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KLARE SICHT

1.

"Einen schönen Tag, mein Schatz. Bis heute Abend", verabschiedet sich Claudia, seine Frau. Hermann Berger umarmt sie, gibt ihr einen flüchtigen Kuss und begibt sich zu der ausladenden Ausfahrt der neuen Villa. Er schaut auf seine Uhr, es wird wieder knapp, in nur einer halben Stunde muss er im Büro bei der Besprechung sein. Der Weg von seinem Vorort, bis in die Stadt dauert normalerweise alleine schon fünfundvierzig Minuten. Sie würden schon auf ihn warten, schließlich ist er der Star der Rechtsanwaltkanzlei. Er steigt in seinen neuen nachtschwarzen Porsche ein, dreht den Schlüssel um und gibt Gas. Der vierhundert PS starke Motor heult auf und erschreckt eine getigerte Katze, die im Garten des Nachbarn in der Morgensonne döste.
Als er vom Armaturenbrett aufblickt, sieht er seine Frau die Stufen des Hauses heruntereilen. Sie winkt ihm zu und hält Etwas in der anderen Hand. Durch das Brüllen des Motors versteht er zwar ihre Worte nicht, erkennt aber die kleine hellbraune Papiertüte, die er fast jeden Morgen vergisst. Diese enthält sein Mittagsessen. Von Claudia liebevoll zubereitet, leider nach einem cholesterinarmen Rezept: keine Mayonnaise, keine Fleischprodukte und folglich auch keinen Geschmack. Sie macht sich sorgen um seine Gesundheit, dafür ist er ihr sehr dankbar. Doch diesen Fraß würde er nicht mal anfassen wenn der Tod persönlich ihn zwingen würde.
Er kurbelt das Fahrerfenster herunter, nimmt in gespielter Dankbarkeit die Tüte entgegen, küsst seine Frau zum wiederholten Mal und rast gewohnheitsgemäß rückwärts aus der weitläufigen Ausfahrt.
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DER PLASTIKMENSCH

Einst brannt die Erde, löschte Leben.
Was folgte, war das letzte Soll,
Rasch schaffte man sich zu erheben,
Auf zu den Sternen, Schiffe voll.
Die Reise weit, der Weg gefährlich,
Wo viele Menschen, da viel Groll.
Der Kampf um Macht, nicht immer ehrlich,
Mit Schaden war bezahlt der Zoll.

Saturn, und dann scharf um die Ecke,
Verborgen in dem dunklen Raum,
Liegt dort gerollt wie Erdenschnecke,
Verschmolzen mit dem Farbenschaum,
Der matte Glanz einst stolzen Feste,
Davor bewohnt von Seelen reich,
Doch nun, es häufen sich die Reste,
Verschwunden all des Lebens Weich.

Man schwebt nun näher an den Kreisel,
Metall wohin dein Auge schaut.
Vor langer Zeit sich selbst als Geisel,
Erstarrt, was Menschenhand erbaut.
Maschinen schweigen, dunkle Stille,
Kein Lebewesen mehr an Bord.
Zu schwach des Sterblichen der Wille,
Entweder starb er, sonst flog fort.

Schau dort, ein Klang ist hell zu hören,
Im Rumpfesinneren und deutlich nah,
Befangenheit, darf man die Toten stören,
Genügt der Schmerz nicht, denn man sah?
Doch Neugier ist ein Gegner schweren Schlages
Und lockt mit allerfeinster Fantasie,
So auf, sonst reuet es doch eines Tages
Erwarten mag, was sah ein andrer nie.

Durch Schleusen, Trümmer, Barrikaden,
Durch Tränen, Angst, Verfall und Pein,
Bewegt man sich auf steifen Waden,
Bedenkt dabei des Menschens Sein.
Erreicht ist bald die eine Stelle,
Erkannt wird hier die letzte Wacht.
Kriecht dort, beschienen durch der Monde Helle,
Ein Androidenkörper durch den Schacht.

Ein Roboter, wie er einmal zum Dienen,
Erschaffen wurde, millionenfach kopiert,
Konnt er der gnadenlosen Zeit entrinnen,
Beschädigt zwar und virulent verwirrt.
Doch ist er da und wird es nicht lang dauern,
Dann baut er seine kranken Welten auf.
Er wächst im Schutze dieser starken Mauern,
Nimmt keine Kompromisse mehr in Kauf.

TRäUMEND

die bunten tiere tanzen fröhlich ringelreihen
der rote fuchst grinst mir schelmisch zu
es teilen sich die grünen pflanzenwälder
die gelbe sonne brennt erbarmungslos hinzu
die wüste glüht und flimmert mit der stauben luft
drei glitzergoldensterne werfen strahlen
die blauen augen schweben in dichten rudeln
der schmale weg verliert sich zwischen groben felsen
feige soldaten versperren alle straßen
die tigerkatze ist alleine unterwegs
die graue maus entschwebt mit schirmes hilfe
es schneit, die rosa blüten fallen unentwegt
klares wasser sucht sich neue richtung
digitale zahlen schweben hoch hinauf
eine gestalt bewegt sich durch die welten
ergraute kinder weisen richtung kelten

GEDRäNGT IN DIE SELBSTSTäNDIGKEIT

Kein Bock mehr zu suchen, zu betteln, zu stottern, mich unter Wert zu verkaufen, in die arroganten Gesichter zu blicken und dabei möglichst nicht zu grinsen. Habe echt keine Lust mehr bei den ganzen banalen Kinderspielchen mit zu machen.

Zum Beispiel:
Lassen wir denn Bewerber doch mal etwas länger in dem leeren Raum warten und beobachten unbemerkt per Kamera wie er sich verhält. Psychologie nennt man sowas, P-S-Y-C-H-O-L-O-G-I-E, meine Herren - ich bin zu tiefst beeindruckt!

Oder:
Knallen wir doch mal den Anwesenden gleich am Anfang mit unzähligen Informationen und bescheuerten IT-Fachbegriffen zu. Mal schauen wie er reagiert: ob er nun anfängt zu heulen - weil er sich klein und dumm vorkommt, denn die Hälfte von dem Gesagten hat er nicht verstanden, wir selber natürlich auch nicht - oder ob er sich vor Lachen auf dem glänzenden Parkettboden windet - weil er unsere irrsinnige Strategie durchschaut hat?
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ELF TAGE

Elf Tage noch, bis zur kompletten Vernichtung.
Elf Tage noch, dauert der Weg in die Richtung.
Die wir vor Jahrtausenden flinke einschlugen
Und all die Verschuldung den Kindern aufluden.

Nun gibt's keine Rettung und gar kein Entkommen,
Was einmal erweckt war, verdeckt nun die Sonnen.
Es tötet die Bäume, führt Mord an den Tieren,
Verpestet die Welt mit den glubschigen Viren.

Die Bauten verrotten und brechen in Zwei,
So war es doch immer, denkt einer dabei.
Vergisst er die Schönheit, dass diese davor,
Am Anfang des Ganzen, auf Ewig gefror.

Warum soll man brechen mit ebenen Straßen?
Warum auch die sichere Hütte verlassen?
So kümmert sich doch jeder Andere drum,
Hier, tief in mir drin, bin ich dagegen immun.

So laufen die Stunden, vergehen die Tage,
Es wird immer dunkler - zu frech die Blockade.
Und dann, eines Monats, da ist es zu spät.
Doch trotz dieses Wissens, hält jeder Diät.

Elf Tage vergehen im schnellen Gespanne.
Elf Tage, es reicht um zu füllen die Wanne.
Nun ist es genug, denn der Überlauf droht,
Schenkt Neuen das Leben und Alten den Tod.

DIE STIMME

Es gibt einen kleinen und runz'ligen Alten,
Der redet zu mir, sagt wie uns zu verhalten.
Er spannt unter Röcke und ich krieg die Schläge,
Nur er, erntet Beeren durch unsere Wege.

Was soll ich nur tun, denn er ist wirklich laut,
Er wirft mit dem Worte und ich werde verhaut.
Er sagt zu mir: tu das, und wenn ich sag: Nein!
Dann stellt sich dem linken das rechtere Bein.

Vor Frauen, da lässt er die Sinne verschwimmen.
So, dass meine Sprache und Tun nicht mehr stimmen.
Sie lachen und gehen, auch er freut sich sichtlich,
Dass wir unter uns bleiben, ist ihm ziemlich wichtig.

So sind wir allein und tun alles zusammen.
Gern würde ich diesen aus meinem Kopf rammen.
Doch dann gibt's Migräne, schlag ich mit der Wucht,
Ihr könnt es mir glauben, denn ich hab's schon versucht.

DEINE RACHE

Wenn er redet, wenn er schreit,
Wenn er sagt: er wär bereit,
Wenn er trinkt und wenn er isst,
Wünscht du, dass er sich vepisst.

Wenn er meint: du wärst die Eine,
Wenn er denkt: du bist die Seine,
Wenn er schmeichelt, schamlos lügt,
Weißt du, dass er dich betrügt.

Wenn es klingelt, ist es sie,
Wenn er Spaß hat - mit dir nie.
Wenn er fährt mit ihr zur Themse,
Grinst du, denn du kennst die Bremse.

EIN ARBEITSFREIER (HALB-)TAG

Der Wecker klingelt, schrill und laut – zum dritten Mal, innerhalb einer halben Stunde. Wir haben 7:15 Uhr. Die Freundin steht auf und schaltet den niederträchtigen Alarm nun endgültig aus. Sie braucht es, meint sie, öfters geweckt zu werden, denn bei den ersten Weckrufen schläft sie sofort wieder ein.
Ich überlege ob auch die Nachbarn im Hinterhaus, unseren Wecker drei bis fünf Mal, so früh am Morgen hören mögen und ob sie die neun Minuten zwischen den einzelnen Alarmen auch sofort wieder einschlafen? Na gut, immerhin hat sich das letzte halbe Jahr über noch keiner beschwert.
Ich drehe mich nochmals um und versinke wiederholt im Schlaf. Träume von schwarzen Digitalweckern, wie ich diesen leidenschaftlich das sich windende Stromkabel herausreise, wie ich mit einem rasiermesserscharfen Speer langsam und genüsslich die kunststoffennen Leiber durchbohre, die verhassten Wecker vor mich in die Höhe strecke und triumphierend grölend im Kreis hüpfe. Das Leben könnte so einfach sein.
Schmatz, ein Kuss landet irgendwo in meinem Gesicht – die Freundin ist bereit und geht zur Schule. Im Halbschlaf erwidere ich unverständlich einen Abschiedsgruß und schlummere noch zwei weitere Stunden.
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ZWISCHEN DEN WELTEN

Der neu gefallene Schnee knirschte beruhigend unter meinen Schritten. Die eiskalte Winterluft brannte stechend in meinen erhitzten Lungen und vermittelte mir das Gefühl von Stärke.
Ich liebte diese Nächte. Ein Mal pro Woche fuhr ich hinaus aufs Land und lief in einem nahe gelegenen Wäldchen meine späte Runde. Früher habe ich mit meiner Mutter hier in der Nähe gelebt. Doch irgendwann, im Kindesalter, verließen wir mein Heimatdorf und zogen in die Stadt - an den Grund dieses Umzuges konnte ich mich nicht mehr erinnern. Auf eine mir unerklärliche Art und Weise zog mich dieser Ort immer noch magisch an. Woche für Woche wiederholte ich diese Prozedur, die für mich schon seit beinahe fünf Jahren zu einem festen Ritual geworden war. Ich glaube, ich begann damit kurz nach dem Tod meiner Mutter. Weiterlesen weiterlesen

CHARAMAN

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CharaMan (Charakter Manager) ist eine Personenverwaltung, die Autoren und Schriftstellern die Handhabung von fiktiven Charakteren erleichtern möchte.


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