Luftige Papiermenschen

Lian kam heute Nacht ins Schlafzimmer, legte sich wortlos unter die Decke und schlief weiter. Mitten in der Nacht musste er auf die Toilette, wollte jedoch aus Angst partout nicht die vier Meter alleine gehen. Also wurde er begleitet.
Am nächsten Morgen fragte ich ihn was in der Nacht los war und wovor es Angst hatte.
Dann legte er los: "In meiner Tür stand heute Nacht jemand, ein Papiermensch".
"Und wie sah er aus?" fragte ich.
"Er hatte so einen...", er fuchtelte mit den Armen und versuchte geometrische Formen nachzustellen. "Er hatte so einen dreieckigen Kopf und eine Ecke war die lange Nase", er zog sich eine Pinocchio-Nase. "Und er war ganz dünn, wie Papier."
"Wie groß war er?", bohrte ich nach.
"Ungefähr so groß", Lian markierte mit seiner Hand die eigene Größe, korrigierte diese jedoch sofort um Kopf höher.
"Und was machte der Mensch?" Ich versuchte seinen Redefluss am Laufen zu halten.
Voller Begeisterung rannte Lian zu seinem Zimmer, stellte sich in die Tür und streckte demonstrativ die Arme auseinander - soweit es der Türrahmen erlaubte. "Der Mensch stand einfach nur so da. Und auch im Schlafzimmer stand einer", er rannte zur Schlafzimmertür und wiederholte dort die Pose. "Und", er rannte zur Küchentür, "auch hier war einer". Dann dachte er einen Moment nach: "Ich weiß aber nicht ob im Wohnzimmer auch jemand stand, da war ich nachts noch nicht".
"Und was haben die Papiermenschen gemacht, als du sie gesehen hattest?"
"Nichts, sie haben einfach nur weiter geschaut. Dann bin ich durch sie durchgelaufen, damit ich in das Schlafzimmer komme. Vieleicht", er überlegte, "vielleicht waren es Luftmenschen. Weil, ich konnte durch sie durchgehen."
"Wie oft kommen diese Luftmenschen?" fragte ich.
"Sie sind jede Nacht da", meinte er mit ernster Miene.
"Und warum hast du das noch nie erzählt?"
"Ich... ich habe das am Morgen immer vergessen", war seine Antwort.
"Was meintest du, warum sie immer wieder herkommen?"
"Vielleicht finden sie unser Haus schön", meinte er. "Vielleicht", er sah sich um, "wollten sie auch nur mit meinen Spielsachen spielen!" Plötzlich rannte er in Richtung seiner Playmobil-Burg.
Ich ging hinterher und als ich ankam, beugte er sich bereits darüber. "Schau, die ganze Ritter liegen durcheinander", er deutete auf den Haufen von Figuren, Helmen, Schwertern, Schildern und sonstigen Ausrüstungsgegenständen inmitten der Mauern. "Ich glaube, die Luftmenschen haben mit den Rittern gespielt. Schau, da ist alles durcheinander."
"Das kann sein", meinte ich, "vielleicht kommen sie wirklich nur zum Spielen her. Oder haben sie schon mal was böses gemacht?"
"Nein, noch nie. Aber, vielleicht sollten sie nach dem Spielen die Sachen wieder aufräumen?" meinte Lian.
"Das ist eine gute Idee. Sag es ihnen beim nächsten Mal einfach", forderte ich ihn auf.
"Hmm, lieber nicht", war seine Antwort.
Anschließen ging es runter zum Frühstücken.

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