Mutations

München, 12. April - 22:36 Uhr

Der Wachmann der hauseigenen Security schritt wie fast jede Nacht seit beinahe fünf Jahren seine Route um den Gebäudekomplex ab. Die weitläufigen Außenanlagen der Shine Inc. waren sein Aufgabenbereich. Genauer gesagt sein und das drei weiterer Kollegen, die in einem zufällig bestimmten Rhythmus die einzelnen Teilbereiche des riesigen Areals zugeordnet bekamen. Shine Inc. war bekannt für ihre verschwenderische Architektur. Vor allem die Grünanlagen um die eigentlichen Konzerngebäude konnten nie groß genug sein. Shine Inc. rechtfertigte diese übertriebene Selbstdarstellung stets mit der Sorge um das körperliche und seelische Wohlergehen seiner Angestellten und das Bereitstellen kleiner grüner Oasen der Ruhe und der Entspannung, sei eine der Maßnahmen dieser Mitarbeiter freundlichen Konzernpolitik. Gegner des Konzerns hielten dagegen, dass es sich hierbei um reine protzige Prahlerei vor der Konkurrenz und der restlichen Welt handelte, denn wie sonst soll erklärt werden, dass z. B. auch eine eher unwichtige Shine Inc. Niederlassung in in der Stadmitte von München mit nicht mal fünfzig Angestellten eine Parkanlage von fünf Hektar besaß.
Doch dieser Streit kümmerte den Wachmann eher wenig. Wie die meisten Angestellten des Wachdienstes war auch dieser Wachmann nach bestimmten Kriterien ausgewählt worden. Eine optisch ansprechende Erscheinung, gepaart mit extremer Muskelkraft. Unwichtig, oder wäre unerwünscht treffender, war beim Personal dieser Abteilung Intelligenz. Leute mit Grips, stellen viel zu viele Fragen, Positionen, die keinerlei Denkarbeit benötigen, sollten auch dementsprechend besetzt werden - stand einst in einer internen Rundmemo des Vorstandes an alle Personaler. Jede offene Stelle sollte mit einer Person ausgefüllt werden, die genau die Fähigkeiten und Fertigkeiten mitbringt, die die entsprechende Stelle verlangt. Nicht mehr und nicht weniger. Optimalität ist es, die Shine Inc. zu dem Konzern gemacht hatte, der er heute ist - hieß es weiter im entsprechenden Memo.
Doch auch Sorgen dieser Art plagten den Wachmann eher weniger. Stereotypisch für sein Profil, drehten sich seine Gedanken um heiße Blondinen, schnelle Autos und die angesagtesten Steroide.
Aber auch diese Gedanken wurden den Wachmann nie wider beschäftigen. Dies verhinderte die sieben Zentimeter lange Klinge eines Rasiermessers, welches plötzlich aus der Dunkelheit auftauchte und ihm die Halsschlagader durchtrennte. Der Angriff kam absolut unerwartet und unabwehrbar, fast so, als wäre der Angreifer unsichtbar.


München, 13. April - 09:43 Uhr

"Und wo wollen Sie hin?" rief eine arrogante Stimme hinter ihnen und ein Polizist kam auf die beiden zu.
"Hauptkommissar Brenner, vom Morddezinat!", blaffte der Mitfünfziger in Zivil den jungen Uniformierten an und wedelte mit seiner Dienstmarke vor dem verdutzten Gesicht der Streife.
"Tut mir leid, Herr Hauptkommissar, ich konnte nicht wissen...", stammelte der andere eingeschüchtert und lies der Älteren durch.
"Dies ist mein Kollege Kommissar Geiger. Darf er auch durch oder benötigen wir hier eine Leibesvisitation?", stichelte Brenner und nickt auf einen Herren, ebenfalls in Zivil, neben sich.
"Das geht natürlich auch in Ordnung", stotterte der Junger Polizist und hob in plötzlicher Hilfsbereitschaft das rot-weiß gestreifte Absperrband an.
"Was lernen die Jungspunde überhaupt noch, wenn ihnen nicht mal die Gesichter der eigenen Kollegen bekannt sind!", brummte der Hauptkommissar vor sich hin und spielte den Beleidigten.

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