Die Qualen eines Programmierers

Wer meint, das Leben eines Programmierers wäre frei von realen Gefahren und lähmender Angst, würde in mir seit einigen Tagen einen absoluten Verfechter der gegenteiligen Theorie finden. Im Moment dokumentiere ich "historisch gewachsene" Software und was ich dort entdecke, wenn ich in die dunklen Tiefen des Quellcodes hinabsteige, stellt sogar das bösartige Grauen in den Schatten, welches einen in den schwarzen Hallen von Moria erwartet.
Die Benennung und die Funktion von manch Variablen, Methoden und Tabellenspalten sind oft so schleierhaft, wie die Denkweise von geistig verwirrten Dunkelzwergen. Viele Code-Konstrukte, sind so wackelig, dass es einem Angst und Bange wird, die Bauten auch nur mit den Augen zu verfolgen - ein falscher Blick und schon fällt alles zusammen. Wehe dem, der Änderungen an diesen instabilen (Alt-)Beständen durchführen muss. Gebe es einen virtuellen Kompass oder eine Karte, um einem die sichere Navigation innerhalb der IO-Umgebung gewährleistet, würden diesen patentverdächtigen Gerätschaften hier hoffnungslos versagen. Sogar das altbewährte Krümmel-Spur-Legen hilft an dieser Stelle nur bedingt weiter, denn die Halbwertszeit eines Gebäckes (auch des virtuellen, im Rahmen der Lebensdauer eines Magnetspeichers) ist oft deutlich kürzer als der Weg zum Ende (den Rückweg natürlich nicht vergessen) eines Code-geworden Gedankens des meist anonymen Programmierers.
Eigentlich sollte bei Applikationen, denen oben erwähnter Code als Grundlage dient, sofort aus dem Verkehr gezogen werden um andere Teilnehmer der digitalen Datenautobahn nicht zu gefährden (ein regelmäßiger Software-Tüv(tm) könnte hier Abhilfe schaffen), doch da wir als Gesellschaft alles was alt und modderig ist als Kunst betrachten und Wert auf die Erhaltung historischer Ruinen legen - vollkommen egal was der Unterhalt für Aufwand und Kosten verursacht, können wir nicht mit die Altbeständen brechen und einen sauberen Schnitt durchführen. Wir mühen uns weiterhin mit diesen Mutationen altertümlicher Bestände herum, bis der Jüngste Tag kommt und uns von dieser quälenden Pein erlöst.

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