Die Vertreibung aus dem Paradies

Das Arbeitszimmer, die letzte Zufluchtsstätte eines modernen Mannes. Monate lang arbeitet Mann daran diesem kleinen Raum eine persönliche (Duft-)Note zu verleihen. Im Rahmen der Gemütlichkeit verteilt Mann in mühevoller Kleinstarbeit getragene Kleidungstücke der körpernahen Art auf dem anfangs kahlen kalten Fußboden. Stapelt technische Gerätschaften zu eindrucksvollen deckenhohen Türmen, um zu heilenden meditativen Schwankbewegungen dieser kühnen Bauten, sich entspannen und abschalten zu können. Aus unzähligen leeren Bier(-mixgetränke-)flaschen entstehen im Laufe der Zeit beeindruckende Säulengänge von majestätischer Erhabenheit - welche tapfer den Jahrhunderten zu trotzen vermögen. Comichefte und Magazine mit Inhalten zwischenmenschlicher Zusammenkünfte der hüllenlosen Art, teilen sich in fried- und respektvollem Nebeneinander die entlegenen Bereiche dieser exotischen Oase der Ruhe und Behaglichkeit. Eine dezente Lichtquelle taucht dieses warme, liebevoll eingerichtetes Nest in geheimnisvolles Zwielicht. Das leise Schnurren des PC-Lüfters in Kombination mit dem melodischen Klackern von prall gefüllten Festplatten komplettieren dieses paradiesische Gemälde mit der weichen Musik einer digitalen Vollkommenheit.
Ja, hier ist Mann (gerne) zu hause...

Doch welches Glück wäre vollkommen, wenn es gegen die Grausamkeit der zeitliche Limitation gefeilt wäre? So kommt Mann eines Tages heim und findet sein Reich von barbarischen Vandalen verwüstet in Trümmern liegen. Die Jalousienen erbarmungslos nach oben gerissen, so dass das gleißende Licht die empfindlichen Augen schmerzvoll verbrennt. Die Fenster stehen weit offen, so dass die ekelhaft frische Luft einem den Brechreiz in den Hals treibt. Die stolzen Säulengänge aus Glas: geraubt. Der wertvolle Bodenteppich aus Kleidungsstücken: entwendet. Die kunstvollen Bauwerke: demontiert. Die Hefte und Bücher: säuberlichst aufgeräumt - zu charakterlosen Stapeln degradiert. Sogar die Magazine mit Inhalten zwischenmenschlicher Zusammenkünfte der hüllenlosen Art: nach Jahrgängen geordnet!!!
Warum! - schreit Mann laut auf. Warum, diese sinnlose Gewalt?! Welches Ungeheuer ist in der Lage den Garten Edens so gnadenlos zu verwüsten? So grausam und so rücksichtslos kann doch kein Mensch sein...!
Doch! - stellt Mann mit Erschrecken fest, als Frau leichtfüßig um die Ecke schwebt und gut gelaunt ein Liedchen trällert.
Oh ja, so etwas gibt es wirklich, muss Mann sich resigniert eingestehen und entdeckt etwas fürchterliches in der Hand von Frau: die Schlange den Staubwedel!

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