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DER GEDANKENREKORDER

Kennt ihr auch das Problem mit den kreativen Gedanken, wenn es dann an die Ausführung dieser geht? Oft vor dem Schlafengehen, wenn ich mich grad ins Bett lege und der vergangene Tag besonders stressig und voll tausender kleiner Aufgaben war, bekomme ich einen Gedankenflash in Form von unzähligen kurzen Bildsequenzen. Diese fantastischen Bilder und Ideen rasen so blitzschnell vor meinem geistigen Auge vorbei, dass ich nicht anders kann, als mich hilflos zurück zu lehnen und mich einem rauschähnlichen Staunen hinzugeben. Jeder Versuch, das Stattfindende in seiner Gesamtheit für spätere Aufarbeitung zu merken, ist vergeblich. Zu langsam und zu leistungsschwach ist das Gehirn für derartige Herausforderungen. Möchte ich einzelne, besonders tolle Sequenzen speichern, scheitert eine zufriedenstellende Ausführung an zweierlei Problemen.
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ER SOLLTE FLIEGEN

Gunter schlief wie immer auf der linken Seite und mit dem Rücken zur Wand. Von Zeit zur Zeit murmelte er Unverständliches vor sich hin, heulte jaulend auf und kratzte sich gewohnheitsgemäß an der rechten Hinterbacke. Dann kam das genüssliche Schmatzen und schon fand der rechte Daumen im Mund des Schlaffenden Platz. Kaum dass die saugende Wirkung der Lippen nachließ, platschte die Hand weich auf den dreckübersäten Boden neben dem Bett und verharrte ruhig bis zum nächsten Hinterbackenkratzer.
Eigentlich war Gunter ein sehr netter Mensch. Er war freundlich zu Hunden und Katzen, wartete geduldig an der Roten Ampel und teilte gerne seine Schokolade auch mit unbekannten Menschen. Das heißt, er würde seine Schokolade mit diesen unbekannten Menschen teilen, wenn diese unbekannten Menschen nicht ständig vor ihm wegliefen. Er verstand nicht ganz was die anderen gegen ihn hatten. Er war höflich und freundlich, zuvorkommend und hilfsbereit. Wieso wurde er stets wie ein Außenseiter behandelt? Er war doch genauso wie die restlichen Leute hier in Siegenheim. Weiterlesen weiterlesen

GINA MANDARINA

Die kleine Gina Mandarina mochte all die Jungs, die großen.
Ihren Ersten hatte sie im Vaters Hinterhof, gleich drüben bei den Rossen.
Nachdem er heftig in ihr kam, kassierte sie 'nen Dollar,
Denn sie war doch nicht blöd, nein, nein - das wäre ja noch toller!
Sie lernte viel und wusste bald worauf die Männer standen,
Sie sprach vulgär, tat Dinge so, dass sich die Herren wanden.
Als eines Tages Freier kam, mit Messer in der Rechten,
Fand sie das Spielchen einfach toll und wollte Neues testen.
Mit einem Male färbte sich das Bett beliebte rot
Und während sie noch Lust empfand, war sie schon mausetot.
Er fuhr mit ihr die Klippen hoch und warf sie über'n Rand,
Sie trieb paar Tage in der See, bis Fischer sie dort fand.
Er freute sich des Fundes wegen, nahm die Leiche mit,
Und hatte eine Menge Spaß damit, trotz dieses Messers Schnitt.

DAS GUTE BöSE

Wie jeden Abend bewegte sich die seltsame Gestalt zielstrebig durch die leeren Straßen der ländlichen Vorortschaften. Die untergehende Sonne tauchte die Gegend in einen unwirklichen orangenen Schein und gab den üppigen Pflanzen und Bäumen ein sanftes Grün. Ein fanatischer Dichter hätte hier von märchenhafter Landschaft und romantischer Atmosphäre gesprochen, doch dieser Gestalt im dunkelgrauen Anzug und dem nüchternen Auftreten eines Handelsreisenden, lag nichts daran sich mit Gefühlregungen jeglicher Art zu befassen. Dadurch war ihr der Weg zur vergleichender Poesie vollkommen verschlossen und es sollte auch so bleiben - für die Ewigkeit.
An einem modernen Reihenhäuschen mit der kitschig weißen Umzäunung, schlug sie bedenkenlos das Gartentor auf und betrat uneingeladen einen privaten Bereich. An die acht Meter führte der akkurat gepflasterte Weg durch frischgemähten Rasen und endete vor einer schlichten Eingangstür. Ohne Zögern drückte der fremde Besucher den glänzenden Knopf der Klingel und wartete geduldig - die lederne Aktentasche in der linken Hand. Weiterlesen weiterlesen

GRUNDLAGEN DES (KOLLEKTIVEN) GLüCKS

Heute auf dem Klo kam mir ganz spontan der folgende Gedanke. Möglicherweise kann jemand etwas damit anfangen...

Getrieben von dem Wunsch nach Glück und absoluter Erfüllung ist die Zufriedenheit des Einzelnen stets an die aktuelle Situation der ihn umschließenden Gemeinde gebunden. Das Glück ist eindeutig relativ und gewinnt nur durch eine Verhältnissetzung der Umwelt zu dem einzelnen Individuum an messbarer Bedeutung. Ist kein aktueller Vergleich zu der Umwelt möglich, sollte auch die vorangegangenen Erfahrung des Glücksuchenden bedacht werden. Auch diese wirkt sich auf die Empfindung aus und fördert das unausweichliche Bestreben nach Mehr in sinkender oder steigender Weise.
Auch in der totalen Isolation ist ein kurzzeitiges Erreichen des glücksähnlichen Zustandes durchaus möglich. Doch kann dieser in der Abschottung der absoluten Einsamkeit nicht von langer Dauer sein. Sind keine Gegenüberstellung zu Mitmenschen möglich und herrschen - aus welchen Gründen auch immer - keine vergangenheitsbedingte Erfahrungen, dann greift der jedem Menschen angeborene Trieb nach einer Steigerung des augenblicklichen Wertbe- bzw. gefühlbedingten Zustandes. Alleine schon aus Instinkt strebt der Mensch nach Höherem und wird die Vernunft hinzuaddiert, sollte es niemanden wundern, dass die menschliche Evolution in einem ungeheuren Tempo recht ungehindert voranschreitet.
So ist es nicht verwunderlich, dass jeder zuweilen Unzufriedenheit verspürt und sich nach einer, wenn auch minimalen, Änderung seines Lebens sehnt. Natürlich sollte sich die eingeschlagene Richtung nach Möglichkeit aufwärts bewegen.

DAS KIND

Das Kind, das mag nur ständig spielen,
Vermeiden möchte es des Vaters Arbeitsschwielen.
Doch sollte es sich stets beeilen,
Denn Zeit, sie bleibt nur selten weilen.
Kaum schaut das Kind sich um, fortan
Ist es schon bald ein alter Mann.

DES STEINES WUNSCH

Am Wegesrand ganz tief in der staubigen Sandwüste lag ein einsamer Stein. Er lag dort schon seit Jahrtausenden und sein größter Wunsch war es einmal die Welt zu bereisen, viele abenteuerliche Orte zu sehen und neue Freunde zu gewinnen. Doch da er wirklich schwer und sehr unförmig war, konnte er sich aus eigener Kraft nicht bewegen. Eines Tages bat er den vorbeiziehenden Wind darum, ihn mit der mächtigen Kraft der Luft zu unterstützen. Der freundliche Wind wollte dem unglücklichen Stein helfen und willigte sofort ein. Er wehte und stürmte und gab sein Bestes, doch auch nach mehreren Stunden mühsamer Arbeit, konnte er den Stein um keinen Millimeter bewegen. Höfflich entschuldigte sich der Wind und bot dem niedergeschlagen Stein an, einen Freund, den Regen zu holen. Möglicherweise würden beide gemeinsam dem Stein helfen können. Der unglückliche Stein schöpfte neue Hoffnung und wartete geduldig. Weiterlesen weiterlesen

DIE MAHLZEIT MIT DEM FEIND

Eigentlich sollte Helmut Geiger ein sehr glücklicher Mensch sein. Er sah gut aus und war in seiner Beruf als Staatsanwalt sehr erfolgreich. Er kannte eine Menge wichtiger Leute und was Frauen anging, da hätte er jede Nacht eine andere haben können oder mehrere auf einmal - was nicht selten vorkam. Er hatte in seinen jungen Jahren mehr erreicht, als die meisten Menschen in ihrem ganzen Leben erreicht haben würden. Doch eine Sache nagte immer wieder an seinem mächtigen Ego und ließ ihn sein durchaus vollkommenes Glück nicht genießen. Seit seiner Kindergartenzeit hatte er einen Freund im Nachbarhaus. Sie gingen später auch gemeinsam auf Schule, besuchten die gleiche Uni und erhielten sogar beide im selben Anwaltsbüro einen Arbeitsstelle. Soweit, so gut. Doch leider gab es die ganze Zeit hindurch ein Problem. Egal was der Helmut tat, sein Kumpel, Arno Hecht, war immer etwas besser. Ob es um Schulnoten ging, ob es der Beliebtheitsgrad bei Freunden und Kollegen war, ob es die Menge und Qualität der weiblichen Bekanntschaften anging, Arno war einfach immer der eindeutige Sieger. Und trotzdem war er weder hochmütig noch geizig, weder nachtragend, noch neidisch. Er war stets offen und freundlich, höfflich und hilfsbereit. Und vielleicht waren es genau diese Eigenschaften, die ihm seinem Freund gegenüber einen stetigen Vorteil sicherten. Weiterlesen weiterlesen

DAS PISSOIRPINKELNRENNEN

Man nehme ein Pissoir und mindestens zwei Teilnehmer mit je einer randvollen Blase. Es ist wichtig zu beachten, dass im unteren Pissoirbereich der normale Wasserspiegel vorherrscht. Ist dies nicht der Fall, einfach mit einigen kurzen Drückern auf die Spülung nachhelfen. Nun gibt man eine kleine, 0,5 - 1,0 Zentimeter kleine schwimmende Kugel ins Wasser. Am besten vom Rand reinrollen lassen, den sonst besteht hier eine sehr hohe Gefahr das pfuige Innere des Beckens zu berühren. So, die Rennfläche ist vorbereitet. Jetzt wird entschieden, wer von den Teilnehmern anfangen darf. Dazu greift jeder in die Hose des anderen und wer den Kürzeren zieht, darf beginnen. Wer genau weiß, dass er auf diesem Weg verlieren würde, kann natürlich auch ganz unverbindlich die altbekannte Methode mit den Streichhölzern vorschlagen. Ist der Erste bestimmt worden, dann heißt es 3, 2, 1 und pullern. Dabei sollte entweder links oder rechts von dem Wasserinhalt gezielt werden. Ziel ist es im Wasser einen Strudel zu erzeugen und die schwimmende Kugel dient hierbei als Orientierungspunkt. Ein unvoreingenommener Schiedsrichter zählt die Kreise, die diese Kugel zurückt legt. Hat der eine Teilnehmer seine ganze Munition verschossen, kommt der nächste dran. Wer am Ende die meisten Umdrehungen geschafft hat, ist der eindeutige Sieger. Ganz wichtig: Händewaschen nicht vergessen.

Ein kleiner Tipp zum Schluss: Während dieses spannenden Wettkampfes eine Videokamera laufen lassen. So kann man, wenn gerade mal kein Fußball im Fernsehen läuft, sich mit Freunden bei einem kühlen Bierchen ganz gediegen einen netten Videoabend machen.

ZURüCKHALTUNG

Damals war ich an einer verrufen Volksschule in unserem gettoähnlichem Stadtteil. Ich stand in der Pause halb verdeckt von Büschen an der hinteren Schulmauer und beobachtete wie so oft das bunte Geschehen auf dem überfüllten Schulhof. Dank den unzähligen Aussiedlerwohnheimen in diesem Stadtteil und dem überdurchschnittlich hohem Anteil an Armut, waren hier alle Nationalitäten vertreten. Nicht nur auf den Straßen schlossen sich die Zugehörigen eines Landes zu Gangs zusammen. Diese nationalen Gruppenbildungen kannte ich auch aus unserer Familie. Als Spätaussiedler kamen wir vor einigen Jahren nach Deutschland und wurden auch prompt hierher verfrachtet, zu den ganzen anderen geduldeten Ausländern aus der großen weiten Welt. An unserem ersten Tag wurden wir von unseren Landsleuten begrüßt und unter deren Fittiche genommen. Sie begleiteten uns bei Behördengängen, zeigten uns wo man kostenlos Nahrung und Klamotten abstauben konnte und nannten uns die Regeln, die es in diesem wilden Mix aus verschiedensten Kulturen zu beachten galt. Wir hatten Glück und gehörten als Russen zu einer der mächtigeren Gruppierungen dieser Gegend. Neben den Türken und Chinesen, waren wir die drittgrößte "Macht" im Viertel. Jede Nationalität blieb unter sich und wenn Kontakte mit den Anderen geschlossen wurden, dann waren diese ausschließlich geschäftlicher Natur. Weiterlesen weiterlesen
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