Neblige Straßen

Ich saß in meinem klapprigen VW 3er Golf und ließ mich von "Smells like teenspirit" berieseln. Ich hatte das Lied in meinem Leben schon so oft gehört, dass ich es inzwischen auch ohne Radio problemlos in meinem Kopf hätte abspielen lassen können. Um der eintönigen Dunkelheit um mich herum zu entkommen, summte ich vor mich hin und ließ meine Gedanken schweifen. Die grün beleuchtete Uhr am Armaturenbrett zeigte 23:22. Ich war müde und freute mich auf mein Bett. Den ganzen Tag verbrachte ich bei einem Studienfreund in Coburg. Er hatte dort eine Arbeitsstelle angenommen und benötigte Hilfe bei der Renovierung seiner neuen Dreizimmerwohnung. Leider hatte ich am nächsten Morgen eine wichtige Familienfeier, so dass ich die Wahl hatte, entweder bei ihm zu übernachten und am nächsten Morgen in der Früh den zweistündigen Heimweg zurückzulegen oder mich aber an diesem späten Abend noch ins Auto zu setzen. Da ich schon immer eine Übernachtung in eigenen vier Wänden jedem auch so gemütlichen Gästezimmer vorzog, entschied ich mich für die zweite Möglichkeit und saß nun hier und hörte Nirvana.
Im Lesen von Straßenschildern war ich eine absolute Niete. Vor allem in der Nacht hatte ich mit meinen schlechten Augen Schwierigkeiten den Buchstabensalat auf den urplötzlich auftauchenden Schildern schnell genug zu entziffern. So war es kein Wunder, dass ich die geplante Autobahnauffahrt verpasste und mich nun auf einer engen kurvigen Landstraße von Dorf zum Dorf bemühte. Alle fünf bis zehn Minuten durchfuhr ich kleinere Ortschaften, die selten aus mehr als zwanzig Häusern bestanden. Nach einer halben Stunde verloren diese menschenleeren Dörfer ihren Reiz. Auch meine Vorsicht vor möglichen Fußgängern, die unerwartet eine Straße überqueren könnten, nahm ab und ich unterschied in meiner Fahrgeschwindigkeit weder Dorf, noch Wald.
Nach diesem arbeitsreichen Tag war ich müde und hatte Schwierigkeiten meine Augen offen zu halten. Um mich wach zu halten, brüllte ich einige Lieder mit und versuchte mich an eigenen Songtexten. Ich war so vertieft in mein pseudomusikalisches Tun, dass ich die Veränderung um mich herum erst recht spät bemerkte. Entgegen den letzten dreißig Kilometern, fuhr ich schon länger durch kein Dorf mehr hindurch. Auch die blendenden Scheinwerfer entgegenkommender Autos fehlten mir auf sonderbarer Weise. Egal in welche Richtung ich schaute, ich sah kein Licht. Über mir war ein sternenklarer Himmel und um mich herum dunkle Umrisse vom Hügeln und Wäldern, die sich schwarz gegen den dunkelblauen Horizont abhoben.
Eine asphaltierte Straße führt immer irgendwohin, versuchte ich mich zu beruhigen. Ich kurbelte mein Fenster herunter und ließ kühle Luft in das Fahrzeuginnere - ich kämpfte noch immer mit der Müdigkeit. Der Lichtkegel meiner Scheinwerfer wiesen mir unermüdlich den Weg. Mal hüpften sie in einer engen Kurve vom Baum zum Baum, mal durchpflügten sie den grauen Asphalt als ich die zahlreichen Hügel auf und ab fuhr. Baum folgte auf Baum, Hügel folgte auf Hügel, immer wieder das gleich Bild. Diese Monotonie arbeitete meiner Müdigkeit zu und kurzzeitig verlor ich mich in einem Sekundentraum.
Ein unerwartetes gleißendes Licht, das ich sogar durch meine geschlossenen Augenlieder wahrnahm, ließ mich zur rechten Zeit aufschrecken. Geblendet durch ein entgegenkommendes Auto riss ich das Lenkrad instinktiv nach rechts und schlitterte hilflos über die enge Landstraße. Ich hörte die wütende Hupe des an mir vorbeirasenden Fahrzeugs. Ein schrilles Geräusch, das umso mehr an Dringlichkeit gewann, als dass es hier inmitten der sonst absolut stillen Umgebung getätigt wurde und zusätzlich meinen benommenen Geist vollkommen überraschend traf. Ich verlor die Kontrolle über das Fahrzeug und konnte mich nur noch hilflos am Lenkrad festkrallen als der Wagen die Böschung herunterpolterte. Diesmal boten mir die beiden Lichtkegel mehr Abwechslung. Kurzzeitig sah ich den Asphalt, dann folgten verschiedenartige Büsche, dazwischen erkannte ich hohes Gras und niedrige Bäume. Sogar einige Blumenarten konnte ich während meiner Rutschpartie identifizieren. Endlich kam der Golf zum Stehen und beleuchtete nun erneut eine dichte Mauer aus Bäumen. Bis auf diese beiden grellen Schneisen war es um mich herum absolut dunkel - und still, denn der Motor verstummte, sobald das Auto zum Stehen kam.
Einige Male drehte ich den Schlüssel herum, in der Hoffnung mich hier mit der Kraft der modernen Technik schnellstens heraus katapultieren zu können - leider erfolglos. Der Motor schien genug Aufregung für den heutigen Tag gehabt zu haben und verweigerte jegliche Funktion. Was sollte ich nun tun? Hier im Auto sitzen und auf den Morgen warten? Mich an die schwachen Hoffnung klammern, dass die altersschwache Batterie die Scheinwerfer und mich durch die Nacht begleiten würde? Oder sollte ich meinen ganzen Mut zusammenkratzen und mich zu Fuß auf den Weg machen. Das nächste Dorf sollte nicht mehr weit liegen und wenn ich mich die Landstraße entlang bewege, sollte nichts schief gehen.
Die Uhr zeigte 00:15 und der Morgen war noch einige Stunden entfernt. Ich hasste das Warten. Schon seit meiner Kindheit stieß mich alles, was mit dieser Tätigkeit zu tun hatte ab. Ich öffnete das Handschuhfach und kramte in dortiger Unordnung herum, bis ich die schwarze Maglite fand. Zusätzlich steckte ich ein Schweizer Taschenmesser ein und fühlte mich schon etwas sicherer. Dann schloss ich meine Augen, damit sich diese an die Dunkelheit um mich herum gewöhnen konnten und schaltete die Autoscheinwerfer ab. Ich sammelte mich kurz und war schließlich bereit mich der Dunkelheit zu stellen. Ich stieg aus, sperrte sicherheitshalber den Wagen ab und machte mich auf den Weg.

Schier stundenlang folgte ich der leeren Landstraße. In keiner der beiden Fahrtrichtungen sah ich auch nur ein einziges Auto. Kein Wunder, beruhigte ich mich, um diese Uhrzeit schlafen die meisten Leute und fahren nicht durch die Gegend. Apropos Uhrzeit, ich sah auf meine billige Armbanduhr: 01:03 Uhr. Soviel zu meinem Zeitgefühl, ich war nicht mal eine volle Stunde unterwegs.
Dank der kühlen Nacht, war ich nun wach und fit genug um mich über meinen aktuellen Zustand aufzuregen. Ich verfluchte alle Autos, ich verfluchte alle leeren Straßen, ich verfluchte den Mangel an Dörfern in unserem Land. Und ich verfluchte den feuchten Nebel, der leise, aber keineswegs unauffällig aus dem Wald um mich herum zur Straße zog. Schon spürte ich wie meine Kleider klamm wurden und es mich trotz meines raschen Marsches zu frieren begann. Ich lief schneller, musste aber schon bald meine Geschwindigkeit drosseln. Der Neben wurde so dicht, dass ich mich stellenweise nur tastend vorwärts bewegen konnte. Schritt um Schritt ging ich weiter und konnte die Straße neben mir nur erahnen.
Plötzlich hörte ich in einiger Entfernung ein dumpfes Grollen. Es war kein Grollen eines nahenden Gewitters am Horizont. Es klang eher wie das Brummen eines schwerbeladenen LKWs, begleitet von einem leichten, fast unbewusstem Erzittern der Umgebung. Doch entgegen des durchgehenden Dröhnens - wie ich es von großen Fahrzeugen kannte - wurde dieses hier in regelmäßigen Abständen von kurzen Ruhepausen unterbrochen. Trotz diese Beobachtung klammerte ich mich am Gedanken des LKWs fest.
Die Gefahr bei diesen Wetterverhältnissen von einem Zwanzigtonner überrollt zu werden, schoss mir als erstes in den Kopf. Durch die Bodenbeschaffenheit unter meinen Füßen vergewisserte ich mich nicht auf der rauen Landstraße zu stehen und knipste die Taschenlampe an. Ich machte mir nicht sehr viel Hoffnung auf diese Art entdeckt zu werden, doch leider war es in diesem Moment meine einzige Möglichkeit mich bemerkbar zu machen.
Das Geräusch kam immer näher und das rhythmische Vibrieren des Bodens wurde stärker. Es war inzwischen so nah, dass ich sogar in diesem Nebel schon das Leuchten der Nebelscheinwerfer sehen müsste. Doch dieses Leuchten blieb aus.
Plötzlich traf mich etwas schweres an meiner Brust. Ich wurde einige Meter auf die weiche Wiese zurückgeschleudert und war durch diese unbeschreibliche Wucht für einen kurzen Moment benommen. Augenblicke später versuchte ich mich wieder aufzurichten und erstarrte inmitten der Bewegung als ich erkannte, was mich da getroffen hatte. Im wirbelnden Nebel sah ich etwas gewaltiges und monströses an der Stelle vorbeiziehen, an der ich mich nur wenige Sekunden zuvor befand. Ich meinte einen meterhohen Körper zu erkennen, der zwar geschuppt wie der einer Schlange war, doch war dieser Rumpf in regelmäßigen Abständen in ausladende Wülste unterteilt und glich damit einer riesigen Raupe. Der dichte Nebel verbarg den Körper in alle Richtungen und macht es mir unmöglich weder die Höhe, noch die Länge dieses Ungetüms zu bestimmen. Der mächtige Leib bewegte sich Zug um Zug immer weiter und legte eine Geschwindigkeit an den Tag, welche von einem Wesen solchen Ausmaßes kaum zu erwarten war. Wie eine organische Eisenbahn donnerte das Ungeheuer im Schein des zittrigen Scheins meiner Taschenlampe vorbei und verschwand in der Dunkelheit. Der wallende Nebel beruhigte sich gemächlich und hüllte mich erneut ein. Schnell knipste ich das verräterische Licht aus, ließ mich auf den Boden fallen und krabbelte auf allen Vieren über das feuchte Gras. Endlich fand ich eine Kuhle. Ich ließ mich hinein fallen und rollte mich wie ein Fötus zusammen. Dort lag ich dann - von feuchter Kälte und einem unbeschreiblichen Grauen zitternd - die ganze Nacht hindurch. Mehrere Male hörte ich Gebrüll und Schreie, die ich keinem der mir bekannten Waldbewohner zuordnen konnte. Glücklicherweise kamen diese Geräusche stets aus der Ferne und spielte sich nicht in meiner unmittelbaren Umgebung ab.

Erst als am Morgen die warmen Sonnenstrahlen den Nebel vertrieben hatten, traute ich mich aus meinem Versteck. In nicht mal hundert Meter Entfernung sah ich die Landstraße. Auf dem Weg dorthin, sah ich mich nach Spuren der letzten Nacht um - vergebens. Zwar war eine breite Schneise im hohen Gras zu erkennen, welche zwischen dem Bäumen im Wald verschwand, doch sie wies auf den ersten Blick keine ungewöhnlichen Merkmale auf. Leider hatte ich keine Zeit mehr zum Überlegen, den einige Hundert Meter entfernt blitzte auf der Straße etwas metallisches auf. Ein Auto, schoss es mir durch den Kopf und ich lief schreiend und winkend. die letzten Schritte zur Straße
Ein kleiner grüner Laster hielt quietschend an und der freundliche Fahrer nahm mich bis zum nächsten größeren Dorf mit. Dort angekommen, reichte ein kurzes Telefonat und mein Bruder kam eine Stunde später mit seinem Auto samt Anhänger vorbei. Wir fanden mein Auto und machten uns daran dieses auf den Anhänger hinaufzuschieben und fest zu binden. Die ganze Zeit über wollte ich meinem Bruden über den nächtlichen Vorfall berichten, doch je länger ich darüber nachdachte, desto unglaubwürdiger schien mir die Geschichte. Im Tageslicht betrachtet, ergab das Erlebnis keinen Sinn und verlor beinahe seinen Schrecken. Wie konnte ich das Geschehene einem Mensche erklären, der nicht dabei war, wenn sogar ich am Wahrheitsgehalt zweifelt? Ich beschloss das Erlebnis für mich zu behalten und tat es auch - bis zu diesem Zeitpunkt.

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