fort. Die Straßen waren menschenleer und zwischen den Häusern verschluckte der Nebel die Sicht bereits nach einigen Metern. Bereits nach wenigen Minuten füllten sich Jens' Kleider klamm an und die kühle Morgenluft trug das ihrige zum allgemeinen Unwohlsein bei. Jens streunte halb blind durch die engen Seitengässchen und verfluchte sich dafür, nicht in am Bahnhof geblieben zu sein um dort in Trockenheit und Wärme auf den nahenden Tag zu warten.
Er schaute auf die Uhr. Gerade mal eine halbe Stunde war vergangen und die Aussicht auf weitere Stunden unter diesen unbehaglichen Umständen war nicht sehr verlockend. Jens beschloss die erste kleine Niederlage zu akzeptieren und in die Sicherheit des Bahnhofs zurück zu kehren. Er hatte sich stets einen guten Orientierungssinn zugeschrieben, nun durfte sich diese Theorie beweisen. Er drehte um und lief los.
Der Rückweg gestaltete sich leichter als Jens dachte. Immer wieder konnte Jens eine Kleinigkeit entdecken, die ihm bekannt vorkam. Mal war es ein markanten Vorsprung in Form eines Löwenkopfes an der Ecke eines Hauses. Mal war es ein breiter reich verzierter Portalbogen eines Hauseinganges, der sich nach oben hin im milchigen Nebel verlor.
Plötzlich kamen zu Jens' eigenen Schrittgeräuschen ein weiteres Paar hinzu. Klack-klack klang es auf dem Kopfsteinpflaster: erst dumpf und weit entfernt - der Nebel schien auch dem Schall Schwierigkeiten zu bereiten - doch mit jedem Satz wurden die Schritte lauter und es war nicht zu bestreiten, dass sich die Person dahinter auf ihn zubewegte.
Jens versuchte vergeblich das mulmige Gefühl in seiner Bauchgegend zu ignorieren und setzte seinen Weg fort. Doch das ständige Klack-klack hinter ihm machten es ihm unmöglich sich zu konzentrieren. Egal wohin er abbog, die Schritte schienen ihn zu verfolgen. Dabei nutzte es gar nichts, dass Jens selbst mit seinen weichen Sneakern beim Laufen kaum Geräusche machte. Bevor der Verfolgungswahn Überhand gewann, suchte sich Jens eine kleine Nische zwischen zwei Häusern und versteckte sich darin. Damit sein schwerer Atem ihn nicht verriet, hielt er die Luft an. Gegen sein ohrenbetäubend pochendes Herz fand er jedoch keine Lösung.
Er musste nicht lange warten. Ein dunkler Schemen ging zügig an ihm vorbei. Jens erhaschte nur einen kurzen Blick auf die hochgeschossene Gestalt, dann verschluckte der Nebel die Person. Die Gestalt lief noch einige Meter sicheren Schrittes weiter, blieb dann stehen und schien sich orientieren zu wollen. Jens begann zu schwitzen. Augenblicke später traf sein Verfolger eine Entscheidung und bewegte sich rasch weiter. Bald verstummten die Schritte in der Ferne.
Jens wartete noch einige Minuten. Alles blieb ruhig. Erst dann verließ er sein Versteck und fand ohne weitere Zwischenfälle zum Bahnhof.
Dort verbrachte er zwei weitere Stunden. Während dieser Zeit schien sich die Stadt zu wandeln. Die aufgehende Sonne vertrieb den hartnäckigen Nebel und tauchte die Stadt in eine freundliche Atmosphäre. Die Strassen füllten sich mit Menschen. Wie vorgenommen setzte sich Jens in ein angenehmes Straßencafé, trank in Ruhe seinen Kaffee und ließ nach dem morgendlichen Schreckerlebnis die Tag entspannt angehen.
Bis zum Abend hackte Jens die Sehenswürdigkeiten auf seiner Agenda Schritt für Schritt ab. Er kam gut und stressfrei voran. Es war ein tolles Gefühl seinen Tag nicht nach dem üblichen Marathon durch zu hetzen, sondern sich zwanglos treiben zu lassen. Trotz der Hochlaune und den Ablenkungen einer neuen Stadt erwischte er sich mehr als nur ein Mal dabei sich einzubilden verfolgt zu werden.
Jens beendete seinen Rundgang in der Stadtmitte. Die Armbanduhr zeigte 19:00 Uhr an. Genug für den ersten Tag fand Jens und beschloss den Abend mit einem Besuch in einem zahlreichen Straßencafés ausklingen zu lassen, bis der Nachtzug in Richtung Rom geht hatte er noch einige Stunden. Er setzte sich bei nächsten Café an einen der kleinen Bistrotischchen und nahm die Speisekarte.
Als er bei GERICHT XXX landete hörte er wie einer der Stühle an seinem Tisch über den Asphalt kratzte. Jens schaute auf und blickte in das sympathische Gesicht eines südländisch aussehenden jungen Mannes.
"Ist dieser Platz frei? fragte dieser in akzentfreiem Deutsch.
"J... ja." erwiderte Jens zögernd und durch die unerwartete Frage vollkommen überrumpelt, denn um ihn herum stand mehr als nur ein Tisch frei.
"Danke! Mein Name ist Luca", der Neuankömmling streckte Jens seine Hand entgegen.
"Hi. Ich heiße Jens."
"Hallo Jens. Du kommst aus Deutschland?" hackte Luca nach.
"Ja, ist so offensichtlich?"
"Auf deinem T-Shirt steht Bayern-München samt den dazugehörigen Logo der Fußballmannschaft - da war es nicht schwer den Nationalstolz in Verbindung mit deinem Ursprungsland zu bringen." Luca grinste auf eine offene und charmante art.
"Ah, natürlich!" Jens lachte herzlich auf und das anfängliche Misstrauen verflog. Vielleicht war es doch gar nicht mal so schlecht nach dem langen einsamen Tag etwas Konversation zu treiben.
Im Laufe des Gesprächs kamen viele interessante Themen auf und Jens fand in Luca einen vielseitigen und netten Gesprächspartner. Schnell war die Lokation gewechselt und Bier nahm den Platz von Kaffee ein. Luca kannte viele Leute aus dem Züricher Nachtleben und bald zog Jens mit einer größeren Gruppe Feierwilligen durch die Nacht. Der Zug nach Rom war vergessen.
Der Alkohol floss und nach und nach zog ein weiterer Nebel auf - doch diesmal existierte dieses Naturphänomen ausschließlich in Jens' Kopf. Diskolicht und Farben wirbelten in bizarren Kompositionen vor Jens' Augen. Neue Gesichter vermischten sich mit überflüssigen Namen. Das Antlitz eines blonden Mädchens kreuzte immer öfter Jens' Blickfeld, bis es vollständig und kompromisslos seine Welt ausfüllte. Eine Berührung. Ein Kuss. Ein Parfüm mit Duft nach Sommer, voller süßer Versprechungen und endloser Möglichkeiten. Ihre Hände an seinem Körper. Seine Hände in Ihrem Körper. Ein dunkler Hinterhof. Die warme Nachtluft. Ein animalisches Verlangen. Speichel. Schweiß. Leises zweistimmiges Stöhnen. Und schließlich der Gipfel einer Erregung, die mit einem letzten Stoß die absolute Erlösung brachte.
Jens öffnete seine Augen - absolute Dunkelheit. Sein Schädel drohte zu zerspringen. Der Gestank nach Erbrochenem brannte in seiner Nase und der Geschmack in seinem Mund verriet den Ursprung dieser halbverdauten Speisereste. Die phosphoreszierten Zeiger der Armbanduhr zeigten mit 08:47 Uhr die zeitliche Dimension an, trugen mit der schwachen Leuchtkraft jedoch nichts dazu bei, die räumliche Komponente der Gleichung aufzulösen. Jens holte sein Handy raus und stellte teilnahmslos fest, dass das Gerät keinen Empfang hatte Wenigstens als schwacher Ersatz für eine Taschenlampe war es zu gebrauchen, denn der kleine Bildschirm erleuchtete schwach die Umgebung. Mit Hilfe dieser Notbeleuchtung und seines Tastsinnes bestimmte Jens seine Umgebung. Eine Erkenntnis, die ihm zwar mehr Informationen brachte, aber nicht gerade zu seiner Laune beitrug. Es hatte den Anschein, dass er sich in einem mittelgroßen Metallkontainer befand, welcher bis auf Jens absolut leer war. Den einzigen möglichen Weg nach draußen schien ein Tor an einer der Wände zu bilden, welches aber scheinbar von außen verriegelt war und von innen keinerlei Öffnungsmechanismen anbot. Jens versuchte die vergangene Nacht zu rekapitulieren - leider vollkommen ohne Erfolg. Einzelne Szenen der letzten Stunden schwirrten zusammenhangslos durch seinen Kopf und weigerten sich mit aller Kraft in eine chronologische Reihenfolge gebracht zu werden.
Urplötzlich brach die Panik aus und Jens schlug wie von Sinnen mir geballten Fäusten gegen die rauen Metallwände. Sein Gehirn schaltete sich aus und der Überlebensinstinkt übernahm die Kontrolle. Das einzige, wozu sein Körper im Stande war, war sich mit aller Kraft gegen die Barriere zu wehren. Eine Barriere, die unerklärlicher Weise zwischen ihm und dem Rest der Welt stand.

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